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Spurensuche im jüdischen Köln

Köln gilt als die deutsche Stadt mit der längsten jüdischen Tradition. Im Jahre 321 wurde sie erstmals urkundlich erwähnt – worauf man in Köln immer wieder gerne verweist. Prägende historische Vertreter des Zionismus – Moses Hess (1812-1875), Max I. Bodenheimer (1865-1940) und David Wolffsohn (1856-1914) – haben hier gewirkt, die frühe zionistische Bewegung des 19. Jahrhunderts maßgeblich geprägt…

Das jüdische KölnVon Roland Kaufhold

In der im Zentrum Kölns gelegenen Richmodisstraße 6 erinnert eine im Gehweg eingelassene großformatige bronzene Gedenktafel an Bodenheimers zionistisches Engagement. Unter dem Motto „Juden aller Länder, vereinigt Euch“ (S. 104) hatte der jüdische Anwalt bereits 1896 von Köln aus die Idee eines jüdischen Staates protegiert. Bereits drei Jahre zuvor hatte er den Kölner Verein zur Förderung von Ackerbau und Handwerk in Palästina ins Leben gerufen. Gemeinsam mit Wolffsohn gründete er in Köln die erste zionistische Organisation. 1899 wurde er zum Mitbegründer des Jüdischen Nationalfonds, dessen Zentrale sich von 1905-1914 in der Richmodisstraße befand. Bodenheimer und Hess wurden auf dem kleinen, idyllischen Friedhof in Köln-Deutz beerdigt, später erhielten sie ihre letzte Ruhestätte in Israel.

Mehr hierüber erfahren wir in dem von der Kölner Historikerin Barbara Becker-Jákli verfassten Stadtführer Das Jüdische Köln. Mit diesem möchte sie, im Taschenbuchformat, über die breitgefächerte jüdische Geschichte und Gegenwart Kölns informieren. Sie schreibt über die Verfolgung während der NS-Zeit, über die Arbeit von Gedenkstätten und Museen und portraitiert bedeutende Persönlichkeiten

Methodisch hat sie sechs jeweils recht umfangreiche Wandertouren durch einige Kölner Stadtteile entworfen, in denen eine Unmenge von historischen Informationen geliefert werden. Alles sorgfältig recherchiert, aber in seiner Dichte und Detailverliebtheit werden sie nicht Jeden interessieren, der mit diesem kleinformatigen Buch durch das heutige Köln wandert. Untermalt werden die Texte durch eine Vielzahl – insgesamt 800! – leider allzu klein gesetzter Fotos und Collagen. Dies wäre für einen großformatigen historischen Band gewiss angemessen gewesen, wirkt bei einem Wanderführer jedoch gelegentlich „erschlagend“.

Von Köln aus reiste 1960, noch incognito, die erste deutsche Schülergruppe, auf der Basis privater Kontakte, nach Tel Aviv, es werden Städtepartnerschaften sowohl zu Tel Aviv als auch zu Bethlehem gepflegt – was nicht immer frei von gelegentlichen atmosphärischen Konflikten war, die von dem dafür zuständigen Referatsleiter Frieder Wolf jedoch in den vergangenen Jahren mit viel Geschick harmonisiert wurden.

Die erste Tour führt uns vom Rathausplatz zum Heinrich Böll Platz – eine kurze Wegstrecke voller jüdischer Geschichte: Vor knapp 600 Jahren war der Rathausvorplatz ein jüdisches Viertel, die vielbesuchte Mikwe sowie die derzeitigen archäologischen Ausgrabungsarbeiten zeugen hiervon. Der Plan zur Errichtung eines jüdischen Museums, von einer Gruppe wohlhabender Mäzene lange vollmündig angekündigt, erwies sich als traurige Luftnummer. Ob es wirklich zum Bau eines jüdischen Museums kommt bleibt ungewiss.

Wir sehen die 124 Figuren berühmter Persönlichkeiten auf dem Kölner Rathaus, darunter acht Figuren Kölner Juden, u.a. Jacques, Offenbach, Edith Stein und Bodenheimer. Ausführlich wird das von Dani Karavan 1986 auf dem Heinrich-Böll-Platz errichtete Ma´alot-Denkmal vorgestellt – einem Gesamtkunstwerk, welches wohl nur von wenigen Besuchern in seiner Tiefendimension erkannt wird. Heute befindet es sich in einem desolaten baulichen Zustand, Gespräche zu seiner Restauration haben bisher zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt. Vor einem Jahr inszenierte Tal Kaizman im Namen des Jüdischen Nationalfonds ein eindrucksvolles musikalisches Event über das Ma´alot-Denkmal, mit 200 Chorsängerinnen aus zahlreichen deutschen und zwei israelischen Chören.

