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Lektüren von ‚Täterkindern‘

Konstanze Hanitzschs brillante Studie zu Wissen, Literatur und Geschlecht bei Niklas Frank, Beate Niemann und Malte Ludin…

Von Florian Kappeler (Zürich)

Stellen Sie sich vor, ein Rezensent kritisierte eine literaturwissenschaftliche Untersuchung über Franz Kafkas Brief an den Vater. Als Beleg  führte er an zentraler Stelle unveröffentlichte Briefe Kafkas an, in denen sich dieser über die Arbeit beschwerte: Seine, Kafkas, Motive seien völlig falsch verstanden worden, eine psychoanalytische Argumentation überdies unangemessen und seitens einer nicht psychologisch ausgebildeten Rezensentin gar nicht autorisiert.

Sie halten das für absurd? Martin Janders Rezension „Entlastungszeug / -innen?“ (Hagalil, 11.02. 2014) der Studie Deutsche Scham. Gender – Medien – Täterkinder von Konstanze Hanitzsch[1] folgt einer vergleichbaren Argumentation, wenn er zwei eingestandenermaßen private Briefe der von Hanitzsch untersuchten Autor_innen Beate Niemann und Niklas Frank als Belege für seinen Verriss anführt.[2] So zu verfahren ist nicht nur methodologisch fragwürdig, denn die Meinung von Autor_innen über ihre Texte zählt aus philologischer Perspektive nicht mehr als irgendeine andere. Janders Herangehensweise ist vielmehr illegitim: Ein veröffentlichter wissenschaftlicher Text (in dem Fall Deutsche Scham) kann nicht unter Verweis auf einen Privatbrief delegitimiert werden, zumal wenn dieser der Öffentlichkeit nicht einmal zugänglich und deshalb nicht überprüfbar ist. Eine öffentlich nachprüfbare Auseinandersetzung weicht somit einem autoritären Dekret unter Berufung auf Autor_innen als Privatpersonen. So werden diese tatsächlich zu Entlastungszeug_innen umfunktioniert: Ihr Zeugnis soll den Rezensenten der Beweislast entheben. Im Grunde konterkariert Jander damit, was er vorgeblich anstrebt: Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den publizierten Schriften und Filmen Franks und Niemanns.[3]

Da Janders Rezension geeignet ist, den Blick auf Hanitzschs Studie zu verstellen, möchte ich von jener aus einen anderen Blick auf diese werfen. Bei einer Untersuchung der Schriften und Filme von Kindern nationalsozialistischer Täter_innen ist freilich ein gänzlich anderer politischer, ethischer und persönlicher Einsatz im Spiel als im Falle des von mir fingierten Einwands Kafkas. Der Janders Rezension durchziehende Vorwurf, Hanitzschs Buch sei ein Angriff auf die dort im Zentrum stehenden Autor_innen Niklas Frank, Beate Niemann und Malte Ludin, lässt sich durch Dutzende von Aussagen aus ihrer Studie widerlegen, von denen hier lediglich eine zitiert sei:

Das durch die Mutter geprägte Familiengedächtnis erweist sich als Knotenpunkt von vergangenheitspolitischen Diskursen und Anrufungen, die das jeweilige Vaterbild stützen und stabilisieren. Gegen dieses „Feld der Anrufungen“ richten sich die Nachkommen: Niklas Frank „zerfetzt“ die von der Mutter herausgegebenen Worte des Vaters. Beate Niemann deckt die Lügen der Mutter auf und zerstört damit sowohl das Bild der Mutter wie des Vaters: Sie „befreit“ den Vater aus der Deutungshoheit der Mutter. Malte Ludin stellt dem Bild des „guten Nationalsozialisten“ das des schuldigen entgegen und enthüllt die familiären Abhängigkeitsverhältnisse.[4]

