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Ein machtvolles Plädoyer für eine Kabbala der Tiere

Hatte die Autorin in Eine tierische Liebe erste Ansätze zu einer neuen, auf  Verstehen und Mitgefühl basierenden Tierpsychologie vorgelegt und diese in Tiere-Frauen-Seelenbilder breiter ausgeführt, so nimmt das neue Buch von Hanna Rheinz verstärkt den gesamt-gesellschaftlichen Aspekt der Mensch-Tier-Beziehung kritisch den Blick. Dies geschieht nicht nur theoretisch, sondern die Autorin bringt dabei auch die Erfahrungen aus ihrem alltäglichen Leben mit Tiergefährten ein. Das Spannungsfeld zwischen einem ganzheitlichen Verstehen der Tierpsyche und der Missachtung tierlicher Bedürfnisse aufzuzeigen, hat sich die Autorin zum Ziel gesetzt…

Von Arabella Unger

Schon der Prolog  des Buches hat einen visionären Charakter. Ausgehend von der  Frage, welche Art von Erwachsenen aus Kindern hervorgehen würde, wenn sie  gelebte Partnerschaft mit Tieren kennengelernt hätten, wird konstatiert, dass solcherart aufgewachsene Menschen später zu Spiegelungen der Geheimnisse des Lebens würden. Somit könnten sie eine neue Gemeinschaft generieren  – die Autorin nennt diese in Fortsetzung der jüdischen Stammesgeschichte den  „13. Stamm“, den der  Tierversteher. Schließlich  würde in der Endzeit der  kommende Maschiach (Messias) erscheinen, welcher  mit den Tieren reden und die Menschen zur  Verpflichtung zum Mitgefühl gegenüber den Tieren erinnern würde.

Tiere als Spiegelungen des Lebens ist das Generalthema des Buches. Dies ist die Quintessenz des von der Autorin geprägten Begriffes einer  Kabbala der Tiere. Oft nur angedeutet, durchzieht der Spiegelungsgedanke gleich einem roten Faden den Hauptteil des Buches, um schließlich am Ende theoretisch begründet zu werden. Für unseren Zweck empfiehlt es sich, Letzteres an den Anfang zu stellen.

Die Kabbala (u.a. abgeleitet von lekabel = erhalten, empfangen)  bezieht sich u.a. auch auf eine mystische Deutung der Schöpfung. Das Weltbild der Kabbala beruht auf komplexen in  gegenseitiger Wechselwirkung miteinander agierenden Energieprozessen. Einer der  Deutungswege ist der (schöpfungs-)ethische. Dieser befasst sich mit den Ursachen der Schöpfung, den Motiven und Entwicklungsstufen der Lebewesen, den Stufen der seelischen Entwicklung, der Interaktion von Gut und Böse, Licht und Dunkel als Teil der Schöpfung.

In der Gestalt des komplexen Systems der Sephirot finden diese Bezugspunkte ihren Niederschlag. Dieses weist aus,  dass alles Leben miteinander verbunden ist und somit  genuin die Notwendigkeit von Mitgefühl unter allen Lebewesen bedingt. Das System wird daher  auch oft  bildlich als Lebensbaum dargestellt. Die vielfältigen Konstellationen umfassen Beziehungsqualitäten und seelisch-emotionale Zustände, die sowohl die innerseelische Struktur von Mensch und Tier als auch die Beziehungen des jeweils  einzelnen zur äußeren Welt einschließen. Mensch und Tier sind somit mehrdimensional aufeinander bezogen, was sich insbesondere in der beiden gemeinsamen Seele des Lebens (nefesch chai) symbolisiert. Eine Erkenntnis, die gegenseitiges  Mitgefühl unter allen Lebewesen zwingend zur Folge haben muss.

Folglich hat alles, was der Mensch den Tieren antut, Wirkungen auf den Menschen selbst.

Der Blick auf den heutigen Zustand der Tiere öffnet den Blick auf die eigene Selbstentfremdung des Menschen. Im Judentum kommt noch speziell hinzu, dass angesichts der eigenen Verfolgungsgeschichte der Mensch solidarisches Mitgefühl mit den verfolgten und bedrohten Tieren empfinden müsste. Dies müsste zum aktiven und ständigen  Bemühen   um eine ethischen Lebenspraxis führen. Letztere hätte ihre elementare Basis in der täglichen Auswahl der eigenen Nahrungsmittel.

