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Die wundersame Rettung eines jüdischen Mädchens

Tamar Dreifuss hat ein anrührendes autobiografisches Kinderbuch geschrieben…

Von Roland Kaufhold

Soll man, kann man Kindern über den Holocaust erzählen? Selbstverständlich – wenn die Beziehung zu den Kindern stimmt. Wenn die Zeitzeugin, der Text des Kinderbuches, die sie untermalenden Bilder, Zeichnungen und Photos die Leser unmittelbar und lebendig ansprechen. Ich habe es selbst im Unterricht mit achtjährigen sprachentwicklungsverzögerten Kindern erlebt, wie sie sich von solchen autobiographischen Erlebnissen – im konkreten Fall: vom autobiographischen Kinderbuch von Peter Finkelgruen und Gertrud Seehaus (2008) – faszinieren lassen.

Nun hat die 1938 in Wilna geborene und aufgewachsene Tamar Dreifuss – sie lebt heute in der Nähe Kölns – ein gleichermaßen anrührendes wie gelungenes autobiographisches Kinderbuch vorgelegt. Die Autorin schreibt über sich: Über „die wundersame Rettung der kleinen Tamar“. Gleich mit den ersten Zeilen gelingt es ihr, gänzlich ohne lähmenden Schrecken einen emotionalen Kontakt zum Leser herzustellen – und zugleich historisches Wissen zu vermitteln: „Ich heiße Tamar und meine Mutter heißt Jetta. Ich kann meine Geschichte erzählen, weil meine Mutter mich beschützt hat. Von 80.000 Juden aus meiner Heimatstadt Wilna sind nur wenige am Leben geblieben. Ich bin eine von ihnen. Meine Mutter hat uns beide gerettet“ (S. 4). Über dem einführenden Text blicken wir auf ein ovales Photo, wo uns die sechsjährige Tamar gemeinsam mit ihrer Mutter anschaut, 1945. Wir erinnern uns an die von Bruno Bettelheim so treffend analysierte Botschaft des Märchens: Hauptsache, es gibt ein glückliches Ende – dann vermögen wir uns auch mit dem Schrecken, dem Bösen zu konfrontieren.

Tamar Dreifuss fährt über ihre Rettung fort: “Als ich sie einmal gefragt habe, wie sie das geschafft hat, hat sie geantwortet: `Du hast mir den Mut dazu gegeben. Ich hatte meine kleine Tochter und musste sie beschützen.“ Um gleich noch, an den jungen Leser gewandt, hinzuzufügen: “Meine Geschichte ist sehr aufregend und auch traurig. Aber Hauptsache, das Ende ist gut. Und das Ende ist gut. Ich bin ja da“ (ebd.).
Dreifuss erzählt einige Szenen aus ihrem Überleben im Ghetto. Immer wieder findet sie Menschen, die sie beschützen. Unter dem Erzähltext wird in kleingedruckten Texttafel vertiefendes historisches Wissen hinzugefügt. Besonders jedoch sprechen die Bilder zu uns: Farbmächtige Zeichnungen (von Birgit Kohlhaas), die in ansprechender Weise mit Fotografien (von Axel Joerss) verschmolzen sind. Wir sehen Alltagsszenen aus Wilna, Fotografien von Verwandten – und ein lebendiges, gezeichnetes Mädchen, das mit seinen lustigen blonden Zöpfen ein wenig an die mutig-verwegene Pippi Langstrumpf erinnert.

1941 muss sich Tamar von ihren Eltern trennen, bei Verwandten, danach in einem Kloster unterschlüpfen: „Es war Sommer, und wir wohnten schon eine Weile in Ponar, als deutsche Soldaten kamen. Wir hatten große Angst, auch die Erwachsenen. Meine Eltern erklärten mir, dass ich für eine Weile bei Tante Jannina wohnen sollte“ (S. 11). Dort erlebt sie eine kurze Phase des Glücks: Wir sehen die gezeichnete Tamar, wie sie mutig auf einem großen Baum herumklettert, unter ihr ihre Tante. Im Text heißt es: “So kam ich in Tante Janninas Haus und lebte dort eineinhalb Jahre gut behütet. Mir fehlte nichts. Die Tante brachte mir auch christliche Gebete bei. Ich wurde sogar katholisch getauft. Der Priester fragte, wie alt ich denn wäre, und ich antwortete: „zwanzig!“ (S. 12)

Eineinhalb Jahre lebt sie dort, mit einer gefälschten Identität, schließlich wird sie denunziert, muss ins Wilnaer Ghetto flüchten. Wir sehen ein dunkel gemaltes Bild, die schutzbedürftige Tamar ist auf den Armen ihres Vaters, der einen Davidstern tragen muss. Schwarze, anonyme Soldaten, mit Gewehren, die wehrlose Menschen, Männer, Frauen, Kinder, mit erhobenen Händen, vor sich her treiben. Menschen können böse sein, so erfahren die kindlichen Leser – und sie waren böse, grausam, die Deutschen.