Worum also geht es in der Rezension Janders? Dürfen Zeitzeug_innen nicht Gegenstand einer wissenschaftlichen Studie sein? Sind literaturtheoretische Untersuchungen nur dann erlaubt, wenn ihr Gegenstand eindeutig fiktionale Texte sind? Hanitzschs Ansatz wird hier in zweierlei Weise missverstanden. Erstens handelt es sich bei den Schriften und Filmen der untersuchten Autor_innen um „kollektive Texte“[5], die narrativ konstruiert, medial vermittelt, öffentlich zugänglich und damit als „kulturelle Produkte“ und „Wissensobjekte“[6] der Interpretation und öffentlichen Debatte zugänglich sind. Eine Auseinandersetzung über sie muss sich somit auf die Texte und Filme selbst beziehen und nicht Briefe der Autor_innen (zumal private) wie ein weißes Kaninchen aus dem Hut zaubern. Hanitzsch argumentiert durchgängig sorgfältig textgestützt. Die wenigen textbasierten Argumente von Janders Rezension strotzen hingegen vor Missverständnissen. So werden Frank, Niemann und Ludin bei Hanitzsch nicht notwendig zu ‚Entlastungszeug_innen’, sondern es wird die Frage gestellt, ob sie in einer zukünftigen Rezeption zu nationalen Entlastungszeug_innen werden könnten. Wenn Hanitzsch eine kritische Perspektive einnimmt, so gilt diese gewiss nicht Frank, Niemann und Ludin, sondern deren Texten und Filmen teils inhärenten geschlechtlichen Codierungen und ihren möglichen künftigen Eingemeindungen in einen nationalen deutschen Diskurs.[7]

Vor diesem Hintergrund wirkt die bei Jander mit Verweis auf Niemann vertretene These[8], Hanitzsch schreibe – als nicht diplomierte Psychologin illegitimer Weise! – ein Psychogramm der Autor_innen, reichlich skurril: Die Methode der Studie ist im Kern nicht psychoanalytisch.[9] So wird der ‚Fassungsverlust’ Niemanns (textbasiert) als Synonym der Scham interpretiert und nicht (psychoanalytisch) als Symptom. Davon abgesehen sind psychoanalytische Deutungen, zumindest nach dem ‚linguistic turn’ in der Literatur- und Kulturwissenschaft, selbst vor allem Textinterpretationen. Bei der Analyse von Texten und Filmen – und das gilt nicht allein für die von Hanitzsch untersuchten Dokumente – ist es entscheidend Text, Autor_innenfunktion, Erzählinstanz und empirische Person nicht miteinander zu verwechseln. Hanitzsch stellt sich diesem Problem in verantwortlicher Weise, wovon nicht nur ihre komplexe und abwägende Darstellung, sondern auch die Situierung ihrer eigenen Position[10] zeugt.

Möglicherweise spielt in Janders Deutungsmachtkampf auch ein Generationenkonflikt eine Rolle, eine Auseinandersetzung um die Frage, wie die Generation der Kinder und der Enkel den Nationalsozialismus und das postfaschistische Deutschland bewerten sollen. Eine Position, die sich auf das Wort der ‚Täterkinder’ als Garant der ‚Wahrheit’ beruft (so Jander) und eine Herangehensweise wie bei Hanitzsch, welche deren veröffentlichte Werke kontextualisiert und interpretiert, sind nicht miteinander kompatibel. Hanitzsch weist zudem deutlich und zu Recht darauf hin, dass im Deutschland des 21. Jahrhunderts eine Kritik der deutschen Integration des Nationalsozialismus in das ‚eigene’ Geschichtsnarrativ virulent geworden ist. Das Tabu der Benennung der Täter_innen zu brechen tritt demgegenüber in den Hintergrund.

Zu widersprechen ist schließlich auch Janders Annahme, man sei „natürlich“ Kind seiner Eltern.[11] Hanitzsch spricht hier treffender vom schwankenden Fundament der Herkunft und der „leidenschaftlichen Verhaftung“ an die Eltern.[12] Der von Hanitzsch bestätigten Schwierigkeit und Größe der Unternehmen von Frank, Niemann und Ludin tut dies keinerlei Abbruch, sie wird im Gegenteil erst dadurch möglich, dass es in ihnen nicht um die ‚natürliche’ Genealogie geht, sondern um das – immer geschlechtlich codierte – Wissen um sie und Schreiben über sie.