„Wähle das Leben!“- nimmt man sich diese Aufforderung der Tora zum Richtmaß, kann der ethisch sein wollende Mensch sich nicht totes Leben einverleiben. Insofern ist die nicht auf Gewalt und Ausbeutung bezogene Ernährung eine Bedingung für eine Heiligung des Lebens.  Wenn das Tier als Akteur der eigenen spirituellen Entfaltung auftritt, kann der Mensch dieses schlechterdings  nicht verzehren. Folgerichtig erfordert eine solchermaßen in die Praxis umgesetzte ethische Position  die Rückkehr zum urzeitlichen Tora-Gebot des Vegetarismus.

Als Individuum kann man so zwar nicht die ganze Welt retten, jedoch trägt damit jedes Exemplar zum (Wieder-)Zusammenfügen der zerbrochenen Welt (tikkun olam) bei.

Auf einer höheren heilsgeschichtlichen Ebene verlangt die Kabbala der Tiere das Kommen eines Maschiach, der – wie oben schon angeführt – zum Mitgefühl gegenüber Tieren aufruft. Auf der Mikroebene jedoch ist vom Geist des Maschiach geprägtes Verhalten immer möglich. Dafür steht  folgende, mich seit meiner Studienzeit beeindruckende, wohl  dem Chassidismus entstammende Legende: Auf die Frage, wann der Maschiach komme, antwortet ein Rabbi sinngemäß: Heute, wenn du auf sein Wort hörst.

Die Autorin untersucht im Hauptteil des Buches zahlreiche Aspekte der Mensch-Tier-Beziehung in der heutigen Gesellschaft. Das heutige Kind lebt – anders als im Prolog ins Visier genommene imaginäre Kind – nach einer Erziehungsphase, während der es die Gleichgültigkeit  mangels erwachsener Vorbilder adaptiert hat, nunmehr selbst als Erwachsener unter den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen in parallelen Welten. Diese sind gekennzeichnet  einerseits von einer Verhätschelung bestimmter weniger Tiere – was diesen auch nicht immer gut tut – andererseits von einer gnadenlosen Ausbeutung von sogen. Nutztieren mit Haltungs- und Tötungsmethoden, die unermessliches tierliches Leid erzeugen.

Daher wird für ein so aufgewachsenes Individuum oft die Verdrängung zum Mittel der Selbsterhaltung der Psyche. Es erkennt aber nicht, dass  es damit schon von der auf Tierausbeutung sich stützenden Konsumentengesellschaft geistig vereinnahmt wird.

Und schon wird ein solcher Mensch zu dem, was die Autorin  als Modell  FleischMensch nennt (Das Weglassen des üblichen Bindestriches soll m. E. nach hier  wie auch in den noch folgenden Modellen das Ineinanderverwobensein von Subjekt und Objekt in Vorstellung und Realität symbolisieren). Ein solcher FleischMensch konsumiert Tiere in jeder  Hinsicht vollständig, z.B. direkt für Nahrung und Kleidung, aber auch indirekt  in kaum noch überschaubarer Vielzahl: wer denkt z.B. daran, dass Medikamente vielfach in Form einer  Kapsel aus Gelatine (einem Produkt aus  dem tierlichem Knochenfaserstoff  Kollagen) verabreicht werden? Des FleischMenschen nach außen getragenes Selbstbewusstsein liegt gesellschaftlich voll im Trend. Er verschlingt möglichst viel, der Devise „Geiz ist geil“ folgend.  Etwas mehr  Sensiblere aus dieser Gruppe beruhigen sich damit, zu glauben, dass das Schlachten unvermeidlich sei und begnügen sich mit der Forderung nach halbherzigen Maßnahmen, wie der Verbesserung der Betäubungsmethode für das Schlachttier; die etwas mehr Aufgeklärten greifen zu  Bio-Fleisch, statt von den Ursachen und deren Folgen her zu denken und für die vegetarischen Produkte zu optieren. Für die heutige von einer Industrialisierung der Tiernutzung gekennzeichnete Zeit – symbolisch dafür steht der nach dem Taylor-System zu höchster Effektivität gesteigerte Massenschlachtprozess –  müsste man sogar noch radikaler an die Wurzel des Übels gehen. Bedenkt man  z. B. dazu noch zusätzlich die Situation der Kälber, die nach kurzer Zeit ihrer Mutter entrissen werden, keine Mutterbindung und Kindheit auf einer Weide erleben und im Turbo-Tempo zur Schlachtreife gemästet werden, müsste man sogar Veganer werden, weil man sonst durch den Konsum von Milchprodukten dieses System mitfinanziert.

