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Der Letzte der Ungerechten: Der Judenälteste Benjamin Murmelstein im Film

Claude Lanzmann zeichnete im Jahr 1975 für sein epochales Werk „Shoa“ (1985) ein langes Gespräch mit dem Wiener Rabbiner Benjamin Murmelstein (1905 – 1989) auf, das er jedoch nicht in den Film aufnahm. Im Zentrum stand Murmelsteins ambivalente Rolle als hochrangiger Funktionär der von Adolf Eichmann kontrollierten Israelitischen Kultusgemeinde Wien in der NS-Zeit und als „Judenältester“ des Ghettos Theresienstadt…

Lanzmann hat aus diesem Material nun einen eigenen Film gemacht, der am Wochenende in Cannes außerhalb des Wettbewerbs vorgestellt wurde. „Le Dernier des Injustes“ wird bereits als Meilenstein gehandelt.

Bereits im November 2011 erschien in der Wissenschaftlichen Reihe des Fritz Bauer Instituts ein Buch zu diesen Filmaufnahmen: „‚Der Letzte der Ungerechten‘. Der Judenälteste Benjamin Murmelstein in Filmen 1942-1975“, herausgegeben von Ronny Loewy, Leiter des Projekts „Cinematographie des Holocaust“ am FBI und Katharina Rauschenberger, Dr. phil., Programmkoordinatorin am FBI.

Anhand von Lanzmanns Filmmaterial, zwei NS-Filmen von 1942/1944 sowie einem tschechischen Spielfilm von 1962 über Theresienstadt beleuchtet der Band die Darstellung und das Selbstbild Murmelsteins. Damit bietet der Band vertiefendes Hintergrundwissen zum aktuellen Film von Claude Lanzmann.

Genaueres aus dem Vorwort:

In seinem Film Shoah aus dem Jahr 1985 verarbeitete Claude Lanzmann 32 Interviews mit Überlebenden, Historikern, Anwohnern der Vernichtungslager, mit Vertretern der Justiz und mit Deutschen, die in unterschiedlichen Funktionen zu den Tötungen in den Konzentrationslagern beigetragen hatten. Darüber hinaus hatte Lanzmann noch weitere Interviews geführt, die er nicht in den neuneinhalbstündigen Film mit aufnahm. Eines davon war sein Gespräch mit dem ehemaligen Wiener Rabbiner Benjamin Murmelstein (1905-1989). Im Zentrum stand Murmelsteins ambivalente Rolle als hochrangiger jüdischer Funktionär der von Adolf Eichmann kontrollierten Israelitischen Kultusgemeinde Wien und als letzter „Judenältester“ des Ghettos Theresienstadt.

Die Person Murmelsteins wurde nach 1945 gleichsam zum Symbol für die angebliche Kollaboration jüdischer Funktionäre mit dem NS-Regime. Nicht zuletzt an ihm entzündete sich die Debatte über die Rolle der „Judenräte“ und „Judenältesten“, die bis heute zum Teil sehr emotional geführt wird. Murmelstein selbst wollte durch eigene Schriften und Äußerungen immer wieder in die Diskussion eingreifen und auf die Anschuldigungen gegen seine Person reagieren. Er bezeichnete sich selbst als den „Letzten der Ungerechten“, in Anspielung auf einen Roman des französischen Schriftstellers André Schwarz-Bart. Damit brachte er zum Ausdruck, dass er in einem System des Unrechts und der Ungerechtigkeit keine Möglichkeit zu heroischem Handeln hatte. Seine Zeugenschaft wurde jedoch viele Jahre lang nicht anerkannt.

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Das Interview von Lanzmann mit Murmelstein fand 1975 in Rom statt, es umfasst über elf Stunden und gehört zu den ersten Aufnahmen im Rahmen der Dreharbeiten für Shoah. Die Intensität der Erzählweise Murmelsteins, sein klares Urteilsvermögen und die Informationsdichte machen es zu einem überaus spannenden Zeugnis der Verhältnisse in Theresienstadt.

Auf der Jahrestagung 2010 der Arbeitsgruppe „Cinematographie des Holocaust“ – einem gemeinsamen Projekt des Fritz Bauer Instituts, des Deutschen Filminstituts, Frankfurt am Main, und des Hamburgischen Centrums für Filmforschung CineGraph – hatten die Teilnehmer die Gelegenheit, circa vier Stunden des ungeschnittenen Rohmaterials zu sehen. Die Arbeitsgruppe nahm damit eine Idee des Österreichischen Filmmuseums in Wien auf, das bereits im Oktober 2007 eine Veranstaltung zu diesem Filmdokument durchgeführt hatte. Auch auf der Jahrestagung der „Cinematographie“ boten sich zahlreiche interessante Anknüpfungspunkte: die Rolle des Interviewers, Claude Lanzmann, sowie die des Antwortenden, Benjamin Murmelstein, das Ausprobieren von Einstellungen und Szenen für den Film, die Dynamik des Interviews, die historischen Fakten, die dort aufgerollt wurden, und nicht zuletzt die Entwicklung der Persönlichkeiten der beiden Interviewpartner über die Zeit des Interviews hinweg. Diese Themen bestimmten die Vorträge unserer Tagung. Außerdem wollten wir die beiden in der NS-Zeit gedrehten Filme über Theresienstadt – ein Filmfragment von 1942 und den Propagandafilm Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet von 1944 – ebenfalls in die Betrachtung mit einbeziehen sowie den tschechischen Spielfilm Transport z ráje / Transport aus dem Paradies von Zbyn?k Brynych aus dem Jahr 1962.