Hanitzschs Arbeit zeichnet sich besonders dadurch aus, dass sie diese Verflechtung von Wissen, Literatur und Geschlecht in den Schriften der ‚Täterkinder’ detailliert herausarbeitet. Dabei weist sie verschiedene narrative Strategien der Abrechnung mit den Tätereltern nach: Schamlosigkeit (Frank), Mahnmalwerdung (Niemann) und Reinszenierung des Familiengedächtnisses (Ludin). Frank, dessen Bücher Der Vater (1987) und Meine deutsche Mutter (2005) sowie dessen Theaterstück Der Vater. A bloody Comedy (1995) Hanitzsch am ausführlichsten diskutiert, grenzt sich von der öffentlichen Persona seines Vater und deren männlicher Codierung mittels einer Strategie sexuell codierter Entblößung ab; gegen die öffentliche Sprachmacht des Vaters richtet er eine Strategie der sprachlichen Ermächtigung. Dagegen fokussiert die Abrechnung mit der Mutter eher auf das Privatleben der Franks und verfolgt entsprechend eine biographische Authentizitätsfiktion.[13] Dabei werden jedoch bereits in nationalsozialistischen Texten praktizierte geschlechtliche Einschreibungen übernommen, so etwa die Feminisierung des Nationalsozialismus, die nach 1945 weiter tradiert wurde.

Ein von Hanitzsch kongenial herausgearbeitetes Beispiel dafür ist der Produktionsprozess des Buches Der Vater: Diesem dient zum Einen Curzio Malapartes Roman Kaputt (1944) als Produktionsbedingung, Abgrenzungsfolie und – gerade im geschlechtlichen Bereich – auch als Anknüpfungspunkt insbesondere für die Franks Schrift inhärente geschlechtliche Codierung der nationalsozialistischen Schuld als ‚weiblich’. Zum Anderen wird von der Erzählinstanz ein geschlechtlich codiertes psychologisches Wissen übernommen, wie es etwa der bei Frank zitierte US-Nachrichtendienstoffizier Gustave Mark Gilbert vertrat, der die Darstellung des Nationalsozialismus als ‚feminin’ mit seiner Codierung als ‚homosexuell’ verbindet. An dieser Stelle wird die für alle ‚Täterkinder’ konstitutive Bedeutung diskursiver und intertextueller Verflechtungen und geschlechtlicher Codierungen in ihren Auseinandersetzungen mit den NS-Täter_innen besonders deutlich.

Beate Niemanns immer wieder überarbeitete historiographische Biographie Mein guter Vater (zuerst 2005) und der Dokumentarfilm Der gute Vater – eine Tochter klagt an (2003) bilden die Grundlage einer unabgeschlossenen Auseinandersetzung mit den Archiven, die Auskunft über die Rolle ihres Vaters als NS-Täter geben. Hanitzschs Schrift zeigt hier, wie die plötzliche Erkenntnis der Täterschaft durch ihren absoluten Gegensatz zum familiären Bild des Vaters zu einer Beschämung führt, die Niemann mit der Veröffentlichung zu bewältigen sucht. Von der Tochter des Verbrechers Bruno Sattler wird sie zur ‚Tochter der Archive’, zur Historiographin, die ihre eigene Situierung in der Geschichte thematisiert und die Spannung der beiden Bilder des Vaters ertragen muss. Niemanns eigenes Bild figuriert Hanitzsch zufolge dabei als „Mahnmal“ der Verbrechen des Vaters.[14]

Dagegen wird Niemann in Tataris Film Der gute Vater als Schreiberin ihrer eigenen Geschichte dargestellt. In einer präzisen filmwissenschaftlich fundierten Lektüre kann Hanitzsch zeigen, wie besonders die Stimme des Off-Kommentars im Film einen narrativ-argumentativen Rahmen schafft, mittels dessen auch das Verhältnis der Zuschauer_innen zur NS-Vergangenheit adressiert wird. Dies schafft gerade in der Schlusssequenz des Films jedoch auch einen Raum, in dem Niemann durch die Darstellung ihrer Scham selbst als Opfer ihres Vaters figurieren kann. Als weiblich codierte öffentliche Figuration der Trauer wird sie zu einer mehrdeutigen Projektionsfläche zwischen der Klage um die Opfer des Vaters und der Inszenierung als Opfer des Vaters.

Mit Malte Ludins breit rezipiertem Film 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß (2005) erweitert sich der Fokus auf ein familiäres „Netz der Erinnerungen“[15], das zahlreiche Protagonist_innen und auch die Dritte Generation einbezieht. Wiederum vermag es Hanitzsch, die Bedingungen der schreibenden Auseinandersetzung mit dem Nazitäter (in diesem Fall Hanns Ludin) zu rekonstruieren: Neben dem Diskurs im reaktionären Eliteinternat Salem, das die Kinder Ludins besuchten, sind dies besonders der bis heute breit rezipierte Roman Der Fragebogen des Naziverbrechers Ernst von Salomon (zuerst 1951, zuletzt aufgelegt 2003), dessen Entschuldungsrhetorik für die Familie Ludin ein Erkenntnishindernis darstellte, und Christian Geisslers Dokumentarfilm Frau eines Führers (1979), der die Trope der Entschuldung sowie des feminisierten Faschismus reproduziert und bei Ludin implizit zitiert wird.