Dem britischen Staatsdenker Edmund Burke wird folgender Ausspruch zugeschrieben: „Das Böse triumphiert allein dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen“. Es kommt also darauf an, das Positive im Menschen zu stärken.

Wie müssen solche Menschen geartet sein? Kam es bereits in unseren Ausführungen zur Kabbala der Tiere darauf an, dass die Kommunikations- und Beziehungslosigkeit zwischen Mensch und Tier unter Verweis auf die beiden gemeinsame Seele des Lebens in religiöser und ethischer Praxis überwunden werde, betritt die Autorin auf diesem Gebiet mit dem umfangreichsten Kapitel des Buches  Figuren und Gesichter erneut Neuland.

Ausgehend von der Vielschichtigkeit  der Beziehungen des Menschen zum Tier, das tief in den bewusstseinsfernen Schichten der Persönlichkeit wurzelt, können daraus resultierende Gefühle gegenüber dem Tier mit Modellen beschrieben werden, die aus  Verhaltensforschung und  Psychobiologie adaptiert sind. Dazu kommen noch Fantasien, Traumbilder und Gefühlsübertragen – alles Wege, sich in ein Tier hinein zu versetzen. Dies generiert insgesamt  den Typ des TierMenschen, der sowohl Grenzen der Arten als auch solche  zwischen Denken und Fantasie, Traum- und Selbstbildern überwindet.

Die Autorin klassifiziert darauf dieses Modell in diverse Untergruppen, ein formaler Kunstgriff, der es ihr erlaubt, in den Einzelporträts persönliche Erfahrungen, Charakterisierungen von Tier und entsprechender Person individuell und mit Bezug auf die Gesellschaft miteinander zu verbinden und in ihre Bewertung bei allem persönlichem Engagement eine Distanz einzubringen, die teilweise der Ironie nicht entbehrt.

So wird das Defilee der einzelnen Modelle eingeleitet  mit einem Zitat aus den „Sprüchen der Väter“  (Pirkei Avot 4,4): „Die Zukunft des Menschen liegt in den Würmern“. Ein Blick in die  Quelle weist aus, dass vor der zitierten  Aussage, die eigentlich eine Schlussfolgerung ist,   eine zweimalige Aufforderung zur Demut an den Menschen zu finden ist, eine gute Devise, in dieser Haltung die folgenden Modelle zu betrachten, um am Ende wieder zum Wurm zurückzukehren.

Der FliegenMensch hat eine hohe kommunikative Kompetenz in Bezug auf  Insekten, was ihn befähigt, die  kleinen Tiere nicht zu schädigen.

Der FroschMensch fühlt sich dem Element Wasser verbunden, zuweilen ist er auch auf dem Festland, doch er flieht jede Bindung.

Der HennenMensch: Ursprünglich galten Hennen als Sinnbilder der Großzügigkeit der Natur. Nach der Zeit des unter großer Anstrengung erfolgten Eierlegens blieb ihnen noch eine Alters-Ruhezeit ohne Eiablage. Heute werden Hennen gezüchtet, die auf hohe Legeleistung getrimmt sind. Der Stress des Eierlegens ist Dauerzustand. Die Lebenserwartung hat sich radikal verkürzt. Am Schluss landen sie auf dem Biomüll, was billiger ist als die entsprechenden Tierarztkosten aufzubringen.

Der HundsMensch schnüffelt überall herum, schlägt an, wenn er Gerüche jenseits der Tabu-Grenze findet. Er ordnet sich aber  dem (menschlichen) Oberhund unter. Er strahlt kaum Selbstbewusstsein aus und ist in Karrieredingen ein Radfahrertyp mit Fähigkeit sowohl zu intensiver Freundschaft als auch zu großer Abneigung. Somit eignet er sich vorzüglich für eine Seilschaft von nach oben Strebenden. Das eigene Defizit an Autonomie soll dann oft ein hoch gezüchteter „Kampfhund“ ausgleichen. Angesichts solcher Ausuferungen gewährt uns der MopsMensch mit seinem Bekenntnis zum Durchschnitt eine wohltuende Abwechslung.

