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Viel Lärm um Nichts

Susanna Filbinger-Riggerts Vater-Tochter-Biographie…

Von Orlando Berliner und Susanne Benöhr-Laqueur

Der ehemalige Ministerpräsident Baden-Württembergs, Dr. jur. Hans Filbinger, starb im Jahre 2007. Er wurde 93 Jahre alt. Günter Oettinger, der als amtierender Ministerpräsident die Trauerrede hielt, bescheinigte Filbinger, er sei kein Nationalsozialist sondern im Gegenteil ein Gegner des NS-Regimes gewesen. Es bliebe festzuhalten, es gäbe kein Urteil von Hans Filbinger, durch das ein Mensch sein Leben verloren hätte.

„Furchtbarer Jurist“

Oettingers Äußerungen riefen einen Sturm der Entrüstung hervor. Spätestens seit Ingo Müllers Buch „Furchtbare Juristen“ aus dem Jahre 1987 galt Filbinger als Karrierejurist, der als Marinerichter noch am 17.4.1945 ein Todesurteil unterzeichnete, das zudem nachweislich vollstreckt wurde (S.142). Zum Zeitpunkt der Erscheinung von Ingo Müllers wegweisendem Werk, war Filbinger seit neun Jahren nicht mehr in Amt und Würden. Bereits im Jahre 1978 war er zurückgetreten. In weiten Teilen der Bevölkerung wurde Filbinger als „Furchtbarer Jurist“ wahrgenommen, der nicht nur vier Todesurteile unterzeichnet hatte, sondern zudem auch noch in den letzten Kriegstagen persönlich an der Hinrichtung eines Wehrmachtssoldaten teilnahm. Daran dürften auch Filbingers massiver, drei Jahrzehnte andauernder Versuch einer Rehabilitation in eigener Sache nicht geändert haben.

„Zweite Causa Filbinger“

Im Laufe der Jahrzehnte war es still um Filbinger geworden. Erst sein Tod und die Äußerungen Oettingers liessen die Öffentlichkeit aufmerken. Trotz massiver Kritik – sogar von Seiten der Bundeskanzlerin – blieb Oettinger standhaft bei seiner Laudatio und löste somit nach 29 Jahren eine „ Zweite Causa Filbinger“ aus. In diesem Zusammenhang scheint die Frage, ob Filbinger dem NS-Regime willig gedient hatte, nur noch von marginalem Interesse. Vielmehr fragt man sich, warum Filbinger derartige Anstrengungen unternommen hatte, sein Tun und Handeln in den Kriegsjahren zu rechtfertigen. Denn insbesondere der Filbinger zugeschriebene Satz „Was damals Recht war, kann heute kein Unrecht sein“, beherrscht nach wie vor in seinem Facettenreichtum die internationale rechtspolitische Diskussion. Das Politikum Filbinger ist also – auch nach 35 Jahren – hochaktuell.

Kein weisses BlattZerstrittene Erbengemeinschaft

Es verwundert also nicht, dass die Ankündigung von Filbingers ältester Tochter, Susanna Filbinger-Riggert, sie werde eine Autobiographie verfassen und in dieser Originalzitate aus den Tagebüchern ihres Vaters veröffentlichen, ein großes Medieninteresse hervorrief. Damit verbunden war sicherlich die öffentliche Erwartungshaltung, dass man Filbingers (unverfälschte) Einstellung zum NS-Regime, zu seiner Tätigkeit als Marinerichter und schlussendlich auch zur Judenverfolgung würde erfahren können. Eventuell auch ein Wort des Bedauerns oder Selbstzweifels. Indes erwies sich diese Hoffnung als Trugschluss. Susanna Filbinger, die von sich selber sagt, sie habe „den Vorsitz unserer Erbengemeinschaft“ übernommen (S. 183) – entzweite sich mit ihren vier Geschwistern. Diese waren von dem Vorhaben, Auszüge aus den Tagebüchern ihres verstorbenen Vaters zu publizieren, wenig entzückt und kündigten an, gegen das Buch ihrer Schwester vom dem Landgericht Hamburg eine Einstweilige Verfügung erwirken zu wollen. Daraufhin ließ der Campus Verlag die gesamt erste Auflage vernichten.