Malte Ludins Reinszenierung der Schuldverdrängung,, die Hanitzsch als „Familienkrypta“ bezeichnet,[16] liegt der Ausschluss seiner Schwester Erika aus der Familie zugrunde, die im Gegensatz zu den anderen Figuren des Familiennetzwerks das Wissen um den guten und den schuldigen Vater nicht miteinander vereinbaren konnte. Den Film kennzeichnet Hanitzsch zufolge ein dreidimensionales Blickregime: Erstens eine Inszenierung des Blicks des Tätervaters, mit der Malte Ludin sich dessen ermächtigt, zweitens des Blicks der Opfer (seiner Frau Iva Svarcova sowie des Überlebenden Tuvia Rübner), der Ludin beschämt und damit als Teil der Familienkrypta reflektiert, und drittens der Blick der Zuschauer_innen auf ihn, der ihn zugleich als Subjekt und als Objekt des Blickregimes zeigt.

All dies können Sie in Konstanze Hanitzschs Buch, das ganz im Gegensatz zu Janders Rezension exzellent geschrieben ist, finden. Wer die komplexen und mehrdeutigen Ausprägungen der ‚Deutschen Scham’ im Detail nachvollziehen und darüber hinaus wissen möchte, welche Rolle Vampire, Nazi Drags und Zombies in Hanitzschs Studie spielen, muss sie lesen.

Konstanze Hanitzsch, Deutsche Scham – Gender, Medien, „Täterkinder“, Berlin 2013, 421 Seiten, 24 €uro, ISBN-10: 3863311310, ISBN-13: 978-3863311315.


[1] Konstanze Hanitzsch: Deutsche Scham. Gender – Medien – Täterkinder. Eine Analyse der Auseinandersetzungen von Niklas Frank, Beate Niemann und Malte Ludin, Berlin 2013. Martin Jander: „Entlastungszeug / -innen?“, Hagalil (11.02. 2014), http://buecher.hagalil.com/2014/02/taeterkinder, 18.03. 2014.

[2] Vgl. ebd., Fußnoten 18, 19, 24, 25 und 26.

[3] Ludin wird in diesem Zusammenhang nicht erwähnt.

[4] Hanitzsch 2013, S. 383, vgl. außerdem u.a. S. 8/9, 13, 28, 51, 220, 223.

[5] Ebd., S. 12, 386.

[6] Ebd., S. 47.

[7] Ebd., S. 389.

[8] Jander 2013, S. 3.

[9] Vgl. z.B. Hanitzsch 2013, S. 10.

[10] Z.B. ebd., S. 15.

[11] Jander 2014, S. 4.

[12] Hanitzsch 2013, S. 7, 36.

[13] Ebd., S. 144f.

[14] Ebd., S. 243f.

[15] Ebd., S. 280.

[16] Ebd., S. 311.

5 comments to Lektüren von ‚Täterkindern‘

  • Martin Jander

    Sehr geehrter Herr Dr. Kappeler,

    Ich erlaube mir kurz auf Ihre Rezension, die sich ja auch als Kritik meiner Rezension versteht, zu antworten. Die Analyse von Diskursen, Geschichts- und Selbstbildern in den nachnationalsozialistischen Gesellschaften Europas ist eine wichtige Aufgabe der Sozialwissenschaften. Sie ist Teil der Demokratieforschung. In diesem Kontext halte ich, wie meiner Rezension zu entnehmen ist, die Arbeit von Konstanze Hanitzsch für ärgerlich, da sie die wesentlichen Beiträge, die die von Hanitzsch analysierten Autoren Niklas Frank, Beate Niemann und Malte Ludin für den Bruch mit dem seit dem Ende des Krieges und der Shoah sich herausbildenden deutschen Familien- und Gesellschaftsgedächtnis geleistet haben, entstellt.

    Frau Hanitzsch stellt in ihrer Arbeit dieses Bemühen geradezu auf den Kopf. Angeblich lassen sich die Narrative der genannten Autoren im Kontext der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklung gar für eine neue Identität der Deutschen einspannen, in der die „Scham der Nachkommen die Schuld der Eltern“ (Deutsche Scham, S. 387) überlagert.