Der IgelMensch hat eine auf Vorsicht und Misstrauen basierende alte Überlebensstrategie entwickelt. Für seine tierlichen Gefährten wird das Zusammenrollen bei Gefahr angesichts des allgegenwärtigen Verkehrs oft zur Todesfalle. Die Überwinterung der Spezies in menschlicher Obhut stellt den menschlichen Partner oft vor große Herausforderungen. Über ausgeklügelte Pflegepläne wird  oft  Basales vergessen, mit der Folge, dass die Anwendung ersterer leicht zum Tod führen kann.  Der Mensch lernt aber dabei auch den eigenwilligen Charakter des Tieres näher kennen. Fühlt dieses  sich wohl, sendet es ohne Rücksicht auf seine Umgebung überlaute Schmatzlaute aus. Die Welt aus der Igelperspektive wahrzunehmen, heißt zu lernen,  sein  Selbst der Konvention halber nicht verbergen zu wollen.

Der KatzenMensch darf als die höchste Inkarnation der Seelenzwitter im Übergangsfeld Mensch-Tier gelten. Bei aller Nähe, die der KatzenMensch durch Schnurren in seinem Umfeld herzustellen vermag, wahrt er vornehm Distanz. Bindet er sich einmal, gilt das fürs Leben. Trotzdem bleibt er innerlich frei. Er will bleiben, was er ist.  Ihm ist eine geistige  Umtriebigkeit eigen, oft verbunden mit existenzieller Entfremdung – der Stolz des Intellektuellen. Im praktischen Katzenleben kann sich dies  im Extremfall auch zu einer Tyrannei gegenüber dem Bezugsmenschen äußern: durch ständiges Schreien als Zeichen der Unzufriedenheit mit allem, was das geschilderte Tier schließlich in einen sich selbst gesetzten Erfolgszwang bei der Jagd nach Nagetieren sublimierte.

Der KrähenMensch hackt überall ein und gibt seinen Senf zu allem dazu. Er beherrscht besonders das Nachhaken, kommt aber nicht zum Kern der Sache und bewirkt daher kaum etwas.

Der SchleiereulenMensch ist wohl einer der Begabtesten. Von  Natur aus ein scheues Geschöpf, tritt er nachts auf, sein Lied erst anstimmend, wenn alle anderen schweigen.

Der PferdeMensch:  Das Pferd ist ein Spiegel des Menschen, das es reitet. Negativ schlägt die Beziehungs-Skala aus,  wenn das Reiter-Ego dominiert. Durch Knebelung erzielt dieser so  ein zwar  funktionierendes,  jedoch nicht mitdenkendes, weil stumm leidendes Pferd. Positiv kann  ein auf Gewaltfreiheit basierendes Reiten ein Weg zur inneren Harmonie und des Vertrauens zwischen Pferd und Reiter sein, was sich schließlich auch auf die menschliche Psyche auswirkt. Der  kluge PferdeMensch lebt angesichts eines solchen mitfühlenden und mitdenkenden Partners nie ohne Selbst-Zügel als Mittel gegen die Gefahr der eigenen Hybris.

Der ReptilienMensch: Seine  thermische Anpassungsleistung  prädestiniert ihn zum Überleben. Anders als Säugetiere sind Reptilien von Geburt an auf sich allein gestellt. Dies macht sie  geistig unabhängig. Ungleich vieler Säugetiere verlangt sie nicht danach, jede sich bietende Nahrung wahllos sich einzuverleiben. Denn jede Nahrungssuche ist Schwerstarbeit und verlangt höchste Konzentration, was sich in den Augenbewegungen der vermeintlich teilnahmslosen Wesen spiegelt.

Der SchweinsMensch repräsentiert das Schweinische als des Menschen zweite Natur. Im Paarhufer steht der Mensch vor seinem Ebenbild. Er  wälzt sich gern im eigenen Mist und ist  ein wahrer Vielfraß mit Neigung zur Korpulenz und Bluthochdruck. Der Mensch, der sich solch einem Fressgelage hingibt, hat allen Hunger besiegt außer jenem nach dem wirklichen  Leben. Allerdings bedroht die Unersättlichkeit des Menschen über den Aspekt der Nahrung hinaus seinen tierlichen Bruder in anderer Weise. Angesichts der Ähnlichkeiten in Körpergewebe, Hautstruktur und Kreislauf mutiert dieser immer mehr zum Ersatzteillager für Zwecke der Transplantation von Organen für Menschen.

