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Ella Milch-Sheriff: Ein Lied für meinen Vater

Die israelische Komponistin und Mezzosopranistin Ella Milch-Sheriff ist in Israel für ihr musikalisches Wirken mehrfach ausgezeichnet worden. Im Kontrast zu dieser öffentlichen Anerkennung waren ihre Erinnerungen an ihre Kindheit im Israel der 1950er und 60er Jahre von Düsternis und Nichtverstehen geprägt. Ihr aus dem polnischen Ostgalizien gebürtiger Vater, der Arzt Baruch Milch, war ihr als brutaler, strafender, verständnisloser Mensch in Erinnerung, dessen Gegenwart ihr Unbehagen bereitete. In ihrer Familie gab es keine Kommunikation, es herrschte eine "bedrückende Stille" (S. 13). Nichts sprach dafür, dass sie ihrem strengen Vater einmal mit ihren künstlerischen Mitteln ein Denkmal setzen würde…

Von Roland Kaufhold

Und doch tat sie dies: 2002 wurde ihre dem Vater gewidmete Kantate "Ist der Himmel leer?" zuerst in Tel Aviv, danach in Berlin aufgeführt. Dem vorausgegangen war eine lange, immer wieder verstörende Entdeckungen hervorbringende Spurensuche über die Biographie ihres Vaters, über sein "erstes Leben" vor dem 2. Weltkrieg. Diese Verstehensbemühungen hat Ella Milch-Sheriff nun in einem gut geschriebenen, anrührenden, mit "Ein Lied für meinen Vater" betitelten autobiographischen Buch vorgestellt — welches ausgerechnet auf deutsch erschienen ist und noch nicht auf hebräisch. Verfasst hat sie es gemeinsam mit der Kölner Journalistin Ingeborg Prior, mit welcher sie befreundet ist. Milch-Sheriff spricht gut deutsch; von 1983 — 1986 lebte sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem israelischen Komponisten Noam Sheriff sowie ihrem erstgeborenen Sohn Tal in der Nähe Kölns. Ihr Mann lehrte seinerzeit drei Jahre lang an der Kölner Musikhochschule Komposition.

Am Anfang dieser dokumentarischen Erinnerungen steht eine erinnerte Kindheitsszene der damals Achtjährigen: 1962 erlebt Ella in ihrer Heimatstadt eine Seiltänzerin. Die Leichtigkeit und Unabhängigkeit dieser Akrobatin fasziniert das Kind. Diese seelischen Fähigkeiten stehen im Kontrast zu den Gewalttätigkeiten, die sie bei ihrem Vater, aber auch in ihrem sonstigen unmittelbaren Umfeld erlebt und die sie in den ersten Kapiteln des Buches in einer vielleicht irritierenden Offenheit beschreibt: "Ich habe nicht viele Erinnerungen an diese Zeit, wahrscheinlich weil sie nichts Glückliches bargen. Ich war einsam und verzagt. Deswegen sind mir vor allem jene Erinnerungen geblieben, die besonders schön waren." (S. 12f)

Ihre Eltern, die Überlebende des Holocaust waren, worüber jedoch nur gelegentlich gesprochen wurde, geben ihrer Tochter den Namen Shmuella — dies war, was sie erst sehr viel später verstand, der Name des von den Deutschen ermordeten Grossvaters ihrer Mutter mit Namen Shmuel. Die in Israel Geborene wird hierfür in der Schule gehänselt, bis sie sich schliesslich selbst einen neuen Namen gibt: Ella — die Göttin. Dies war, wie sie im Buch beschreibt, ein Akt der Autonomie, der Abkehr von der Last der elterlichen, von der Shoah geprägten Delegationen. Ella, die auch noch blonde Haare hat, versteht sich früh als eine Sabra, die mit den Deutschen, mit der zerstörerischen historischen Herkunft nichts mehr zu tun haben will. Ein neuer, freier, kämpferischer Mensch soll nun in Israel entstehen, der vor allem eines nie mehr sein möchte: ein Opfer. Milch-Sheriff führt aus: "Wir Kinder der Holocaust-Überlebenden identifizierten uns gern mit diesem Begriff. Wir wollten ein neues Leben schaffen, in einem neuen Land, mit neuer Kultur und in neuer Atmosphäre. Die traurige Vergangenheit unserer Eltern wollten wir weit hinter uns lassen, wir wollten nicht mehr an sie erinnert werden. Doch das gelang nur wenigen von uns." (S. 17)

