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Was mit uns sein wird, wissen wir nicht

Briefe aus dem Ghetto…

Rezension von Monika Halbinger

Es existieren nur wenige Quellen über das Leben von Juden in den Ghettos auf polnischem Boden während der Shoah. Die meisten dorthin deportierten Personen wurden ermordet und konnten somit kein Zeugnis mehr ablegen. Briefe an Angehörige daheim sind meist nicht angekommen oder verloren gegangen, oder waren gar nicht möglich, unter anderem auch weil es keine Familie in den Herkunftsorten mehr gab. Umso bemerkenswerter sind die Briefe Was mit uns sein wird, wissen wir nicht. Briefe aus dem Ghettound Postkarten, die Wilhelm und Johanna Schischa 1941 aus dem Ghetto Opole Lubelskie an ihre Familie in Wien sendeten und von denen 114 erhalten blieben, da Johannas Schwester Berta Ohme als Ehefrau eines Nichtjuden überleben konnte. 1946 erhielt die Tochter Lilli die Schriftstücke, als sie nach Wien zurückkehrte, nachdem sie 1939 zwölfjährig mit einem Kindertransport nach England gerettet werden konnte.[1] Bereits 1938 war ihr Bruder nach Palästina entkommen. Die Originalbriefe befinden sich heute im US Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. Mit dem Buch „Was mit uns sein wird, wissen wir nicht. Briefe aus dem Ghetto“ werden die Karten und Briefe der Schischas in Abschrift erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Schischas waren schon 1938 aus ihrer Heimatstadt Wiener Neustadt vertrieben und in Wien von Verwandten aufgenommen worden. Das Herrenausstattungsgeschäft des gelernten Schneiders Wilhelm Schischa wurde „arisiert“. Die Eheleute wurden am 26. Februar 1941, einem Dienstag, an dem in Wien ausgelassen der Fasching gefeiert wurde, nach Opole Lubelski[2] im Distrikt Lublin in Polen deportiert. Das Ghetto war ein kleiner Teil der Stadt, in dem jeder bewohnbare Raum mit acht bis neun Personen belegt war. Die Deportierten wurden sich selbst überlassen, Versorgung gab es nicht.

Die erhaltenen Briefe geben – wie der Herausgeber bemerkt –keine „detaillierte Beschreibung der Zustände im Ghetto von Opole Lubelskie“. Dies wäre aufgrund der deutschen Zensur nicht möglich gewesen, und es ist anzunehmen, dass die Schischas ihre Familie auch nicht mit allzu detaillierten Schilderungen belasten wollten. Dennoch ermöglichen die Briefe einen, wenn auch gefilterten Blick in die Gefühls- und Gedankenwelt der Schischas, die plötzlich in einer für sie völlig fremden Umgebung um ihre Existenz kämpfen mussten, ohne Arbeit und unter katastrophalen hygienischen Bedingungen. Dabei gehörten sie ohnehin zu den Privilegierten, die von ihren Verwandten in Wien mit Paketen versorgt wurden. Anders wäre ein Überleben für sie, die im Ghetto keine Erwerbsmöglichkeiten hatten, nicht möglich gewesen. Dabei bitten sie aber ihre Verwandten in ihren Briefen immer wieder, für sie keine Opfer zur bringen:

„Wir bitten Euch nochmals Genannten zu sagen, mögen uns keine Sachen senden, die selbst gebraucht werden. Wir könnten es nicht genießen, wenn wir wissen, dass dies alles vom Munde abgespart wird. Wenn uns hie und da alte Sachen geschickt werden, ist für uns auch sehr, sehr viel.“[3]

Neben dem täglichen Daseinskampf im Ghetto dokumentieren die Briefe die tiefe Sorge um die Angehörigen und deren Leben daheim. So ist in einem Brief vom 3.7.1941 zu lesen:

