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Zionismus – Theorien des jüdischen Staates

Der Staat Israel ist kein Staat wie jeder andere. Nicht nur ist er als jüdischer Staat wie kein zweiter Staat der Welt tagtäglich mit ihm entgegenschlagenden Hass konfrontiert, sondern auch die Voraussetzungen seiner Selbstdefinition unterscheiden ihn deutlich von anderen Staaten…

ZionismusRezension von Albrecht Spranger

Naheliegend also, dass die im Nomos Verlag von Rüdiger Voigt herausgegebene Reihe Staatsverständnisse dem jüdischen Staat einen eigenen Band widmet, der unter dem Titel Zionismus. Theorien des jüdischen Staates von Samuel Salzborn herausgegeben wird. Über die Besonderheit des jüdischen Staates hält dieser einleitend fest: „Gerade die Kombination aus politischen und religiösen Motiven zeigt, dass Israel zu Recht als Staat sui generis gilt, also als einziger und besonderer Staat, der durch sich selbst eine eigenständige Klassifizierung bildet. Israel ist ein nach westlichem Nationenverständnis konstituierter Staat, der zugleich aufgrund des Scheiterns der jüdischen Integrationsbemühungen in anderen Staaten und seiner durch die Shoah begründeten Genese singulär geprägt ist.“ (10)

Dabei ist die Frage, wie eigentlich das Jüdische an einem jüdischen Staat zu definieren sei, eine in Israel bis heute kontrovers diskutierte. Drauf verweist nicht zuletzt die Debatte um das Rückkehrgesetz, also dem Gesetz, das die Einwanderung nach Israel regelt. Schließlich ist damit untrennbar die Frage verbunden, wie überhaupt das Judentum selbst zwischen den Polen Volk und Religion gefasst werden soll und welche Rolle die negative Erfahrung des Antisemitismus für die Begründung Israels spielt. Eine Diskussion, die älter als der Staat ist und sich bis zu den Anfängen des Zionismus ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Denn schon zu Beginn der zionistischen Bewegung standen sich verschiedene Auffassungen davon, was ein jüdischer Staat eigentlich sein sollte, gegenüber. So opponierten beispielsweise Kulturzionisten wie Achad Ha’am gegen Herzls politischen Zionismus und wollten statt auf die Gründung eines Nationalstaates nach europäischem Vorbild den Schwerpunkt auf eine Renaissance jüdischer Kultur mit Zentrum in Palästina legen.

Das Aufzeigen dieser Pluralität in den Diskussionen um einen jüdischen Staat und deren Anknüpfungspunkte zu anderen staatstheoretischen Diskussionen ist Ziel des vorliegenden Bandes, (9) wobei sich die darin versammelten Beiträge weitestgehend der Debatte vor der Staatsgründung Israels 1948 widmen. Besprochen werden einzelne zionistische oder dem Zionismus nahestehende Denker und deren Verhältnis zu Zionismus und einem jüdischen Staat. Einige Beiträge behandeln gleichwohl keine Staatstheorie oder Staatsverständnis im eigentlichen Sinne, sondern sind kenntnisreiche und biographisch gehalten Betrachtungen der jeweiligen Persönlichkeiten. So auch die ersten drei Aufsätze des Bandes. Den Auftakt liefert Volker Weiß, der spätestens mit seiner jüngst erschienen Biographie als Hess-Experte gelten kann, mit einer zusammenfassende Darstellung des Frühzionismus Moses Hess‘ sowie dessen Quellen und Bezüge. Eine Staatstheorie oder ein Verständnis von Staat wird dabei nur am Rande gestreift, will man die Begriffe Staat und Nation nicht in eins setzen. Es geht weniger um die Frage, wie und was ein jüdischer Staat sein soll, als vielmehr warum dieser Hess als notwendig erschien und wie diese Idee in den zeitgenössische Befreiungsnationalismus und Hess‘ Sozialismus eingeordnet werden kann. Eine ähnliche Stoßrichtung ist dem zweiten Aufsatz des Bandes zu attestieren, in dem sich Carsten Schliwski ausführlich mit Leon Pinsker und dessen frühzionistischer Schrift Autoemancipation beschäftigt. Denn auch Pinsker schenkt der Problemanalyse, also dem warum, mehr Aufmerksamkeit als den Lösungsvorschlägen. Zwar leitet Pinsker aus seiner Analyse der Situation der Juden und des Antisemitismus die Notwendigkeit einer zu errichtenden jüdischen Heimstätte ab, aber: „Die durchaus als wichtig zu erachtenden Fragen, wie eine jüdische Heimstätte verfasst sein soll, welche Institutionen nötig sind und welche Herrschaftsformen vorgezogen wird, werden nicht erörtert. Es wird noch nicht einmal deutlich, ob dieses Gemeinwesen als Staat, als autonome Region oder einfach nur als Ansiedlungsgebiet gestaltet werden soll.“ (47) Noch weiter von einer Theorie des jüdischen Staates entfernt sich Sebastian Voigt mit seiner, wenngleich äußerst informativ und lesenswerten, Skizze über Eduard Bernstein und dessen Auseinandersetzungen mit Antisemitismus und Zionismus.