Ella sucht Fluchtwege aus der bedrückenden familiären Atmosphäre: Bei ihrer Freundin Liora, mit der sie später eine Musikgruppe gründen sollte, wie auch beim Klavierspielen. Ihr Talent wird früh entdeckt und gefördert, sie vermag bereits als Kind anspruchsvolle Klavierstücke direkt, ungeübt vom Blatt abzuspielen; zwölfjährig komponiert sie ihr erstes Lied, es wird im Radio ausgestrahlt. Wirkliche Anerkennung findet sie bei ihren Eltern hierdurch jedoch nicht.

Das fürchterliche Trauma ihrer Eltern, deren tiefes Leid, bleibt lange ein familiäres Geheimnis. Nähe, Zuneigung, vermögen sie ihren beiden Töchtern — Ella hatte noch eine acht Jahre ältere Schwester – wohl nur auf sehr verborgener Weise zu zeigen. Ihr Vater predigt ihr eine harte, emotional einschränkende Moral; vor allem jedoch immer wieder eine mitleidlose, Kinder verstörende Botschaft: "Der Himmel ist leer", ein Paradies, einen Gott gebe es nicht, stellt er immer wieder apodiktisch fest. Vereinzelt brechen die verdrängten Traumata dennoch in einer das Mädchen überwältigenden Gewalt durch: Mit etwa 13 Jahren entdeckt sie beim Durchstöbern des väterlichen Bücherschranks ein 1961 publiziertes polnischsprachiges Buch, in welchem aus einer polnischen Stadt Vertriebene, Überlebende, über ihre jüdische Jugend schreiben. Auch ihr Vater ist hierin, zu ihrer ungläubigen Überraschung, mit einem Beitrag vertreten: "Als ich weiterlas, verschlug es mir die Sprache: Mein Vater hatte als junger Mann eine Frau und einen Sohn. Doch sie wurden von den Nazis umgebracht. Wo und wie das geschah, darüber stand nichts in dem Text." (S. 58)

Ihr Vater zeigt ihr danach zwar mit grossem Widerstreben einige Photos seiner ersten Frau und ihres eigenen Bruders, ansonsten jedoch schweigt er, die erlebte Gewalt bleibt verbannt, unbesprochen, ein kindlicher Mythos. Knapp 20 Jahre später übergibt der inzwischen betagte, emotional etwas offener gewordene Vater seinen beiden Töchtern — die Autorin lebte seinerzeit gerade, jung verheiratet, für drei Jahre in Deutschland und kehrte für einen Kurzbesuch nach Israel zurück — ein Manuskript mit seinen Lebenserinnerungen, mit dem Auftrag, dieses als Buch zu veröffentlichen. Milch-Sheriff erinnert sich: "`Ihr wolltet doch immer mehr wissen über mein Leben. Hier steht alles drin.´ (…) Sein Wille war so stark, dass uns keine andere Wahl blieb, obwohl wir keine Lust verspürten, uns mit seiner Vergangenheit auseinander zu setzen. Wir waren jung und mit unserem eigenen komplizierten Leben beschäftigt." (S. 66)

In das ihr noch fremde Deutschland zurückgekehrt liest die junge Mutter nun diese erschütternden, sprachlich überzeugend formulierten Erinnerungen, in welchen sie ihren Vater als einen musikalischen, einfühlsamen, fürchterlich verletzten Menschen kennen lernt. Sie bemerkt über diese schmerzhafte Phase des Lesens: "Ich sass dort auf dem Fussboden, ich las, ich tippte, ich weinte. Ich las." (S. 66) Sie erfährt erstmals von der vollständigen, systematisch betriebenen Auslöschung der Familie ihrer Eltern. Und ihr erschliesst sich die abgrundtiefe, auch sie selbst prägende Tragik von Sätzen wie: "Am Freitag, dem ersten September 1939, begann das Ende meines wirklichen Lebens." (S. 67) Nun entsteht eine vorsichtige, schmerzhafte Begegnung zwischen diesen bisher so getrennten Welten, ein erster Austausch zwischen Vater und Tochter, jüdischem Leben vor der Shoah und dem jüdischen Leben in dem jungen, weiterhin bedrohten jüdischen Staat.