    Wer die Veröffentlichungen von Ludin, Frank und Niemann gelesen hat, der wird über die Doktorarbeit von Konstanze Hanitzsch nur den Kopf schütteln. Er wird begreifen, ganz wie es zwei der von Hanitzsch analysierten Autoren in persönlichen Briefen getan haben, dass die Literatur- und Genderwissenschaftlerin dieses Bild nur dadurch entwerfen kann, in dem sie wesentliche Texte der Autoren übergeht oder durch jeweils angehängte eigene Interpretation entstellt.

    Dass die analysierten Autoren sich falsch interpretiert sehen und dies auch der Wissenschaftlerin bekannt gemacht haben, ist zwar kein Argument in der Kritik der Arbeit Hanitzschs, wohl aber ein wichtiger Hinweis für den Leser der Rezension. Darüber hinaus kommen die in persönlichen Briefen artikulierten Proteste auch deutlich auf den Punkt. Ich mache sie mir, in dem ich sie zitiere, in ihrem jeweils wesentlichen Punkt zu Eigen.

    Herr Frank erkennt, dass ihn Frau Hanitzsch zu einem sich angeblich selbst hassenden Homosexuellen konstruiert, der eben deshalb seinen Vater so fürchtet, weil der selbst ein sich hassender Homosexueller war. Frau Niemann erkennt, dass Frau Hanitzsch ganz ohne eine Qualifikation in Psychologie, beständig ihre Motive verkehrt, aus Fassungslosigkeit und Wut wird z. B. angeblich Scham. Malte Ludin hat sich meines Wissens nicht an Frau Hanitzsch gewandt. Er wird als Autor gemalt, der angeblich Anerkennung dafür sucht, dass er seine Geschwister davon zu überzeugen versucht, den gemeinsamen Vater als einen Verantwortlichen der Vernichtung der europäischen Juden anzusehen. Alle drei gehen mit ihren Eltern hart ins Gericht. Frau Hanitzsch entwertet ihre Interventionen, so als träten sie als „Entlastungszeug/-innen“ ihrer Eltern vor Gericht auf.

    Selbstverständlich ist jeder Text kritisierbar und natürlich ist auch Kritik an Herrn Niklas Frank, Herrn Malte Ludin und Frau Niemann wichtig und erkenntnisfördernd. Was jedoch Frau Hanitzsch tut, ist mehr oder minder eine öffentlichen Hinrichtung der drei von ihr analysierten Autoren, zumindest eine öffentliche Entwertung ihrer außerordentlichen Leistungen.

    Dabei tut die Wissenschaftlerin gerade das nicht, was sie selbst in ihrem Buch fortlaufend behauptet und in dem Sie ihr in Ihrer Rezension folgen. Frau Hanitzsch untersucht die Texte von Frank, Niemann und Ludin eben gerade nicht als Teil der kollektiven Erzählung von Täterkindern. Abgrenzungen und Überschneidungen, Übereinstimmungen und Widersprüche ihrer Narrative mit und zu anderen Narrativen werden nicht analysiert, sie werden lediglich behauptet. Gerade deshalb gerinnt ihre Arbeit, die als Analyse solcher Narrative angelegt war, zur Aufblätterung scheinpsychologischer Portraits, die zeitweise einer öffentlichen Hinrichtung gleichkommen.

    Selbstverständlich ist es wichtig die Narrative auch von Täterkindern zu untersuchen, die mit ihren Eltern ins Gericht gehen. Da Frau Hanitzsch jedoch so gut wie ausschließlich die Veröffentlichungen von Malte Ludin, Beate Niemann und Niklas Frank untersucht, diese Veröffentlichungen selbst bereits als kollektive Täterkinder-Erzählung bezeichnet, ist sie nicht in der Lage, den Ort zu bestimmen, den diese drei mutigen Autoren im Konzert der Auseinandersetzung mit dem vor allem von der „zweiten Schuld“ (Ralph Giordano) gekennzeichneten deutschen Familiengedächtnis einnehmen, das sich, wesentlich direkt nach der Schoah entstanden, bis heute immer neue Anlässe seiner Tradierung sucht. Wie wir nicht erst seit Harald Welzer wissen, war Opa angeblich kein Nazi. Nicht nur die Täter entlasteten sich selbst, viele ihre Nachfahren folgen ihnen darin. Malte Ludin, Niklas Frank und Beate Niemann aber nicht.

