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Israelisch? Schwul? Deutsch? Holländisch? Entgegen aller Festschreibungen…

Ist Walter Guttmann ein Holocaustüberlebender oder eher ein jüdischer Homosexueller oder ein homosexueller Israeli mit deutsch-holländischem „Migrationshintergrund“? Seine Lebensgeschichte entzieht sich offensichtlich solchen Festschreibungen, auch wenn sie durchaus Facetten seines Lebens widerspiegeln…

… Identität, das wird an seinem Bericht deutlich, erben wir nicht, wir gestalten sie in historischem Kontext.
Thomas Rahe (Wissenschaftliche Leitung und stv. Leitung der Gedenkstätte Bergen-Belsen)

Walter Guttmann wurde 1928 in Duisburg geboren, die Mutter starb 1937 an Krebs, der Vater 1938 nach seiner Entlassung aus dem KZ Sachsenhausen. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder gelangte Guttmann zu einer jüdischen Familie in den Niederlanden, wurde 1943 in das niederländische KZ Westerbork deportiert, im Februar 1944 nach Bergen-Belsen überstellt. Sein jüngerer Bruder wurde aus den Niederlanden nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Ich wollte es so normal wie andere auch

1945 kehrte er zunächst in die Niederlande zurück, schloss sich der zionistischen Jugendbewegung an und ging 1959 nach Israel. Heute lebt er in einem niederländisch-israelischen Altenheims in der Nähe Tel Avivs.

Michael Bochow / Andreas Pretzel (Hg.)
Ich wollte es so normal wie andere auch
Walter Guttmann erzählt sein Leben

Guttmann erzählt seine Lebensgeschichte als Patchwork-Existenz: jüdisch, deutsch, niederländisch und israelisch. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der dieser Lebensgeschichte etwas Besonderes verleiht: Walter Guttmann ist schwul und hat schon vor seiner Deportation ins KZ Westerborg und auch im Lager homosexuelle Kontakte gehabt. Walter Guttmann wurde nicht deshalb verfolgt, ist kein „homosexueller Überlebender“, aber ein jüdischer Überlebender, der am Ende zu einer Minderheit homosexueller Männer im dritten Lebensalter gehört, die gegenüber ihrem heterosexuellen Umfeld eine gewisse Offenheit erreicht haben.

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Da aber ein gutes Buch am besten selbst überzeugt, hier einige Auszüge, als Leseprobe, sozusagen. Und zur Untermalung etwas Musik: Gipsy, Jewish and Gay… (Rotfront, Amsterdam Klezmer in Ungarn 😉 )