Gemeinsam mit ihrer Mutter Jetta erlebt Tamar die Deportation in einem Zug. Ihre Mutter unternimmt in einem Durchgangslager einen tollkühnen Fluchtversuch: „Meine Mutter (…) malte sich die Lippen, kämmte mich und band mir eine Schleife in die Haare. Dann nahm sie mich an die Hand und wir gingen. Die Soldaten hatten gerade Pause. Sie saßen da und aßen ihre Brote. Keiner hielt uns auf. Wir kamen bis zu einem Tor aus Eisenstangen. Als wir davor standen, sagte meine Mutter zu mir, ich solle ein Gebet sprechen. In dem Moment flog das Tor auf. Wir sind durch das Tor gegangen“ (S. 20).

Die weiteren Stationen ihrer Flucht, ihres Überlebens, werden einfühlsam erzählt. Immer wieder erlebt sie lebensbedrohliche Situationen, darf gegenüber Fremden nicht sprechen: Wir sehen die kleine Tamar, wie sie mit Hühnern spielt, im Hintergrund wird sie von einem Arbeiter beobachtet: „Wir wanderten von einem Bauernhof zum anderen. Meine Mutter hat jede Arbeit angenommen, die sie finden konnte. Sie war eine sehr zierliche Frau; beim Wäschewaschen ist sie vor Erschöpfung fast einmal in den Kübel hineingefallen. Ich durfte nicht viel reden, um uns nicht zu verraten. Manche Leute meinten, ich wäre taubstumm. Meine Welt wurden die Tiere auf den Bauernhöfen, mit denen ich mich anfreundete und mit denen ich sprach. Mit meinem roten Kleid habe ich die Truthähne geärgert. Sie liefen mir nach, und ich schnitt ihnen Grimassen“ (S. 22).

Wenige Monate später rettet sie ein großer, gefährlicher Hund – der auch auf dem Titelbild des Buches abgebildet ist – vor den Soldaten: Sie verstecken sich in seiner Hundehütte, er tut ihnen nichts, die Soldaten jedoch haben Angst vor ihm.

Tamar Dreifuss und ihre Mutter überleben, ihr Vater wird ermordet. 1945 trifft sie ihren Cousin Samuel Bak wieder – heute ein angesehener amerikanischer Künstler, der ein verständnistiefes, bebildertes Nachwort zum Buch verfasst hat. Wir sehen zwei Kinderfotos der etwa zweijährigen Tamar zusammen mit Samuel, wohl aus dem Jahr 1939 oder 1940. Diese berührenden Fotos rufen in Samuel widersprüchliche Gefühle hervor: Trauer über die sinnlos Ermordeten, aber auch Freude über das Glück des eigenen, gemeinsamen Überlebens. Samuel Bak bemerkt: Im Jahre 2002 standen Tamar und ich, erwachsene Menschen mit eigenen Kindern und Enkelkindern, auf dem Bürgersteig unserer alten Straße in Wilna und blickten hoch zu dem Fenster, welches im Hintergrund jenes alten Fotos zu sehen ist. Ich fühlte eine unermessliche Dankbarkeit für das Wunder unseres Überlebens – aber ebenso eine vertraute und schneidende Wut gegen die Mächte, die dieses Wunder so kostbar gemacht hatten, und so selten“ (S. 30). Und er fügt hinzu: „Tamar geht an Schulen, konfrontiert lebhafte Kinder verschiedenen Alters. Und sie hängen an ihren Lippen. Und Tamar tut es immer wieder und wieder, mit unermüdlicher Hingabe. (…) In die Seele dieser Menschen hat sie das Wissen gepflanzt, was Rassismus bedeutet, was Intoleranz verursachen kann, und was Menschen fähig sind, einander anzutun“ (S. 30). Das Nachwort wurde von der 20-jährigen Philine Lissner vorzüglich aus dem Englischen übersetzt.

Tamar Dreifuss´ ansprechendes Kinderbuch wurde von ihr in enger Zusammenarbeit mit Adrian Stellmacher, der Historikerin Dr. Cordula Lissner , der Judaistin Dr. Ursula Reuter von der Kölner Projektgruppe Jawne erstellt; es erhielt bei einem Wettbewerb der „Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung“ einen Hauptpreis und ist sehr zu empfehlen, auch für den Schulunterricht. Entstanden ist es, dies bleibt noch nachzutragen, im lebendigen Austausch mit der Kölner Gemeinschaftsgrundschule Mülheimer Freiheit und der Tulpenklasse mit ihrer Lehrerin Anke Lug.

Tamar Dreifuss: Die wundersame Rettung der kleinen Tamar 1944. Ein jüdisches Mädchen überlebt den Holocaust in Europa. Betrieb für Öffentlichkeit, Köln 2010, 34 S., 12,90 Euro, ISBN 978-3-932248-13-9, Bestellen?

Mehr zum Buch: http://www.tamars-rettung.de/

Eine kürzere Version dieser Rezension wurde publiziert in der TRIBÜNE. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums Heft 196, 4/2010, S. 198.

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