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Verdrängte Geschichte

Die literarische Anthologie „Wege ohne Heimkehr. Die Armenier, der Erste Weltkrieg und die Folgen“ versammelt armenische Erinnerungen…

Sonja Galler, Diyarbakır/Türkei

In den letzten Tagen konnte man mitverfolgen, wie skrupelbehaftet auch in diesem wichtigen Gedenkjahr innerhalb der deutschen Regierung damit gerungen wurde, die Ereignisse in der Türkei von 1915 klar und deutlich als Genozid zu benennen.

Schwerwiegender als das politische Gezerre um das G-Wort ist jedoch, dass es die Aufarbeitung einer viel längeren Geschichte überlagert: die reiche Geschichte der Armenier und anderer Nichtmuslime innerhalb des Osmanischen Reiches vor 1915. Denn wer heute Städte wie Istanbul, Urfa, Erzurum, Van oder Bitlis bereist, wird nicht nur Mahn- und Gedenkstätten zum Genozid vergeblich suchen, sondern überhaupt Hinweise auf den Beitrag armenischer und assyrischer Christen zum Stadtbild zumeist vermissen. Diese Abgeschnittenheit von der eigenen Geschichte ist kein Problem einzelner ethnischer Gruppen, wie der Armenier, Griechen, Juden oder Kurden, sondern sie ist ein Verlust für das gesamte Land.

Zeugnis ablegen

Allein zivilgesellschaftlichen Initiativen, Verlagen und Stiftungen sowie einzelnen Wissenschaftlern ist es zu verdanken, dass in den letzten Jahren immer mehr multiethnische und -religiöse Alltagsgeschichte rekonstruiert und der türkischen Öffentlichkeit in Ausstellungen, Filmen und Büchern zugänglich gemacht wurde. Das Projekt Houshamadyan, ein „virtuelles Erinnerungsbuch“ (www.houshamadyan.com), widmet sich etwa Themen, wie den armenischen Schulen in Kharpert, der Landwirtschaft in Palu und dem Handwerk in Maraş. Bilddokumente und Tonaufnahmen geben Eindrücke historischer Alltagsrealität. Herausragend ist auch die Rolle von Oral-History-Projekten, zu nennen wären etwa die zwei Bände der Hrant-Dink-Stiftung „The Sounds of Silence: Turkey’s Armenians speak“ (2012) und „The Sounds of Silence II: Diyarbakır’s Armenians speak“  (2013). Gerade für den Dialog, das Aufeinander Zugehen und die Vermittlung von Empathie mit den jeweils ‚Anderen‘ sind diese Zeugnisse von Überlebenden und Nachgeborenen besonders wichtig.

Wege ohne Heimkehr: Die Armenier, der Erste Weltkrieg und die FolgenAuch in der jüngst erschienenen literarischen Anthologie „Wege ohne Heimkehr. Die Armenier, der Erste Weltkrieg und die Folgen“, herausgegeben von der Hamburger Turkologin Corry Guttstadt, die mit ihrer Studie „Die Türkei, die Juden und der Holocaust“ bereits einen unverzichtbaren Beitrag zur Holocaust-Forschung geleistet hatte, kommen in 20, zumeist autobiographischen Texten eine Vielzahl historischer Stimmen zu Wort. Es sind Texte, die hier größtenteils erstmals einem deutschsprachigen Lesepublikum zugänglich gemacht werden, verfasst von berühmten, hierzulande jedoch kaum bekannten armenischen Schriftstellern, wie Hagop Baronyan, Yervant Odian oder Mıgırdıç Margosyan. Aber auch Berichte weniger bedeutender Autoren sind darunter, die Zeugnis ablegen von der ihnen widerfahrenen und beobachteten Grausamkeit, sowie ein Auszug aus Franz Werfels Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“, das dem erfolgreichen Widerstand einiger armenischer Dörfer aus der Region Antakya gegen die osmanische Armee ein Denkmal gesetzt hat.

Facettenreiche armenische Lebenswelten

Der zeitliche Rahmen der Anthologie ist weit gespannt und reicht von Impressionen vor 1915 bis hin zum armenischen Leben im Exil und in der Republik der Türkei. Es finden sich Streifzüge durch das Istanbul am Ende des 19. Jahrhunderts, aber auch Szenen aus dem ländlichen Ostanatolien, oder Erinnerungen, die Van (nach Istanbul das bedeutendste armenische Zentrum des Osmanischen Reiches) in den Fokus rücken. Es wird deutlich, wie vielfältig armenisches Leben vor 1915 im Osmanischen Reich war: Armenier waren als Architekten, Handwerker, Bauern, Bankiers, Künstler und Verwaltungsangestellte wesentlicher Teil der osmanische Bevölkerung. Immerhin zwanzig Prozent der anatolischen Bevölkerung waren bis 1915 Nichtmuslime. Doch ab den 1890er Jahren werden die unheilverkündenden Vorzeichen immer deutlicher, erste Pogrome finden statt.

Von den erschütternden Berichten über die Ereignisse von 1915 selbst, sind es vor allem die Aufzeichnungen Charvarche Nartounis, einziger Überlebender seiner Familie, die in Erinnerung bleiben: Berührend, wie er das in Erwartung der Deportation hektisch geschäftige Treiben im Dorf mit der Vorbereitung zu einer großen Feier vergleicht, seine Familie das verbliebene Hab und Gut mit „Ordnung und System“ sinnlos zusammenschnürt und die in Tränen aufgelöste Mutter zu guter Letzt noch die Tür des Hauses abschließt, in das sie nie wiederkehren wird.

Karin Karakaşlı, Co-Chefredakteurin der armenischen Wochenzeitung AGOS, die im Buch an ihre Großmutter erinnert, war eine der ersten, die das Schicksal während des Genozids geraubter und islamisierter Frauen und Kindern offen zur Sprache brachte. Ein Thema, das in den letzten Jahren unter dem Stichwort „hidden armenians“ in der Türkei eine breite Öffentlichkeit gefunden hat.

So verdienstvoll die Texte hinsichtlich ihrer Zeugenschaft sind, verfügen sie doch nicht alle über die gleiche sprachliche Kraft oder literarisches Ausdrucksvermögen. Umso lesenswerter sind die erläuternden Anmerkungen und Einleitungen zu den Texten, die sie in der komplexen historischen Situation verorten. So analysiert der Schweizer Historiker Hans-Lukas Kieser präzise die Hintergründe, die zum Völkermord führten und skizziert die verschiedenen Etappen des Genozids bis hin zu den Sterbelagern in der syrischen Wüste. In dem Nachwort von Corry Guttstadt und Ragıp Zarakolu findet Erwähnung, was im öffentlichen Diskurs selten zur Sprache kommt: dass nach Kriegsende die osmanische Regierung selbst Sondergerichtshöfe einrichtete, bei denen mehrere Angeklagte explizit von „Auslöschung der Armenier“ sprachen, Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen wurden und sogar die Rückgabe armenischen Eigentums vereinbart wurde – eine Entwicklung, die jedoch mit dem Aufstieg der türkisch-nationalen Bewegung unter Atatürk ein schnelles Ende fand. Gerade dieser Tage erscheinen einem solche Hinweise besonders bemerkenswert, bedenkt man, welcher Art die Erinnerungs- oder richtiger gesagt: die Verdrängungspolitik der offiziellen Türkei bis heute ist.

Corry Guttstadt (Hg.): Wege ohne Heimkehr. Die Armenier, der Erste Weltkrieg und die Folgen. Eine literarische Anthologie. Assoziation A, Berlin, Hamburg 2014, Bestellen?

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