    Aus meiner Sicht ist es geboten, dass Frau Hanitzsch die Kritiken von Beate Niemann und Niklas Frank an ihrer Arbeit in einem öffentlichen Forum mit ihnen selbst diskutiert, zu dem auch Malte Ludin eingeladen werden sollte. Möglicherweise wäre das ja ein interessantes Unterfangen des von ihnen koordinierten Graduiertenkollegs „Geschichte des Wissens“ an der ETH / Universität Zürich?

    Mit freundlichen Grüßen,
    Martin Jander

  • Florian Kappeler

    Sehr geehrter Herr Jander,

    lassen wir doch die dieser hervorragenden Studie zu wünschenden zahlreichen Leser_innen entscheiden.
    Dass wir beide uns einig werden, bezweifle ich, scheinen wir doch nicht über dasselbe Buch zu sprechen. Ihr einziges Argument ist auch in Ihrem Kommentar die psychologisierende Behauptung, Hanitzsch betrachte – horribile dictu – Frank als Homosexuellen und verkenne Niemanns Motive. Beides trifft nicht zu, denn um individuelle psychische Motive oder gar sexuelle Ausrichtungen geht es in der Arbeit gar nicht. Deshalb führt auch die Berufung auf die geheimen Briefe der beiden Autor_innen, die angeblich alles enthüllen, nicht weiter.
    Obwohl ich nicht finde, dass Hanitzschs Buch sich Ihrem Tribunal zu stellen hat, wünschte ich mir doch, Sie könnten zumindest meine zahlreichen Belege nachzuvollziehen versuchen, dass darin das Gegenteil Ihrer Inkriminierungen zu lesen ist. Dann könnte man über die konkreten Thesen und historischen Kontextualisierungen, die ich für pointiert und vielschichtig halte, auch streiten.
    Ihren Vergleich von Konstanze Hanitzschs Vorgehen mit einer Hinrichtung der ‚Täterkinder‘ finde ich jedoch, noch dazu im Kontext einer Thematik, bei der höchst reale Hinrichtungen durch nationalsozialistische Täter angesprochen werden, mehr als geschmacklos. Mit Verlaub.

    Florian Kappeler

  • Martin Jander

    Sehr geehrter Herr Kappeler,

    ja, in der Tat, die Leser werden sich ihr eigenes Urteil bilden, da bin ich ganz Ihrer Meinung. Ich stimme Ihnen auch darin zu, dass wir beide offenbar andere Bücher gelesen haben. Sie haben offenbar viele Sätze überlesen.
    Konstanze Hanitzsch schreibt in der Zusammenfassung ihres Portraits von Niklas Frank: „In Anbetracht dessen plädiert die Erzählinstanz [gemeint ist Niklas Frank – d. Verf.] als ´Anwalt des Vaters` für mildernde Umstände für seinen Vater, der seiner Ehefrau unterlegen war. Frauenfeindlichkeit und Homophobie sind diesem Plädoyer inhärent.“ (Hanitzsch, Deutsche Scham, S. 182).

    Sie haben auch offenbar folgenden Satz über Beate Niemanns Auftritt in dem Dokumentarfilm Yoah Tataris überlesen, der mir aufgefallen ist: „Die umfassende Trauer – um sich, die Opfer der Eltern, den Verlust des guten Vaters und um die von ihr selbst hervorgebrachten schuldigen Eltern – ´inszeniert` Niemann hier als ´deutsche Pieta`.“ (Hanitzsch, Deutsche Scham, S. 271)

    Sie haben möglicherweise auch folgenden Satz überlesen, der sich auf alle drei analysierten Autoren – Malte Ludin, Niklas Frank und Beate Niemann – bezieht: „Als Vater- und z. T. auch Muttermörder/-innen sind Frank, Niemann und Ludin nahezu mythische Gestalten: gerade da sie versuchen, die familiären Dynamiken zu zerschlagen. Der schamlose Vater- und Muttermörder Niklas Frank, die versteinerte Tätertochter Beate Niemann und die Schwesternkrypta [gemeint sind die Schwestern MaltLudins und ihr Auftritt im Film Ludins – d. Verf.], die das Bild des guten Vaters Schützt, können in der Zukunft zu ´deutschen Mythen` werden. (…). So können die ´Bilder des Weiblichen` die konkreten Taten und Verbrechen der Väter und Mütter Franks, Niemanns und Ludins überlagern und von ihrer Ursache ablenken.“ (Hanitzsch, Deutsche Scham S. 388)