„Wir bitten euch, schreibt uns öfter, eure lieben Handzeichen sind uns in dieser schweren Zeit das Liebste. Wir warten täglich bei Postverteilung sehr darauf. Wie geht es unserer l. Urgroßmutter? Und l. Rolli war er schon zuhause? Hat l. Richard noch seine Kartenpartie? Kommt Post von Julius und Juli? Hoffentlich kommt bald wieder Nachricht von unserer l. Lilli. Schade, dass ich nicht die genaue Adresse von Bolivien habe. Meinem Schwager Friedi habe ebenfalls 2 Bilder gesandt, bekomme aber schon sehr lange von ihm kein Schreiben, ihm war ich immer sehr gut, und werde es auch bleiben. Schreibt mir, wie es ihm gesundheitlich geht. Bleibt alle recht gesund. Immer herzlichen Dank! Viele herzliche Grüße und Küsse an euch alle…“[4]

Bleibt die Post aus, ist Panik zu spüren und so mahnt Wilhelm Schischa seine Angehörigen  am 23.7.1941: „Wenn man keine Post hat, weiß man leider gar nichts, und haben nur noch mehr Sorgen.“ Seine Frau Johanna ergänzt auf derselben Karte: „Warum lässt ihr so wenig von euch hören? Hoffentlich ist alles gesund u. alles beim Alten. Sind sehr besorgt um euch.“[5]

Die Briefe deuten auf einen engen Familienzusammenhalt, einen liebevoll-behüteten Umgang und intakte Familienstrukturen hin. Als sich in den Briefen Konflikte innerhalb der Familie, auf die nicht näher eingegangen wird, andeuten, rät Wilhelm Schischa seiner Schwägerin Berta Ohme unter dem Eindruck seines Schicksals: „Wenn ihr mir folgt, versöhnt euch, die Zeit ist leider viel zu ernst.[6]

Ein wichtiger Aspekt, der auch in der Korrespondenz deutlich wird, ist der Kulturschock des Ehepaars in der Konfrontation mit dem polnischen Schtetl. Die Begegnung mit dem jüdischen „Anderen“, dem „Ostjuden“ wird zur Auseinandersetzung mit der eigenen jüdischen Identität. Der jüdische Blick auf den anderen Juden offenbart internalisierte, von außen übernommene Stereotype. Wilhelm Schischa hatte seinen Briefen hin und wieder Fotos beigelegt, die er in Opole Lubelskie vermutlich von einem professionellen Fotografen anfertigen ließ, so auch in einem Brief vom 18.7.1941, in dem Ressentiments gegen „Ostjuden“ deutlich werden:

„Anbei lege ich euch wieder ein Bild von unseren sauberen Glaubensgenossen bei – das alles sind Momentaufnahmen, von den Nichtstuern, die den ganzen lieben Tag dem Herrgott die Zeit abstehlen – und nicht einmal einen Nagel in ihre verfaulten zerbrochenen Hütten hineinschlagen. – Diesen Menschen, oder besser gesagt diesen Unmenschen, die auch uns Wiener nicht mögen, obwohl sie alle von uns leben, verdanken wir unser Elend.“[7]

Es ist bemerkenswert, dass Wilhelm Schischa die Schuld für seine Situation nicht bei den tatsächlich Verantwortlichen sieht, sondern diese auf andere Juden projiziert und dabei antisemitische Stereotype von „jüdischer Unproduktivität“ aufgreift. Tatsächlich positionierten sich viele assimilierte, arrivierte Juden in Deutschland und Österreich seit Beginn des 20. Jahrhunderts ganz bewusst in Kontrast zu den Juden aus Osteuropa. Sie sahen die im antisemitisch-antislawischen Denken als religiös, rückständig und faul wahrgenommenen Ostjuden als „Gegenbild des Deutschen“ (Trude Maurer) und somit auch als Gefahr für die eigene Integration in das Deutsch- bzw. Österreichertum.[8] Die Schischas waren hier keine Ausnahme und hielten an ihrer österreichisch bürgerlichen Identität sogar im Angesicht der von Deutschen und Österreichern verübten Verbrechen fest.