Williger Jurist

Nunmehr steht nur noch zwischen den Zeilen, welche Gesinnung Filbinger auszeichnete. Dies hat für das Buch erhebliche Konsequenzen. So erfährt der Leser im Hinblick auf Filbingers Einstellung zur „Judenfrage“, dass die Schwester der Großmutter der Ehefrau von Filbinger einen Juden geheiratet hat und mit diesem über die Schweiz nach Argentinien emigrieren konnte und zu diesem Zweig der Familie zumindest 1993 noch enge Beziehungen bestanden haben (S. 20, 172, 253). Ansonsten konnte Susanna Filbinger es sich leisten im Jahre 1984, für immerhin 13.000 US-Dollar (S. 228) einen sehr teuren amerikanischen Rechtsanwalt jüdischer Herkunft (S. 203, 204) zu engagieren. Die Szene in der New Yorker Kanzlei Gruber & Gruber beschreibt sie effekthascherisch wie folgt: „Dann schaute ich mich zum ersten Mal in seiner Kanzlei richtig um, die Sicht aus dem Fenster, ich war schließlich gerade in New York angekommen. Doch mein Blick verfing sich sogleich auf einer Art Fotogalerie an der Wand und ich erkannte auch sofort, um was es sich handelte. Es waren alles Fotos von KZ-Häftlingen. Ausgemergelte Körper in gestreiften Kitteln. Am unteren Bildrand standen Jahreszahlen, und immer wieder der Name Rosenman. Alles Familienmitglieder. Umgekommen. Von Deutschen umgebracht. Und nun stand ich hier. Mir wurde heiß. Als ich fertig war, blickte ich ihn schweigend an.“ (S. 205, 206) Im Gegensatz dazu, bleiben die Ausführungen zu ihrem Vater kryptisch. Danach hätten die Kriegspropaganda im Jahre 1943 auch bei Filbinger ihre Wirkung entfaltet (S. 227): „Tatsächlich wirft er sich selbst Unbeständigkeit in Haltung und Meinung vor, spricht von Ereignissen, die ihn dazu bringen, den Geschehnissen „seit 1933“ in Deutschland nachträglich eingeschränkt zustimmen zu wollen.“ (S. 278) Wenn das der Fall sein sollte, Filbinger also der NS-Politik seit 1933 „uneingeschränkt“ (S. 278) zustimmte, dann ist nicht verständlich, warum Susanna Filbinger – nur eine Seite weiter – schreibt, sie habe keine Belege dafür gefunden, dass ihr Vater ein Nazi, ein Hitlerverehrer, ein Sadist und ein Rassist gewesen war. (S. 279)

Indes bleibt zu fragen, wo Susanna Filbinger die Grenze zwischen Sadismus und Pflichterfüllung zieht. Filbinger hat nicht nur die standrechtliche Erschießung des Matrosen Walter Gröger massiv forciert, er war auch bei der Hinrichtung zugegen. Walter Gröger hatte sich unerlaubt von der Truppe entfernt, soviel stand fest. Ob jedoch derart viel richterlicher Einsatz im Winter bzw. Frühjahr 1945 bei der Tat eines erst 21- jährigen angebracht war, scheint zweifelhaft. Fakt ist: Filbinger entwickelte sich zu einem willigen Juristen im Dienste der NS-Machthaber.

Widerstand?!

Dies sah auch Reinhold Schneider, der Verbindungen zum christlichen Widerstand hatte. Schneider verwehrte Filbinger nach dem Krieg ein „weltanschauliches Zeugnis“(S. 280). Dies hielt Filbinger jedoch nicht davon ab, im Jahre 1974, in seiner Funktion als Bundesratspräsident, in einer Gedenkveranstaltung zum 20. Juli 1944 (sic!) seine Nähe zu Reinhold Schneider und den christlichen Widerstand zu betonen.

In eigener Sache

Angesichts dessen, bleiben dem Leser tiefere historische Erkenntnisse verwehrt. Ohnehin legt man das Werk von Susanna Filbinger etwas verwundert aus der Hand. Die Autorin hat nämlich eine Promotion in eigener Sache verfasst. So werden mit einer Verve die Namen von Personen der Zeitgeschichte genannt, dass einem geradezu schwindelig wird. Susanna Filbinger wird nicht müde, Anekdoten über das Privat- und Berufsleben von Gerhard Meyer-Vorfelder (S. 102), Kardinal Ratzinger (S. 224), Papst Johannes Paul II (Privataudienz, S. 178), Botschafter Ernst Wiechert (Peking, S. 101), Lothar Späth (S. 259, 260), Herbert Burda (S. 160) und nicht zuletzt Richard (Dick) Allen (Nationaler Sicherheitsberater von Ronald Reagan und Choleriker, S. 218, 225), usw. auszubreiten. Angesichts dessen erstaunt es, dass nicht noch mehr Einstweilige Verfügungen angedroht wurden.

Susanna Filbinger hadert mit ihrem Vater. Freilich hat sie es zu seinen Lebzeiten versäumt, Fragen zu stellen. Filbinger zog sich, das wird deutlich, allzu gerne auf seine juristischen Positionen, man kann auch sagen, juristischen Spitzfindigkeiten, zurück (S. 143). Gleichfalls hadert sie mit ihrem Namen. Dieser Name hat ihr freilich, dass betont sie unermüdlich, auch Vorteile verschafft. Wer kann sich schon so glücklich schätzen, das Büro von Herbert Burda um Hilfe bitten zu können, wenn man eine Wohnung in London sucht (S. 160)?!

Susanna Filbingers Aufarbeitung der eigenen Lebensgeschichte ist von marginalem Interesse, sie ist über weite Teile schlichtweg ermüdend. Durch die Tagebuchauszüge ihres Vaters wären ihre Memoiren zumindest lesenswert(er) gewesen.

Susanna Filbinger-Riggert: Kein weisses Blatt. Eine Vater Tochter Biographie, Campus Verlag, Frankfurt/ New York 2013, 283 Seiten, 19,99 Euro, Bestellen?

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