Der TrophäenMensch: Der Besitz einer  Trophäe verspricht,  nie mehr Abschied nehmen zu müssen, wertet aber das in der Virtualität noch sichtbare lebendige Wesen zum Objekt herab. Der Besitzer verbindet damit ein ewiges, aber einseitiges Liebesversprechen. Die Palette der Objekte reicht dabei von solchen, die der Großwildjagd zum Opfer gefallen sind, bis zum ausgestopften Lieblingshaustier. Gerade im letzteren Fall soll dies nach Wunsch der Besitzer den Übergang nach dem Tod des Tieres erleichtern. Jedoch dürfte wohl eher die Erinnerung an die Seele und nicht an den toten Körper dauerhaften Trost spenden.

Der VogelMensch setzt sich uneigennützig für Dritte ein. Für die Rettung von Wildvögeln nimmt er jede nur erdenkliche Mühe auf sich, wenn auch – mangels Fachtierärzte und eigener Fachkenntnisse – nicht selten ohne Erfolg.

Der WurmMensch ist des Tieres erste und letzte Verkörperung. Er neigt  zu einfachen Lösungen, zum Naheliegenden. Er wartet auf dem Oberwurm, der ihm zu sagen hat, wo er graben soll. Trotz allem Zerkleinern und Zersetzen kommt er nie zu einem Ende. Es wurmt ihn, dass er so viel umwälzen muss, ohne etwas aufbauen zu können und durch seine Leistung Bedeutung zu erlangen. In der oben erwähnten Demut könnte er sich als unscheinbares, aber doch wichtiges Glied in die Phalanx derer einreihen, durch deren Aktivität immer wieder neues Leben erzeugt wird. Aber er ist meist ein Hypochonder, bei dem ärztlicher Beistand kaum wirksam ist. Aber vielleicht ihm hilft der Traum, im Sommer in  einem  kurzen Leben als Glühwürmchen ein einziges Mal die Bewunderung aller zu erhaschen?

Schade, dass uns die Autorin das Phänomen der Beschreibung eines KuhMenschen vorenthält. Dieser hätte ein Symbol für vieles sein können, z.B.  Mutterliebe und Barmherzigkeit, aber auch Friedfertigkeit und Langmut, Eigenschaften, die heutzutage notwendiger denn je wären. Aber sie sind im Buch in anderer Form vertreten, nämlich in der Präsentation des Abschnitts über das Zicklein, dem ADONAI (Gott) die drei Waffen Sanftmut, Hingebung und Geduld schenkt. Diese stellen auch die notwendige psychische Ausstattung dar für solche Menschen, die sich nachhaltig für die Rechte der Tiere einsetzen.

Die Autorin streift noch einige weitere wichtige Themen, so z.B. die moderne Vermarktung der Tierliebe in den Tierparks und den Medien.

Insgesamt atmet jede Seite des Buches neben der Auseinandersetzung mit dem Thema die persönliche Betroffenheit der Autorin. Diese prägt ihr ganzes Leben. „Nichts kann ich vergessen. Nichts. Nicht einmal in Träumen“. Diese Sensibilität schärft ihren Blick für die Wahrnehmung struktureller Gewaltverhältnisse in der Mensch-Tier-Beziehung. Letztere stellt sie  dank ihrer  großen sprachlichen Gestaltungskraft schonungslos an den Pranger. Wird ihre Botschaft gehört werden in einer Zeit, die so sehr mit dem Ökonomischen beschäftigt ist? Die Einzigartigkeit des Buches liegt trotz der Auseinandersetzung mit vielem Zeitbedingten im perspektivischen Blick, mit dem die Autorin das dem Judentum eigene Streben nach Gerechtigkeit auf der Suche nach Konkretion in immer neuen Formen transzendiert. Manchem, dem ein solcher Ansatz  nicht auf der Höhe der Zeit scheinen mag, sei Albert Schweitzers Aussage ans Herz entgegengehalten: „Das Unzeitgemäße ist heute das Zeitgemäße“.