Mit der Zeit wurden Hoffnungslosigkeit, Resignation und Verzweiflung. immer stärker, vor allem in der 2. Hälfte des Jahres 1941 verschlechtert sich die Lage. So schreibt Wilhelm Schischa Anfang Juli: „… was mit uns sein wird wissen nicht. Ich glaube kaum, dass wir von hier fortkommen.“[9] Wenige Tage später heißt es nach dem Überbringen von Geburtstagsgrüßen: „Mir selbst wäre es schon lieber, wenn ich vom Hause aus keinen Geburtstag gehabt hätte. – Das Leben ist dieses Leben wirklich nicht wert.“[10]Immer wieder spürt man die nagende Ungewissheit: „Werden wir die l. Kinder und euch noch einmal sehen? Welcher Zukunft wir hier entgegengehen, weiß der l. Gott.“[11]

Eine Karte vom 29.1.1942 ist das letzte erhaltene Lebenszeichen der Schischas. Im vorletzten Satz heißt es: „Der l. Gott soll uns erlösen.“ Berta Ohme berichtete Lilly Schischa aber in einem noch existierenden Brief vom 5. November 1945, dass sie noch im März 1942 eine Karte erhalten habe, in der Johanna Schischa berichtete, dass ihr Mann verschleppt worden sei.

Nach Abgleich mit dem Forschungsstand ist anzunehmen, dass Wilhelm Schischa ins Vernichtungslager Bełżec deportiert und dort ermordet wurde. Im Falle von Johanna Schischa muss man davon ausgehen, dass sie im Vernichtungslager Sobibór ermordet wurde. Wie bei so vielen Opfern der „Aktion Reinhardt“ bleibt das tatsächliche Ende ihres Lebens unklar. Der genaue Todestag sowie –umstand sind nicht eindeutig zu eruieren, was insbesondere für die Angehörigen eine große Belastung darstellt. Man kann nur vermuten, welchen Qualen die beiden noch ausgesetzt waren.

Das Verdienst der Herausgabe der Briefe liegt bei Gustav Freudmann, einem Neffen der Schischas. Freudmann verfasste auch die Nachbemerkungen, die die Briefe in den historischen Kontext setzen, fügte einen Bildteil sowie weiterführende Literatur, darunter auch Links zu weiterführenden Datenbanken zum Thema, bei. Zudem findet sich eine Liste aller zweitausenddrei Personen, die von Wien nach Opole Lubelskie deportiert wurden. Nur 28 Personen überlebten.

Die bedrückende Lektüre Briefe der Schischas macht traurig; man kann sich emotional sehr gut in die Betroffenen hineinversetzen: der zermürbende Alltag, aber auch die Sorge um die Angehörigen, die angstvolle Aufgeregtheit, wenn Briefe nicht eintreffen; die Niedergeschlagenheit und die Aussichtslosigkeit der Situation. Zugleich ermöglicht die menschliche Wärme, die im Austausch mit den Familienangehörigen in dieser Extremsituation zu finden ist, einen direkten Zugang.

Die Bedeutung des Buches ist aber auch darin zu sehen, dass das Schicksal der Schischas vor dem Hintergrund der „Aktion Reinhardt“ besiegelt wird, über die heute im allgemeinen historischen Bewusstsein wenig bekannt ist. Es handelt sich dabei um die Tarnbezeichnung für den Holocaust  im sogenannten Generalgouvernement, also in den von den Deutschen besetzten Teilen Polens und der Ukraine. Im Zuge dieser Aktion wurden zwischen Juli 1942 und Oktober 1943 über zwei Millionen Juden an die 50 000 Roma in den drei Vernichtungslagern Bełżec, Sobbiór und Treblinka ermordet, die heute häufig als vergessene Lager bezeichnet werden, obgleich in diesen ungefähr ein Drittel der Opfer der Shoah ermordet wurde.[12] Mehr als in Auschwitz