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Anfang Mai 1942 bekamen wir den Judenstern
Das erste, was geschah, das war im Spätherbst 1940, da wurden an der Universität Leiden alle jüdischen Professoren entlassen. Daraufhin hat der Rektor von der Leidener Universität, die ja die älteste Universität von Holland war, eine Protestrede gehalten, und die Studenten haben den Unterricht boykottiert, worauf nicht nur er gesperrt wurde, sondern die ganze Universität eine Zeitlang ihren Betrieb einstellen musste. Der Rest hat dann wieder angefangen, aber sie mussten alle Arier-Nachweise bringen. Viele haben das nicht gemacht, sie haben einfach aufgehört zu arbeiten.
Wir jüdischen Kinder durften zunächst noch weiterhin in die Schulen. Ein Jahr darauf bekamen auch wir die judenfeindlichen Maßnahmen zu spüren. Es war nach meiner Bar Mitzwa, die ich im Juni 1941 hatte. Und in den großen Sommerferien waren Simon und ich freitags immer ins Schwimmbad gegangen, einmal pro Woche, weil unser Taschengeld öfter nicht reichte. Ich weiß noch, eines Abends kamen wir nach Hause und Frau Schreiber sagte zu uns, Kinder, das war das letzte Mal, dass ihr geschwommen habt, ich habe gerade im Radio gehört, Juden dürfen nicht mehr ins öffentliche Schwimmbad.
Ab 1. September durften wir Kinder nicht mehr in gewöhnliche Schulen, sondern mussten zu jüdischen Schulen wechseln. Haarlem bekam eine Normalschule und ein Lyzeum. Ich kam in die letzte Klasse der Normalschule. Und dann durften wir nicht mehr in die Parks: Für Hunde und Juden verboten. Langsam, langsam wurde das Netz zugezogen. Das letzte Mal, dass die ganze Familie zusammen war, das war bei der Bar Mitzwa von Simon im Januar 1942. Da kam meine zweite Mutter angereist. Sie war auch bei meiner Bar Mitzwa gewesen und nun erneut eingeladen worden, um Frau Schreiber beim Kochen und Backen zu helfen. Sie hatte ja nicht so viel Geld für die Fahrtkosten von Zwolle nach Haarlem und kam nur zu besonderen Anlässen. Aber sie hatte einen guten Kontakt zur Schreiber-Familie.
Danach wurde es brenzlig. Es fingen die Arbeitslager an, für jeden Mann über 16 Jahre, der keine Arbeit hatte, und das waren natürlich sehr viele, weil ne ganze Menge Leute entlassen worden waren. Anfang Mai 1942 bekamen wir den Judenstern. Wir haben ihn das erste Mal an einem Samstag getragen. Ich erinnere mich, als wir aus der Synagoge kamen, da haben die Leute in Haarlem ihre Hüte vor uns abgenommen. Wir Jungs waren gerade 13 Jahre alt. So zeigten die Holländer anfangs, dass sie dagegen waren. Aber dann haben sie sich schnell daran gewöhnt.
In Haarlem blieben wir bis Ende Mai 1942. Dann mussten mein Bruder Alfred und ich nach Amsterdam umziehen, offenbar weil nun auch deutsche Kinder jüdischer Herkunft nicht mehr in Küstennähe wohnen durften. Deutsche Erwachsene hatten schon im Oktober 1940 wegziehen müssen. Ich glaube, man hielt sie für Spione, die den Engländern Signale hätten geben können. Ich habe Familie Schreiber und auch ihre Söhne Paul und Simon später noch einmal gesehen, als sie kurz in Amsterdam waren, illegal und auf der Flucht. Denn Juden durften auch schon nicht mehr reisen, das ging nur mit Reisegenehmigungen. Sie haben versucht in die Schweiz zu flüchten, aber das ist vereitelt worden. Sie kamen ins Gefängnis, aber sind wieder rausgekommen. Das ist ein Gotteswunder, wie. Dann sind sie untergetaucht in Haarlem. Die zwei Jungens konnten gerettet werden, aber die Eltern sind verraten worden. Sie sind schließlich nach Auschwitz gekommen.
In Amsterdam kam ich zur Familie Dasberg, die bis August 1940 in Haarlem gewohnt und meinen Bruder Alfred zunächst aufgenommen hatte. Der Vater war ein hoher Versicherungsangestellter und wurde nach Amsterdam versetzt. Mein Bruder Alfred sollte jedoch in Haarlem bleiben und kam zu einer portugiesischen Familie, sie wollten uns ja nicht trennen. Dort wurde er nicht so geliebt, aber das wusste er Gott sei Dank nicht. Die Frau Pereira sagte mir mal nach dem Krieg: Walter, ich muss gestehen, ich war nie lieb zu Alfred. Sie war’s auch nicht zu ihren eigenen Kindern. Sie war eine kalte Frau, eine intelligente Frau mit Charme, aber nicht warmherzig. Alfred hat mir nie erzählt, dass er bei den Pereiras nicht gut behandelt wurde, er hat das also nie gemerkt. Gott sei Dank. Als wir im Mai 1942 von Haarlem wegmussten, kam Alfred zu der Schwester von Herrn Pereira nach Amsterdam. Die hatten nur einen Sohn, der viel älter als Alfred war und nicht mehr zuhause wohnte, und die haben ihn vergöttert. Also er kam in Amsterdam eigentlich in viel bessere Verhältnisse.

