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Neidgeschrei: Antisemitismus und Sexualität

Hier geht es um den aus sexuellem Neid geborenen Anteil des Antisemitismus, ein Thema das nicht nur zeigt, welche – manchmal tödliche – Macht Phantasien entwickeln können, sondern auch vor Augen führt, wie sich in den Feindbildern einer Gesellschaft deren Mentalität widerspiegelt…

Eine wichtige, bislang vielfach nur am Rande wahrgenommene Erkenntnis wird hier belegt: Der sexuelle Neid bildet ein emotionales Hauptmotiv der Judenfeindschaft und hat von Anfang an aus ihren Zeugnissen gesprochen.

»So weit der Blick in die Vergangenheit schweift«, schreibt der Autor, »er trifft immer wieder auf die gleiche boshafte, mit allen Anzeichen innerer Erregung vorgetragene Anklage an die Adresse der Juden, die es einfach nicht lassen könnten, sich sexuell über Gebühr zu vergnügen, nichtjüdische Frauen zu verführen und die guten Sitten zu verderben.
Der Sexualantisemitismus existiert seit mindestens 2000 Jahren und ist von Anbeginn sehr viel mehr gewesen als nur eine Begleiterscheinung der abendländischen Geschichte.«

Aus der Einleitung von Gerhard Henschel
(Neidgeschrei: Antisemitismus und Sexualität).

Im Januar 1913 veröffentlichte der Jude Paul Mayer in der Zeitschrift Die Aktion ein Gedicht mit dem Titel »Ahasvers fröhlich Wanderlied«:

Seht, ich bin der Wurzellose
Kein der Umwelt Anvermählter,
Keines Heimwehtraums Narkose
Treibt das Herz mir in die Hose
Denn ich bin ein Leidgestählter.

Friedlich sitzt ihr in der Wolle
Eurer heiligsten Gefühle
Pflügend die ererbte Scholle
Während ich die wandertolle
Sehnsucht in Gesängen kühle.

Manchmal zerrt ihr mich am Rocke
Und ihr kitzelt meine Wunden
Doch ich greif zum Wanderstocke
Ich bin frei und ich frohlocke
Weil ich nicht, wie ihr, gebunden.

Treibt Ihr mich von euren Schwellen,
Ich bin doch der Meistbegehrte
Eure Neidgeschreie gellen
Denn ich trinke eure Quellen
Und ich wäge eure Werte.

Und mit eines Königs Geste
Schenke ich euch meine Gabe
Und ich schmücke eure Feste
Spende euch dazu das Beste
Was ich selbst errungen habe.

Meiner Seele glatte Häute
Bergen, was ich bettelnd büsste;
Doch es türmt sich meine Beute,
Und es jauchzen eure Bräute
Mir, dem Auswurf fremder Wüste.

Gähnend dampft ihr euren Knaster
Zu der ehrbaren Verdauung
Doch ich bin ein kluger Taster
Und ich reize eure Laster
Zu höchsteigener Erbauung.

Also treibe ich die Spiele,
Meines reifen Uebermutes
Sonderbare, sehr subtile
Letzte, euch verhüllte Ziele
Meines Asiatenblutes.  (1)

Das war ein kühner Streich: Hier hatte ein Jude die schärfsten den Juden seit Jahrhunderten geltenden Verleumdungen einmal stolz und frech bestätigt und sich als sexueller Freibeuter höhnisch über die gehörnten Spießbürger ausgelassen, die gähnend ihren Knaster schmauchten und In der Wolle ihrer heiligsten Gefühle verdämmerten, während ihre sexuell ausgehungerten Bräute ihm, Ahasver, »dem Auswurf fremder Wüste«, zu Willen waren.

Das Neidgeschrei, das daraufhin erscholl, war gewaltig. In der antisemitischen Literatur wurde »Ahasvers fröhlich Wanderlied« fortan als freies Bekenntnis zu den Spielen eines reifen Übermutes und den letzten Zielen des jüdischen Asiatenblutes immer und immer wieder zitiert. 1938 eröffnete der Nationalsozialist Hans Diebow damit sein Machwerk »Der ewige Jude«.2

Ein irritierter Historiker meldete 1974 Zweifel an der Echtheit des Gedichts an,3 aber daran gab es nichts zu deuteln: »Ahasvers fröhlich Wanderlied« hatte der jüdische Lyriker Paul Mayer verfaßt, »ein zarter, feingliedriger Mann«,4 der noch viele Jahre lang als Autor und Lektor für Rowohlt tätig war und seine Arbeit im Verlag 1935, auf Drängen der Reichsschrifttumskammer, einstellen mußte.5

»Man weiß nicht«, hieß es in einer Publikation des nationalsozialistischen Propagandaministeriums, »was man an dieser sonderbaren Lyrik mehr bestaunen solle, ihre grenzenlose Offenheit oder ihren frivolen Zynismus«:

Jedenfalls, unverhüllter und treffender als in dieser authentischen Weise konnte der Geist des Judentums nicht in Worte gegossen werden. Ohne jeden Ballast von Tradition und Pietät wird hier das Ideal der »Wurzellosigkeit« proklamiert, werden die Ideale anderer Völker leichtfertig verhöhnt. Dieser Geist, dem nichts heilig ist, der sich sogar seiner animalischen Gelüste in fast gotteslästerlicher Überhebung rühmt, dieser Geist war es, der immer mehr unter dem Einfluß des Judentums zur Ausbreitung gelangte. […] Gegen ihn mußte eine jede Regierung, die auf christlicher Sitte und auf die primitivsten Regeln des Anstands hielt, Front machen.6

Man kann nicht behaupten, dass die Nationalsozialisten, als sie regierten, die christliche Sittenordnung, die Zehn Gebote oder auch nur die primitivsten Regeln des Anstands respektiert hätten. Als Machthaber warfen sie, wie man weiß, systematisch jeden Ballast von Tradition und Pietät ab, verbreiteten einen Kampfgeist, dem nichts heilig war, ließen ihren Mordopfern die Goldzähne herausbrechen, strebten selbst in gotteslästerlicher Überhebung die Weltherrschaft an und verübten ausnahmslos jedes Verbrechen, das sie dem verhaßten Volk der Juden jemals nachgesagt und verübelt hatten. Im Dritten Reich durften sich die Antisemiten, mit staatlicher Lizenz zum Töten, so schamlos benehmen wie die Karikaturen der Juden in antisemitischen Pamphleten.

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