Freudmann schreibt in seiner Einführung, dass das Wissen über den Holocaust „inzwischen ja – möglicherweise – groß [sei], unsere Vorstellung davon jedoch – höchstwahrscheinlich – gering.“[13] Es sei eben schwer zu erfassen, was man nicht selbst erlebt habe. Bezüglich des Wissens über den Holocaust hat er insofern recht, als jeder die Möglichkeit hat, sich Wissen über den Holocaust anzueignen; in realiter ist aber – was die breite Bevölkerung betrifft –das Wissen über die Shoah rudimentär und diffus. Die junge deutsche Journalistin Hannah Lühmann hatte im Jänner dieses Jahres in der WELT selbstkritisch festgestellt, dass ihre Generation keineswegs „mit Bildern des Grauens übersättigt“ sei. Vielmehr habe man sich dem Geschehenen „nie wirklich ausgesetzt“. Sie kenne niemanden, der sagen könne „wo Sobibór liegt. Oder Chełmno. Oder Bełżec. Das einzige Lager, von dem die Leute mit Sicherheit auf Anhieb, ohne zu zögern, wissen, dass dort Menschen in Gaskammern umgebracht wurden, ist Auschwitz-Birkenau.“[14]

Ein Buch wie das vorliegende klärt durch die die Quellendokumente ergänzenden Nachbemerkungen den Leser auch über bislang wenig bekannte Aspekte der Shoah wie die „Aktion Reinhard“ auf, ermöglicht aber auch, eine – wenn auch in ihrer ganzen Tragödie natürlich nur unzureichende– Vorstellung über die verzweifelte Lage der Deportierten in den Ghettos. Insofern sind dem Buch viele Leser zu wünschen, die sich der Möglichkeit der empathischen Wissensaneignung nicht verschließen. Und: Auch wenn es sich um die Veröffentlichung privater Briefe handelt, so wird dem Ehepaar Schischa doch auf diesem Wege wenigstens ein Teil ihrer Identität, und damit auch ihrer Würde wiedergegeben.

Wilhelm und Johanna Schischa: Was mit uns sein wird, wissen wir nicht. Briefe aus dem Ghetto. Herausgegeben von Gustav Freudmann, Styria premium 2015, Bestellen?

[1] Seit letztem Jahr erinnert  das Museum „Für das Kind“ in Wien an die Kindertransporte, ebenso eine Skulptur am Wiener Westbahnhof, von dem aus die Kinder Ihre Reise ins Unbekannte antraten. Näheres unter: http://www.bellearti.at/museum-der-erinnerung/

[2] Näheres siehe: Yad Vashem Enzyklopädie der Ghettos während des Holocaust, Band II, N-Z, S. 555 f. Opole, Göttingen/Jerusalem.

[3] Zitat aus dem Brief vom 3.7.1941, S. 89

[4] S. 90.

[5] S. 99.

[6] Karte vom 17.12-1941 an Berta Ohme. S. 142.

[7] S. 97f.

[8] Näheres zu dieser Thematik: Alexandra Kurth/Samuel Salzborn: Antislawismus und Antisemitismus.Politisch-psychologische Reflexionen über das Stereotyp des Ostjuden, in: Edmund Dmitrow/Tobias Weger (Hrsg.): Deutschlands östliche Nachbarschaften. Eine Sammlung von historischen Essays für Hans Henning Jahn, Frankfurt am Main 2009, S. 309-324.

[9] Brief vom 3.7.1941, S. 89.

[10] Brief vom 6.7.1941, S. 92.

[11] Karte vom 9.7.1941, S. 93.

[12] Nähere Informationen zur Aktion Reinhard bietet der Sammelband von Bogdan Musil (Hrsg.): „Aktion Reinhardt“ Der Völkermord an den Juden im Generalgouvernement 1941-1944, Osnabrück 2004.

Die mangelnde Rezeption hat auch mit dem raren und bisweilen verstreut liegenden Quellenmaterial zu tun. Zur Quellenproblematik, gerade was die Ghettos anbelangt, siehe: Robert Kuwalek, Die Durchgangsghettos im Distrikt Lublin (u.a. Izbica, Piaski, Rejowiec und Trawnik, in: Bogdan Musil (Hrsg.): „Aktion Reinhardt“ Der Völkermord an den Juden im Generalgouvernement 1941-1944, Osnabrück 2004, S. 197-232, hier: S. 197f. Vgl. hierzu auch den Eingangssatz dieser Rezension.

[13] S. 9.

[14] Hannah Lühmann: Was wissen wir über Auschwitz? Nichts!, in: Die Welt vom 19.1.2015

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