Nach diesen Betrachtungen zu frühzionistischen bzw. am Rande des Zionismus stehenden Persönlichkeiten, folgt eine ganze Reihe von Artikeln zu verschiedensten zionistischen Theoretikern, die in der einen oder anderen Weise direkt an der zionistischen Bewegung beteiligt waren. Nicht fehlen darf hier natürlich Theodor Herzl, Gründer des politischen Zionismus, über dessen Staatstheorie Andrea Livnat einen Aufsatz beisteuert. Anhand des Lebens und Wirkens aber vor allem der Werke Der Judenstaat und Altneuland beschreibt Livnat Herzls Vorstellungen eines jüdischen Staates, dessen Notwendigkeit er aus der Erfahrung des Antisemitismus ableitete. Dabei habe Herzl, so Livnat, „das Ideal eines kosmopolitischen, liberalen und toleranten Staates“ entworfen, „der als Vorbild für die ganze Welt fungieren soll.“ (87) Begrüßenswert an Livnats Beitrag ist außerdem der Ausblick auf die heutige Rezeption Herzls, der sowohl von Links wie Rechts in der innerisraelischen Diskussion, als auch verkürzt und selektiv von antizionistischer Seite als Beleg der eigenen Argumentationen herangezogen wird. In weiteren Beiträgen befassen sich Michael Kühntopf mit Nathan Birnbaum, Steffen Hagemann mit Abraham Isaak HaCohen Kook, Evyatar Friesels mit Chaim Weizmann und Kay Schweigemann-Greve mit Martin Buber. Zu erwähnen ist die innovative Herangehensweise Evyatar Friesels, der Weizmanns Wirken in der zionistischen Bewegung unter dem Gesichtspunkt des Erfolges Israels als Demokratie untersucht. Daneben ist die Behandlung Kooks durch Steffen Hagemann hervorzuheben, fällt die Betrachtung des religiösen Zionismus aufgrund seiner eher marginalen Bedeutung in der Bewegung doch sonst oftmals unter den Tisch. Wie Hagemann nachweist, ist Kook aber nicht zuletzt in Form der religiösen Siedlerbewegung, wenn auch in verzerrter Form, durchaus aktuell. Den Gegenpart dieser Position präsentiert Matthias Morgenstern mit einer Abhandlung über Isaac Breuer, die gleichsam den Schlusspunkt des Bandes bildet. Breuers „agudistische“ Staatstheorie interpretiert Morgenstern dabei als den Kompromissversuch eines nicht-zionistischen Orthodoxen mit einem unter säkular-zionistischen Vorzeichen gegründeten Staat.

Zusammenfassend kann durchaus von einer gelungenen Mischung der untersuchten Personen sprechen. Denn neben Klassikern wie Herzl oder Buber werden einige in der Zionismusforschung sonst eher marginalisierte Denker angesprochen. Einschränkend muss jedoch auf das Fehlen von Personen wie Wladimir Zeev Jabotinsky hingewiesen werden, die für die Geschichte einer Theorie des jüdischen Staates eigentlich unverzichtbar sind. Jabotinskys revisionistischer Zionismus wäre gerade unter diesem Themenschwerpunkt als Gegenpol zu Buber und Weizmann interessant gewesen. Auch eine nähere Behandlung des ersten Ministerpräsidenten des Staates Israel, David Ben Gurion, der allerdings in Friesels Artikel zu Weizmann am Rande vorkommt, oder des Vaters des Kulturzionismus Achad Ha’am hätte spannende Einblicke bieten können. Eine weitere Schwäche liegt im Abschweifen einiger Beiträge, in deren Mittelpunkt vor allem die biographische Entwicklung und die Konstruktion einer jüdischen Nation bei den einzelnen Protagonisten steht. Eine engere Fokussierung auf das eigentliche Thema Staatsverständnis und Staatstheorie wäre hier begrüßenswert gewesen. Ein gründlicheres Lektorat hätte dem Buch an mancher Stelle ebenfalls gut getan. Insgesamt handelt es sich jedoch um einen lesenswerten Band, der dem von Rüdiger Voigt im Geleitwort ausgegebenen einführenden Charakter als Ziel der Reihe gerecht wird und sich als Einstieg für diejenigen eignet, die sich eingehender mit Zionismus befassen wollen.

 Samuel Salzborn (Hg.): Zionismus. Theorien des jüdischen Staates, Nomos Verlag 2015, 211 S., Euro 39,00, Bestellen?

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