Visionär ist nicht nur der Prolog, sondern auch der Schluss des Buches. In einer Arche Nova wird das Projekt des Überlebens dank gemeinsamer Interessen von Mensch und Tier symbolisch imaginiert. Parallel zur Erkenntnis, dass der Garten Eden als Vision des friedvollen Zusammenlebens mitten unter uns sein könnte, bräuchte es das Bewusstsein,  dass jeder der Engel des anderen zu sein hätte. „Werdet einander zu Engeln, zu Hütern des Lebens. Seid füreinander treue Freunde und Begleiter, Hüter des Lichts und Bewahrer vor dem Dunkel, vor dem Schrecken des Nichts“.

Hanna Rheinz: Zwischen Streichelzoo und Schlachthof. Über das ambivalente Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Kösel Verlag. München, 2011. ISBN 978-3-466-30901-6, Euro 17,99, Bestellen?

© Arabella Unger, (Kontakt: arabella.unger(at)vodafone.de)

1 comment to Ein machtvolles Plädoyer für eine Kabbala der Tiere

  • Jens

    Interessant und wirklich ein wichtiges Thema. Da soll also nur(?) der Messias mit den Tieren reden (können)? Da möchte ich mal widersprechen. Das können viele, das ist auch gar nicht so schwer, es liegt in unserer Natur. Bei Zigeunern zB. ist das weit verbreitet dort nennt man es „das Wort“ und wird vor allem bei Pferden angewendet. Viele Schamanen können das auch. Es gibt diesen 13. Stamm der Tierversteher, nur haben sie kaum etwas zu sagen.

    Ich hab da auch mal nachgefragt, bei Krähen, Pferden, Katzen und Schweinen und habe erfahren, dass schlachten und essen von Tieren nicht so sehr das Problem ist, sondern vor allem die Haltung und die Respektlosigkeit mit der wir mit unseren Nutztieren umgehen. Eigentlich sind wir Menschen der König der Tiere und wir sind ein schlächter König. Früher in der guten alten Zeit, da hatten die Schamanen und Geistlichen die Aufgabe, die Tiere auf ihren Tod vorzubereiten, sie zu begleiten, sich bei ihnen zu entschuldigen und zu danken. Es ist wichtig, damit der Geist und die Seele ihre Ruhe finden. Da würde es mich mal interessieren ob das bei koscher bzw. halal Schächtungen gemacht wird.

    Es ist nicht möglich, das in einem Schlachthof vielleicht 20.000 mal am Tag zu tun, einmal in der Woche ist schon sehr viel, das ist etwas anstrengend, da ist keine Fließbandarbeit möglich und so viele Menschen können das nun auch wieder nicht. Also in diesen Massen, wie wir es heute tun, ist es nicht möglich die Tiere so zu behandeln wie es richtig wäre. Das heutige „humane“ Töten ist reine Augenwischerei und viele Tierschützer sind einfach nur ahnungslos und furchtbar nervig in ihrer Naivität. Niemand sollte essen was er selbst nicht töten würde, so ist man nur ein Aasfresser.

    Mein Vorschlag für die Zukunft ist, die Versorgung mit tierischen Eiweißen hauptsächlich auf Insekten umzustellen. Ich kann mir gut vorstellen, dass man da mit weniger Aufwand viel mehr produzieren kann. Da ist eine Begleitung nicht notwendig und geschmacklich dürfte es eine große Vielfalt geben und gesünder ist es auch noch. Würmer und Schnecken usw. gehen auch. Bei Weinbergschnecken kann man sogar verschiedene Geschmacksrichtungen über die Fütterung erzeugen.

    Die Schrecken des Nichts gibt es nicht, da ist nirgends kein Nichts nicht. Innerhalb der Existenz, gibt es keine Nicht-Existenz. Dieser Glaube ans Nichts ist der Ursprung allen Übels! Es zerstört die Fantasie, verjagt den großen Geist und erzeugt die Angst vor dem Tod! Die Frage nach dem Nichts hat Gott verstummen lassen, weil es keine Antwort darauf gibt. Das Allwissende weiß nicht, was es nicht gibt und es mag es überhaupt nicht, wenn man danach fragt. Michael Endes Unendliche Geschichte enthält mehr spirituelle Wahrheit als die Bibel.