Diese tragische Geschichte ist hiermit jedoch noch nicht zu Ende: Als ihr Vater Baruch Milch sechs Jahre später, im Frühjahr 1989, 81-jährig verstirbt hinterlässt er seinen Töchtern ein Testament: Ein Paket mit Texten voller autobiographischer Erinnerungen, "die er in seinen letzten Lebensjahren wie ein Besessener geschrieben hatte" (S. 120), mit dem Auftrag, diese zu veröffentlichen — unter der unerbittlichen Androhung einer Enterbung. Und es wird in diesem Testament erstmals ein umfangreiches Werk erwähnt, welches Baruch Milch während der Phase seiner rassistischen Verfolgung, unter unmittelbarer Todesbedrohung, während mehrerer Jahre niedergeschrieben hatte. Ihr Vater war der Überzeugung, dass seine frühen, umfangreichen schriftlichen Erinnerungen unwiederbringlich verloren gegangen seien. Daher sein Versuch, diese grausamen Erfahrungen in seinen letzten Lebensjahren noch einmal neu niederzuschreiben.

Zwei Monate nach dem Tode ihres Vaters erreicht Ellas Mutter Lusia ein überraschender Anruf aus Jerusalem: Eine polnische Journalistin hat in den Kellerräumen des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau Tagebuch-Aufzeichnungen von Baruch Milch entdeckt. Diese Journalistin gehörte einer Gruppe an, die in Zusammenarbeit mit der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc die Untergrundzeitschrift "Karta" herausgab. Diese erschütternden historischen Erinnerungen Baruch Milchs wurden 1999 von Yad Vashem auf hebräisch als Buch herausgegeben, 2003 publizierte Sosh Avigal, Ellas inzwischen verstorbene Schwester, diese unter dem Titel "Can Heaven be Void?" auf Englisch. Das Buch wurde nicht ins Deutsche übersetzt.

Die Entdeckung dieses Tagebuch ihres Vaters war der Ausgangspunkt für das Verfassen von "Ein Lied für meinen Vater". Autorin Ingeborg Prior hat zahlreiche Passagen dieses aufrüttelnden, 1600 lose Seiten umfassenden, die Deutschen Mörder anklagenden Zeitzeugenberichtes übersetzt und in kunstvoller, einfühlsamer Weise mit Ella Milch-Sheriffs eigenen Kindheitserinnerungen verknüpft. Der schwierige Prozess der Annäherung der Töchter an die harte Welt, den jahrelangen Überlebenskampf ihres Vaters, welcher seine eigene Erziehungspraxis eines "jähzornigen, unnachgiebigen Tyrannen" (S. 137) prägte, die Parallelität dieser scheinbar so widersprüchlichen Biographien wird nachvollziehbar. Milch-Sheriff gibt eine Äusserung ihrer Schwester Sosh wieder, nach der Lektüre des väterlichen Tagebuches: "Erst seit ich Vaters Aufzeichnungen kenne, ist mir klar, dass er uns zwar viel über den Holocaust erzählte, aber dabei niemals die ganz persönlichen Dinge berührte, weder die Gefühle noch die Bilder, aus denen er alles Persönliche herausgeschnitten hatte, damit er überleben und neu beginnen konnte. Jenen liebevollen Mann, jenen zärtlichen Vater, dessen wirkliches Leben 1943 endete, haben wir nie kennengelernt.´" (S. 137)

Auch ihr Vater war von der grausamen Überlebensschuld geprägt, die das "spätere Leben" so vieler Shoah-Überlebenden in verhängnisvoller Weise geprägt hat: "Mit dem Gedanken, dass ausgerechnet er überlebt hatte, während seine Frau und sein Sohn sterben mussten, und dem weitaus schlimmeren, dass er den Tod seines kleinen Neffen nicht verhindert hatte, trug er furchtbare Schuldgefühle in sich. Ein Leben lang." (S. 143)

Und Ella Milch-Sheriff resümiert in dem Kapitel "Das Erdloch": "Ich verurteile nicht. Vater hat geschrieben: `Wir haben aufgehört, Menschen zu sein.´ Nie mehr würde er der sein, der er vorher war. Dieser schuldbeladene Mensch wurde mein Vater und beeinflusste mein ganzes Leben. Und er wird, irgendwie, auch das Leben meiner Söhne beeinflussen." (S. 136) Und so ist dieses Buch auch ein berührendes Dokument der Leiden der Zweiten Generation der Shoah-Überlebenden in Israel. Auch ihre eigenen Kinder waren irgendwann innerlich bereit, sich mit dieser familiären Geschichte auseinander zu setzen: Ihr Sohn Aviv las Passagen aus dem Tagebuch seines Grossvaters in seiner Schule vor.

