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Die Unterdrückung Osteuropas 1944 – 1956

Die amerikanische Autorin Anne Applebaum ist sowohl Historikerin als auch Journalistin und das macht sich bemerkbar. Mehr als ein Geschichtsbuch, hat sie ein durchaus lesbares, ja spannendes Buch voller Geschichten vorgelegt. Sie hat sich dabei auf drei Länder konzentriert, auf die DDR, Polen und Ungarn…

Anne Applebaum - Der eiserne VorhangRezension von Karl Pfeifer

Applebaum hat viele Zeitzeugen befragt und belegt mit deren Geschichten ihre Sicht der kommunistischen Gewaltherrschaft in diesen Ländern, ohne auszublenden, dass „für Millionen“ die Rote Armee Freiheit brachte. „Sowjetische Soldaten öffneten die Tore von Auschwitz-Birkenau, Majdanek, Stutthof, Sachsenhausen und Ravensbrück.“

Bei der Schilderung der Pogrome gegen Juden, die nach der Befreiung das Leben tausender jüdischer Überlebender gefordert hatten, weist sie auch auf die Beteiligung der lokalen Bevölkerung an diesen Verbrechen hin, die oft genug durch Gerüchte über angeblich von Juden abgeschlachtete Christenkinder ausgelöst wurden. Treffend die Bemerkung des polnischen Philosophen Stanislaw Ossowski: „Wenn das Unglück eines Menschen einem anderen nützt, entsteht ein Drang, sich selbst und andere zu überzeugen, dass das Unglück moralisch gerechtfertigt war.“ Natürlich hat sie auch über andere Opfer dieser Periode geschrieben, über Polen, Ukrainer, Ungarn und Deutsche, die Opfer ethnischer Säuberung wurden.

Der weit verbreiteten Geschichtsfälschung in Ungarn, wonach die meisten Juden nach 1945 auch Kommunisten waren, widerspricht Applebaum: „Nur ein Viertel der jüdischen Bevölkerung wählte 1945 die KP.“ Der Anteil der Juden im Staatsapparat ging nach 1948 zurück. Rákosi, der damalige Chef der kommunistischen Partei Ungarns sagte einem amerikanischen Journalisten über die ehemaligen Pfeilkreuzler: „Sie waren da nie aktiv. Sie brauchen bloß ein Gelöbnis zu unterschreiben und wir nehmen sie auf.“

1945/46 war Rákosi besorgt, dass sich zu viele Prozesse gegen „Leute, die den Juden etwas antaten“ richteten und er flocht gern auch antisemitische Bemerkungen ins Gespräch ein, sodass der katholische Parlamentspräsident Béla Varga ihn einmal anfuhr: „Ihre Mutter war Jüdin, verleugnen Sie nicht Ihre Mutter.“ Und die Autorin zitiert auch den Historiker Jeffrey Herf: „Die alten antisemitischen Stereotypen des Juden als Kapitalist und passiver Schwächling überdauern versteckt im kämpferischen Diskurs des ostdeutschen Antifaschismus.“

Applebaum geht nicht chronologisch vor, sondern nach Themen wie zum Beispiel „Polizisten“, „Gewalt“, „Ethnische Säuberung“, „Jugend“, „Radio“, „Wirtschaft“, „Sozialistischer Realismus“.

Im Buch sind leider auch Fehler vorhanden. Hier nenne ich nur einen, im Kapitel „Innere Feinde“ behauptet sie „Merker war als Jude, der im mexikanischen Exil gewesen war, ein offensichtliches Ziel“ für einen Schauprozess. Paul Merker war kein Jude und gerade weil er als solcher für die Wiedergutmachung für Juden eintrat, wurde er in der DDR einige Jahre eingekerkert.

Wer sich für die Atmosphäre dieser Jahre interessiert, sollte unbedingt dieses 637 Seiten umfassende Buch lesen. Wer jedoch wissen möchte, wieso und wie dieses System in den Ländern Osteuropas funktionierte und eine tiefere Analyse erwartet, wird enttäuscht.

Anne Applebaum: Der eiserne Vorhang. Die Unterdrückung Osteuropas 1944 – 1956, Siedler Verlag 2013, Euro 29,99, Bestellen?

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