Diese unterschiedlichen filmischen Quellen sind schwer vergleichbar und müssen, was ihre Aussage und den Einsatz filmischer Mittel angeht, aus der jeweiligen Zeit heraus verstanden werden. Darum bemüht sich der vorliegende Band. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Interview von Claude Lanzmann mit Benjamin Murmelstein, mit dem sich die meisten Beiträge auseinandersetzen.

Zunächst schien es uns angebracht, Murmelstein selbst in zwei Texten zu Wort kommen zu lassen: Der erste ist ein Nachdruck seines Artikels aus der Neuen Zürcher Zeitung vom 14. Dezember 1963, mit dem er zur Debatte um die „Judenräte“ und seine eigene Person Stellung nahm. Der zweite ist ein Ausschnitt aus dem Lanzmann-Interview selbst, in dem die Dynamik des Gesprächs, die Argumentationsweisen, das Verhältnis zwischen Lanzmann und Murmelstein und die Charaktere beider sichtbar werden.

Im ersten Beitrag zeichnet Ronny Loewy den Weg des Filmmaterials für Shoah ins United States Holocaust Memorial Museum nach. Doron Rabinovici nimmt eine Gesamteinschätzung der Persönlichkeit Murmelsteins und seiner Rolle im Ghetto Theresienstadt vor und beschreibt Murmelstein als eine tragische Figur, deren Einfluss wie der aller anderen Inhaftierten sehr begrenzt war. Lisa Hauff stellt Beobachtungen zur Selbstwahrnehmung Murmelsteins an, die sich vor allem auf das Lanzmann-Interview stützen. Darin spricht Murmelstein von sich als Sündenbock für die Überlebenden, als Marionette der SS und als Chronist der jüdischen Geschichte, der ähnlich einem Flavius Josephus stets missverstanden wurde.
Anna Hájková untersucht die Beziehungen Murmelsteins zu Adolf Eichmann und zu Karl Rahm, dem letzten Lagerkommandanten von Theresienstadt. Dabei schildert sie die zwangsläufig asymmetrische Kommunikation zwischen den jüdischen Funktionären und der SS, bei der die Handlungen und Äußerungen der deutschen Befehlshaber für die jüdischen Funktionäre große Bedeutung hatten, die der Juden für die SS-Angehörigen und Lagerkommandanten jedoch nicht. Daniel Wildmann analysiert sehr detailliert die Körpersprache Murmelsteins und Lanzmanns im Interview und die darin zum Ausdruck kommenden Gefühle.

Der Beitrag von Eva Strusková beschäftigt sich mit den Filmfragmenten früher Dreharbeiten im Ghetto Theresienstadt von 1942. Besondere Aufmerksamkeit schenkt sie Aufnahmen, die offenbar nicht für den geplanten Film bestimmt waren und von denen sie vermutet, dass sie von jüdischen Gefangenen zum Zwecke der Dokumentation des Lagers aufgenommen wurden. Karel Margry erläutert die Umstände der Filmaufnahmen für den Propagandafilm von 1944, in dem ursprünglich auch Benjamin Murmelstein eine Rolle zugedacht war. Hanno Loewy schließlich geht auf den tschechischen Spielfilm von Zbyn?k Brynych aus dem Jahr 1962 ein, in dem er versteckte Anspielungen auf Bürokratie, Korruption und Geheimpolizei in der sozialistischen Gesellschaft der Tschechoslowakei entdeckt, nicht aber eine historisch zuverlässige Rekonstruktion der Verhältnisse in Theresienstadt und eine entsprechende Darstellung des Judenältesten Benjamin Murmelstein.

Murmelstein selbst erzählt im Lanzmann-Interview sehr freimütig über sich und seine Tätigkeit als Judenältester. Er war ein ausgezeichneter Beobachter, der die Situation im Lager präzise beschreiben konnte und der harte Urteile fällte. Seine Aussagen können viel dazu beitragen, die Forschung zu Theresienstadt zu ergänzen und zu akzentuieren. Ohne ihm in allen Punkten folgen zu wollen, sind die Autorinnen und Autoren dieses Bands bemüht, seine Situation und Sichtweise zu verstehen. Auch Lanzmann ließ sich von Murmelsteins Argumenten überzeugen und schien zum Schluss sogar freundschaftliche Gefühle für ihn entwickelt zu haben. In gewisser Weise gibt dieses Buch Benjamin Murmelstein eine Stimme als Zeuge aus dem Ghetto Theresienstadt, die ihm in früherer Zeit verwehrt worden ist.

Schoah (Claude Lanzmann)
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