Die abschliessenden Kapitel dieses Buches sind von einer Leichtigkeit, einer tiefen Hoffnung auf "Versöhnung" geprägt, erinnern an ein musikalisch kraftvoll vorgetragenes "forte", an einen Aufbruch, einen Neubeginn. In dem Kapitel "Nach Deutschland" erinnert sich die Autorin an ihre ersten Begegnungen im fremden Deutschland in den 1980er Jahren. Ihr betagter Vater hat gegen dieses Vorhaben seiner Tochter und seines Schwiegersohnes, für einige Jahre in Deutschland zu leben, nichts einzuwenden: Wenn dieser Aufenthalt im Land der Mörder für ihre berufliche Entwicklung wie auch für ihr privates Glück förderlich sei so sollten sie dort nehmen, was sie bekommen könnten. Sie liebt die Lieder von Schuhmann und Liszt, geniesst das friedliche, idyllische Leben im Bergischen Land.

In dem das Buch abschliessenden Kapitel "Der Vorhang öffnet sich" beschreibt die Autorin ihre musikalische Entwicklung: Sie vertieft ihre gesangliches Potential, tritt öffentlich auf, lernt hierbei, mit ihren Ängsten umzugehen. Und sie schreibt gemeinsam mit ihrer Schwester für ein Orchester das Libretto "Ist der Himmel leer?", welches sie dem Tagebuch ihres Vaters widmet: Der Gesang enthält Teile seiner Tagebuchaufzeichnungen, wie auch Gedichte Paul Celans.

Milch-Sheriff bemerkt über diesen schwierigen künstlerischen Schaffensprozess: "Manchmal war die Arbeit unerträglich schwer. Manchmal wusste ich nicht weiter. Dann schien es mir unmöglich, eine solche Vergangenheit in Töne umzusetzen, die nicht irgendjemandem gehörte, sondern meinem eigenen Vater. Oft dachte ich, wie gern ich diese Vergangenheit abschütteln würde, aber je weiter ich mich von ihr zu entfernen versuchte, desto fester umklammerte sie mich. Ich begriff, dass ich für immer mit ihr leben musste Das alles floss in meine Musik ein." (S. 182) Die Uraufführung dieser Kantate in Israel im Jahr 2003 war für sie ein überwältigendes Erlebnis: "Unbekannte Menschen drückten meine Hände, umarmten mich. Viele weinten. Andere wollten reden. Menschen, die den Holocaust überlebt hatten, sagten: `Du sprichst uns aus der Seele.´" (S. 184) Nun fühlt sie sich ihrem Vater wie auch ihrer inzwischen verstorbenen Schwester nahe. Wenige Monate später findet eine Uraufführung in Berlin statt: Der Schauspieler Hans-Michael Rehberg schleudert dem Publikum die väterlichen Worte "Rache, nichts als Rache!" entgegen. Das Publikum schwieg. "Die Menschen blieben einfach sitzen, minutenlang." (S. 185) Nun erinnert Ella Milch-Sheriff sich wieder an die grazile Seiltänzerin.

Diese Rezension erscheint in einer gekürzten Version im vom Fritz Bauer Institut herausgegebenen Newsletter zur Erforschung des Holocaust, Nr. 35, Herbst 2009. Vorabdruck mit freundlicher Erlaubnis des Fritz Bauer Instituts, Frankfurt am Main.

milch-sheriff
Ella Milch-Sheriff / Ingeborg Prior: Ein Lied für meinen Vater
Aufbau Verlagsgruppe (Berlin) 2008
196 S., Euro 19,95
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Mehr zu Ella Milch-Sheriff:
www.ellasheriff.com

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