Im Juli begannen die Deportationen
Ich war nicht lange bei der Familie Dasberg. Als die Razzien auf Juden begannen, kam ich zur Familie Smalhout, und deren Tochter brachte mich dann zur Familie Notowitz. In Amsterdam hatte es ein Jahr zuvor schon eine Razzia gegeben, im jüdischen Viertel, das noch kein abgeriegeltes Ghetto war. Die Straßenbahnen fuhren noch durch. Damals, im Februar 1941, hatte es auch öffentlichen Widerstand gegeben. Die Amsterdamer Betriebe, Gas- und Elektrizitätswerke und auch die Straßenbahner, alle haben gestreikt. Aber nur einen Tag, dann haben die Deutschen Geiseln genommen und sie totgeschossen, und hunderte Juden sind nach Mauthausen gekommen. Der Widerstand war nach einem Tag vorbei.
Nach dem Stern, das war im Mai 1942, begannen im Juli die Deportationen. Am Anfang erhielten die Juden einen Aufruf sich zu melden, in einem jüdischen Theater im jüdischen Viertel. Früher war es ein gewöhnliches Theater gewesen, aber ab 1941, als die Juden nicht mehr in die Kinos und Theater durften, hat man aus diesem Gebäude ein jüdisches Theater gemacht, wo nur jüdische Künstler auftreten und Werke jüdischer Autoren aufgeführt werden durften. Da war noch sehr viel Kultur in dem einen Jahr. Im Juli 1942 wurde das Theater geschlossen und umgebaut zur Unterbringung für Leute, die sich zum Arbeitseinsatz melden mussten oder die bei ’ner Razzia gefangen wurden. Arbeitseinsatz hieß das. Auch als die Razzien und Deportationen begannen, hieß es Arbeitseinsatz. Viele haben sich eingeredet, na ja, wenn man stärker ist, kommt man ins Arbeitslager, muss schwer arbeiten, aber man kommt durch. Was sie dann gedacht haben in Anbetracht der Kinder und alten Leute, die auf Transport gingen – frag mich nicht. Niemand hat daran denken wollen. Sie kamen zunächst nach Westerbork ins Durchgangslager im Nordosten Hollands, und dann in die Vernichtungslager nach Polen.
Man hatte Angst vor den Razzien. Die Deutschen sind während der Ausgangssperre, von abends acht bis morgens fünf oder sechs Uhr, von Haus zu Haus gegangen und haben die Leute weggeholt. Einige hatten noch eine Ausnahmeregelung. Die waren ausgenommen vom Abtransport und konnten vorläufig noch bleiben. Es gab ein ganzes System von Ausnahmekategorien, das durch den jüdischen Rat entworfen worden war, aber natürlich unter deutscher Leitung. Und natürlich gab es Juden, die gleich am Anfang gemerkt haben, dass es nicht sehr vernünftig ist, einen Personalausweis mit einem „J“ zu haben. Und das konnte man nur machen, wenn man nicht als Jude registriert war. Aber keine, keine einzige von den jüdischen Gemeinden oder zionistischen Vereinigungen hat ihre Listen verbrannt. Also die ganzen Listen, die waren öffentlich da, und jemand, der auf so ’ner Liste stand, war natürlich als Jude registriert. Er bekam das „J“ in den Ausweis, musste den Stern tragen und begab sich in Gefahr, wenn er ihn nicht trug. Ich habe später mit einer Frau gesprochen, die hat 1941 sofort zu ihrem Mann gesagt, ich geb‘ mich nicht als Jüdin aus, du kannst machen, was du willst. Als die Deportationen begannen, hat sie ihre Familie verlassen, hat ihr Kind weg gegeben und ist untergetaucht. In der Zeitung hat sie Annoncen für Dienstmädchen gesehen, sich vorgestellt, und ich glaube, sie wurde gleich genommen. Aber das war die Ausnahme. Die meisten Leute haben sich als Juden angegeben und kamen immer mehr in die Falle.
In Amsterdam wurde es bedrohlich. Familie Dasberg, zu der ich nach meiner Ankunft kam, stand auf einer Ausreiseliste. Sie wollten in die Schweiz. Ich stand natürlich nicht mit auf der Ausreiseliste, war gefährdet und musste da weg. Wie ich später erfuhr, kam man auch, um mich zu holen. Frau Dasberg war schlau, sie hat sofort gesagt: Was kommen Sie denn, der Junge ist doch schon längst weggeholt. Und das konnte sie ja auch sagen, weil keine Spur von mir mehr da war. Und dann haben sie mich von der Liste gestrichen und sind nicht mehr wieder gekommen. Frau Dasberg war eine phantastische Frau, auch ihr Mann, ich werde später noch drüber berichten. Ich traf sie in Bergen-Belsen wieder.
Und so kam ich zu einer Familie namens Smalhout. Und da begannen die Razzien. Zweimal sind wir noch davongekommen, als in den benachbarten jüdischen Wohnvierteln die Leute abgeholt wurden. Zweimal saßen wir den ganzen Tag mit unseren Rucksäcken, haben gewartet und sind abends wieder schlafen gegangen. Es war am 5. oder 6. Juli, als wir gerade beim Mittagessen saßen, da kamen sie uns holen. Sie brachten uns ins jüdische Theater, und eigentlich hätte es noch am selben Tag weiter nach Westerbork gehen sollen. Aber Smalhouts waren Diamantschleifer, und das war ein Beruf, den die Deutschen damals wohl noch wollten. Sie prüften deshalb einen Verbleib nach einer der Ausnahmekategorien. Und in der Zwischenzeit saßen wir also in diesem Theater.
Wir Kinder bis 16 Jahre waren untergebracht an der anderen Seite des Theaters, wo es vorher eine jüdische Krippe gab. Die Deutschen hatten sie geschlossen, als die Transporte begannen. Dort mussten die Kinder schlafen und wurden ein bisschen betreut. Jeden Mittag konnten sie rüber zu den Eltern gehen, aber den Rest der Zeit waren sie in dieser ehemaligen Krippe. Viele Kinder konnten noch gerettet werden und sind rausgekommen. Neben dieser Krippe befand sich eine evangelische Lehrerschule, und von den Lehrern waren fast alle im Widerstand. Sie haben geholfen, die Kinder irgendwie wegzukriegen, und es ist ihnen auch gelungen. Wenn die Eltern noch da waren, haben sie die Eltern gefragt. Viele Eltern wollten nicht, aber wenn sie einverstanden oder schon nicht mehr da waren, wurden die Kinder herausgeschmuggelt, oftmals durch Studentinnen, und dann irgendwo untergebracht.
Wir sind, glaub ich, am Montag in das Theater gekommen, und Samstag hat mich die älteste Tochter von Familie Smalhout abgeholt und zur Familie Notowitz gebracht. Sehr gegen meinen Willen. Ich wollt nicht noch mal weg, noch mal wieder ne neue Familie, aber sie hat gesagt, du bist ja verrückt geworden, wenn du freikommen kannst, dann musst du frei kommen. Das hab ich dann auch eingesehen. Familie Smalhout hatte fünf Kinder, davon war die Älteste Pflegerin und noch im jüdischen Krankenhaus in Amsterdam tätig. Zwei Söhne waren schon weg, die waren schon nach Sobibor, aber das wussten wir nicht, man wusste bloß, dass sie nach Polen waren. Sie hatten als Pfleger in einer Irrenanstalt gearbeitet, die fürchterlich liquidiert wurde; und dann waren da noch ein jüngerer Sohn und eine jüngere Tochter. Aber das wird wohl zu weitschweifig, all ihre Schicksalswege zu erzählen. Es gäb‘ noch so viel zu berichten.
Die älteste Tochter der Smalhouts also brachte mich zur Familie Notowitz. Ich bin dort sehr lieb empfangen worden. Zuerst haben sie meinen Magen erobert. Sie hatten ein „Kartoffelschalet“ bereitet, so einen dicken Reibekuchenauflauf, wie man ihn oft zum Sabbat aß. Eine Art Rösti, aber enorm groß, zubereitet in einer speziellen Pfanne, und so besonders schmeckte er auch. Damit wurde ich empfangen. Ich war dann sofort einverstanden, dort zu bleiben. Außerdem gab es dort einen Sohn und eine sehr nette Frau, Irene Benjamin aus Köln, Tochter eines Kinderarztes. Sie war natürlich sehr fein erzogen im Gegensatz zu ihrem Mann, der ein Groberich war. Aber er sah sehr hübsch aus – ich hätte sofort ja gesagt. Der hat alle Frauen erobert. Sie ist leider auf ihn reingefallen und hat ihn geheiratet.