    Hanitzschs Text enthält auch andere Passagen, nachdenklichere, präzisere. Einige davon haben Sie in ihren Verweisen angegeben. Da Hanitzsch aber auf Teufel komm heraus ihre in der Einleitung des Buches referierte These beweisen muss, dass Autorinnen und Autoren, die Nachkommen nationalsozialistischer Täter/-innen sind, sich selbst gewissermaßen selbst als „Gründungsopfer“ (Hanitzsch, Deutsche Scham, S. 14) eines neuen Deutschlands wahrnehmen und wahrgenommen werden, durch deren Leiden hindurch Deutschland „geläutert und gereinigt imaginiert werden kann“ (Hanitzsch, Deutsche Scham, S. 14), wobei diese Form der Schuldannahme die Leidensgeschichte der Nackommen in den Vordergrund stelle, muss Frau Hanitzsch dies eben auch an jedem einzelnen Beispiel – Frank, Ludin und Niemann – durchexerzieren. So macht man aus mutigen Autoren, die ihre Eltern nachträglich mit harten Vorwürfen vor Gericht zerren, „Entlastungszeug/-innen“ wie Hanitzsch das ja selbst mehrfach schreibt.

    Nicht ich veranstalte mit meiner Kritik an Hanitzschs Buch ein „Tribunal“ wie Sie schreiben, Hanitsch führt mit ihren missglückten Portraits von Ludin, Niemann und Frank einen öffentlichen Schauprozess durch, der die Leistungen der drei schlichtweg diskreditiert.

    Ich wünsche dem Buch vor allem Leser, die vorher oder nachher, tatsächlich die Autoren lesen, die in diesem Rahmen vorgeführt und abgewertet werden. Sie werden bemerken, dass die Texte von Ludin, Frank und Niemann entstellt werden und mit ihnen ihre Autoren.

    Ob Frau Hanitzsch den Mut besitzt, sich einer öffentlichen Debatte mit den Objekten ihrer Analyse zu stellen, wage ich zu bezweifeln. Tut sie es nicht, ist dies wie ein halbes Eingeständnis, welche Gewalt sie Ludin, Niemann und Frank mit ihrem Buch angetan hat.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Martin Jander

  • Florian Kappeler

    Sehr geehrter Herr Jander,

    ich möchte diese Diskussion nicht ins Endlose verlängern. Die von Ihnen zitierten Sätze zeigen doch zumindest, dass es um Deutungen und nicht um unmittelbare Evidenzen geht. In meinen Augen bestätigen sie nämlich meine Interpretation. Andernfalls müssten Sie erklären, wie Deutungen von Erzählinstanzen und Inszenierungen sowie die Spekulation über mögliche zukünftige Rezeptionen von Bildern konkreten Menschen Gewalt antun können. Das wäre jedenfalls eine ziemlich metaphorische Gewalt, die mit einem Schauprozess, bei dem es um Urteile mit harten realen Konsequenzen für die Angeklagten geht, wohl ebenso wenig zu tun hat wie mit der von Ihnen unterstellten ‚Hinrichtung‘. Autor_innen müssen sich auch nicht notwendig gegenüber den Verfasser_innen der von ihnen untersuchten Texte oder gar ihren Rezensent_innen rechtfertigen – wo würde das enden? Darf dann jedeR Autor_in gegen jede Deutung ihrer/seiner Schriften klagen? Wieso wird die Unterstellung von Gewaltakten schon ‚halb‘ (?) eingestanden, sollte man sich dieser Absurdität verweigern? Und in welchem Sinne – metaphorisch, juristisch etc.? (und welche Macht schreiben Sie damit Frau Hanitzsch eigentlich zu?)
    Wie kann Frau Hanitzsch so viel Gewalt ausüben und Menschen diskreditieren, wenn doch Sie selbst, Herr Jander, ausdrücklich schreiben, dass Sie mehr ‚präzise‘ und ’nachdenkliche‘ Deutungen in ihrem Buch finden als ich?
    Dass Sie anderer Ansicht sind als ich, kann ich gerne so stehenlassen, Ihre diffamierende Rhetorik aber nicht.

    Mit freundlichen Grüssen,
    Florian Kappeler