Ausführlich wird das heutige breite jüdische Leben in Köln dargestellt, mit der laut Buch auf 5.000 Mitglieder angewachsenen Synagogengemeinde (die Zahl ist wohl zu hoch gegriffen), der Synagoge in der Roonstraße und dem 2004 auf dem Areal des ehemaligen jüdischen Krankenhauses in Ehrenfeld eröffneten großen Gemeindegebäude, mit Altersheim, Kindergarten und der jüdischen Grundschule mit ca. 80 Schülern. Es wird auch die Jüdische Liberale Gemeinde Gescher LaMassoret portraitiert; im Anhang des Buches werden ergänzend in einem Glossar die wichtigsten Einrichtungen zu jüdischen Themen vorgestellt, einschließlich e-mail-Anschriften. Die von Kaizman seit über 10 Jahren durchgeführten Stadtführungen zum jüdischen Köln sind hingegen unerwähnt geblieben.

Eine weitere Stadtführung führt uns von der Glockengasse – bei der Oper gelegen – zum Appelhofplatz. Dort liegt das zentral gelegene städtische NS-Museum EL-DE Haus mit seinen breitgefächerten historischen und pädagogischen Angeboten. Unweit der Oper befand sich eine große Synagoge, die als „eine der schönsten Synagogen des 19. Jahrhunderts“ galt (S. 90). 1938 wurde sie vollständig zerstört.

Auf dem Rundgang begegnen wir dem in der Albertusstraße gelegenen Lern- und Gedenkort Jawne, einem stillen, berührenden, von einer privaten Initiative gegründeten pädagogischen Gedenkort. An diesem Ort befand sich das von Erich Klibansky geleitete jüdische Gymnasium Jawne, mit bis zu 400 Schülern. Es war Klibansky gelungen, in einer vorausschauenden Rettungsaktion den größten Teil der Schüler mit den Kindertransporten nach England zu retten, Klibansky und seine Ehefrau hingegen wurden nach Minsk verschleppt und ermordet. 1997 errichtete der ehemalige Jawne-Schüler Hermann Gurfinkel auf dem Gelände des ehemaligen Jawne-Schulhofs – dem heutigen Erich-Klibansky-Platz – die Kindergedenkstätte Löwenbrunnen. Die Namen der 1100 ermordeten jüdischen Kölner Kinder sind auf den Bronzeplatten an den Seitenwänden des Brunnens eingeschrieben. Ein würdevoller, jedoch nur schwer zu findender Ort; der hieran anschließende Lernort Jawne gehört zu den schönsten Gedenkorten Kölns, mit regelmäßigen Ausstellungen, Lesungen sowie einer von einer Projektgruppe gestalteten Dauerausstellung. Aus Köln vertriebene ehemalige Jawne-Schüler besuchen diesen Ort regelmäßig.

Die weiteren vier Rundgänge führen uns vom Wallraffplatz zum Griechenmarktviertel mit seinen verwinkelten Straßen; um das Gebiet der Roonstraße mit seiner einzig erhaltenen Synagoge, ehemals ein lebendiges jüdisches Viertel; durch den rechtsrheinisch gelegenen kleinen Stadtteil Deutz sowie durch den heute multikulturellen Stadtteil Ehrenfeld. Immer wieder begegnen wir den ehemals jüdischen Geschäften und Wohnorten prominenter und unbekannter Kölner Juden. Der ehemalige Charakter dieser Orte ist heute weitgehend nicht mehr wiederzuerkennen, es erinnern nur noch die vom in Köln wirkenden Künstlern Günter Demnig verlegten Stolpersteine an deren grausames Schicksal.

Barbara Becker-Jákli: Das Jüdische Köln. Geschichte und Gegenwart. Emons Verlag, Köln 2012, 400 S., 16,95 €, Bestellen?

Zuerst erschienen in der TRIBÜNE (Heft 203, Nr. 3/2012, ,S. 189f. .

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