Ich war sehr sexbedürftig
In den folgenden Monaten, bis September 1943, da hab ich in Amsterdam den Sex entdeckt. Ich bin von einer Klappe in die andere gerannt. Und ich war natürlich begehrt, ich war 14/15 Jahre jung, also jeder Mann wollte mich haben. Das war eine von den Zeiten, wo ich am meisten Sex in meinem Leben gehabt hab. Natürlich hatte ich Angst, auch die anderen, ob’s ein Jude war oder nicht. Man hatte Angst vor jedem!
Ich musste ja durch die Straßen dahin. Wir Juden durften erst noch mit der Straßenbahn fahren, bis das an einem bestimmten Tag auch verboten war. Dann durfte man kein Rad mehr haben, und man musste zu Fuß in die Schule gehen. Als ich zur Oberrealschule kam, wurde das ein sehr weiter Weg für mich, eine Dreiviertelstunde täglich. Aber unterwegs hatte ich meine Freuden, meine kleinen Freuden. Ich hatte dabei nicht das Gefühl, etwas Schlechtes oder Verbotenes zu tun. Ich war sehr sexbedürftig, und ich hab damals auch nicht gewusst, was Homosexualität ist. Das habe ich erst nach dem Krieg erfahren. Für mich war das sehr normal. – Und wenn ich zurückdenke, war mein ganzes Leben homosexuell. Ich hab schon als Kind gern Mädchengeschichten gelesen, „Nesthäckchen“ und solche Sachen. Ich hab gern Mädchenspiele gemacht, nicht mit Puppen, aber ich hatte es nie mit Kriegspielen oder mit dem, was man aufbauen musste. Handwerklich begabt war ich nicht. Wie ich immer sage, ich bin genauso geschickt wie eine Kuh, und das bin ich heute noch.

1 comment to Israelisch? Schwul? Deutsch? Holländisch? Entgegen aller Festschreibungen…

  • Schredder

    Dann konnten die in Holland über die Behörde gar nicht nachprüfen, wer jüdisch war? Was war denn die Begründung der Zuständigen für die Aufbewahrung der Unterlagen?