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„Die Verzweiflung ist unser größter Feind“

Aharon Appelfelds philosophischer Partisanenroman „Auf der Lichtung“…
Aharon Appelfeld: Auf der Lichtung

Von Judith Kessler

Edmund ist 17, als er sich der jüdischen Partisanengruppe im karpatischen Sumpf anschließt, ein Gymnasiast, frisch verliebt in eine ukrainische Schönheit, der Deportation entronnen, weil seine Eltern ihn anflehten aus dem Ghetto zu fliehen, bevor sie selbst abgeholt wurden…

Aharon Appelfeld, heute 81, ist wie sein Protagonist in Czernowitz geboren, verlor seine Eltern wie Edmund und war wie er in den Wäldern versteckt. Sein lakonisch-sachlicher Roman ist eine Art Tagebuch Edmunds, in der Ich-Form im Präsens verfasst, um später den Eltern berichten zu können…

Die zusammengewürfelte Truppe, die ihn aufnimmt, hat einen Anführer, Kamil, der in seinem früheren Leben Architektur studiert hatte, ein vorausschauender, strategisch denkender Mann, der seine Kämpfer täglich trainieren lässt, der Rituale einführt, der Gefallene beerdigen und jeden Schabbat an jeden einzelnen von ihnen erinnern lässt, einer, der Gott anruft.

Die Gruppe überfällt Bauernhäuser auf der Suche nach Lebensmitteln, Hausrat und Bekleidung, nimmt aber immer nur soviel, wie sie braucht. Bei einem der Raubzüge findet Kamil auch Bücher: »Ein großer Schatz… wir werden versuchen, uns seiner würdig zu erweisen.« Mit den Büchern verändern sich die Männer, die eben noch mit dem Wald zusammenzuwachsen schienen. Man streitet über Martin Buber und Karl Marx, über Religion und Tradition. »Wir haben das Ghetto verlassen, um … als freie Menschen zu leben« und »Wir werden die Wunden nicht mit einem falschen Verband heilen!« wehren sich die Einen. Jemand sagt jedoch auch: »Man kann Gott auf verschiedene Arten dienen«.

In der Gruppe lebt auch die uralte Großmutter Zirl, eine weise Frau mit einem großen Gedächtnis und Herzen, die »die Wunder preist, die sie umgeben«. Sie gibt den Männern Halt und führt sie zu den Wurzeln und Traditionen zurück, zu dem »was wir von unseren Vätern ererbt haben«.

Auch Raw Chanoch ist eine bemerkenswerte Gestalt. Blind von Geburt, strickt er Tag und Nacht für die Truppe Mützen, Socken und Handschuhe. Milio, ein Zweijähriger, der stumm zu sein scheint, wird liebevoll umsorgt, vor allem von Danzig, dem ehemaligen Buchhändler, der zu seinem Vater wird. Ein anderer Waisenjunge wird von den Kämpfern unterrichtet, in Bibelkunde, Mathematik, Geographie und Französisch. Sogar ein Ukrainer, Viktor, läuft zu den Partisanen über, weil er die Bilder nicht los wird, wie die Juden aus seiner Umgebung Gruben ausheben mussten und dann erschossen wurden.

Appelfeld zeichnet das Bild einer beinah idealen Gemeinschaft – wäre da nicht »das da draußen«, das Trauma, das Wissen um die geringe Überlebenschance und um den Tod der Lieben… Edmund beschreibt, wie »einer unser schlimmsten Feinde«, die Depression, einzelne Kämpfer lähmt. Auch Edmund leidet darunter, dass er noch lebt, sich von seinen Eltern entfremdet hatte in seiner Verliebtheit, vor allem, dass er sie allein zurückgelassen hat.
Doch Großmutter Zirl sagt ihm: »Die Verzweiflung ist unser größter Feind. Sie macht uns blind und verschließt unsere Seelen. Man darf sie nicht in sich eindringen lassen.«

Bevor sie stirbt, gibt sie den Männern auf den Weg: »Frühere Generationen haben Gott an jedem Ort erkannt, sogar im kleinsten Unkraut, in unserer Generation sind hingegen viele blind… Macht die Augen auf und schaut in euer Inneres, Gott ist in Euch.«

Die Partisanen greifen deutsche und ukrainische Patrouillen an, um Waffen und Munition zu erbeuten, sie nehmen Soldaten gefangen, um Informationen über den Frontverlauf zu bekommen und sie bringen Todeszüge zum Entgleisen. Die Menschen, die sie befreien können, sind sterbenskrank und entkräftet, fast verhungert und ohne jeden Lebensmut. Doch Kamil macht seinen Leuten klar: »Die Welt beruht auf dem Einzelnen, und wir bewachen jeden Einzelnen wie unseren Augapfel … In den Augen der Feinde waren wir Untermenschen… Jetzt wird jeder wieder seinen Namen und den Namen seiner Familie tragen. Wir sind Kinder von Eltern und Eltern von Kindern…. Helft uns den Bund zwischen uns und unseren Namen zu erneuern.« Sachor. Tikkun Olam.

Sogar ein ukrainischer Arzt wird entführt, um die Verwundeten zu versorgen. »Wir erwarten, dass Sie sich wie ein Arzt verhalten«, verlangt Kamil. Doch der Arzt bleibt ein Judenhasser, wehrt sich dagegen, sie behandeln zu müssen und kann nicht verstehen, dass diese Juden seinen Erwartungen nicht entsprechen. Immer wieder begegnen sie Menschen, die ihnen ungläubig sagen: »Juden akzeptieren ihr Schicksal widerspruchslos.« Das tut diese Gruppe nicht, keinen Moment. Auch der Vorwurf, keine Europäer zu sein und nicht dazuzugehören – sie, die Dostojewski und Proust gelesen hatten – macht sie nicht schwach, sondern führt sie letztlich zu ihrer jüdischen Identität zurück.

Edmunds Tagebuch ist eine Aneinanderreihung unzähliger Anekdoten über Helfende, Antisemiten, Plünderer, Unentschlossene, Ja-Sager und willige Befehlsempfänger…

Kurz vor »Toresschluss» wird ein Teil der Truppe bei einem Angriff der Deutschen noch getötet, auch Kamil…

Dann ist die Rote Armee da. Die Gruppe kann ihr Versteck verlassen. Die Männer und Frauen haben Mühe, sich voneinander zu trennen, wie symbiotische siamesische Viellinge sind sie zusammengewachsen im Kampf.

»Als wir noch auf dem Gipfel waren, hatten wir geglaubt«, schreibt Edmund, »unser Leben würde sich von einem Tag auf den anderen ändern, wir wären Freunde der Befreier … und der Kummer würde sich in Freude auflösen«. Doch es gibt kein Zuhause mehr und auch der Antisemitismus bleibt ihnen nach der Befreiung.

Ein höchst philosophisches, fast spiritueller Text, der das Gute in Zeiten des Bösen preist, den Einzelnen in der Masse, den Zusammenhalt, die Erinnerung, die »Kultivierung des Herzens«.

Aharon Appelfeld: Auf der Lichtung, übersetzt v. Mirjam Pressler, Rowohlt Verlag 2014, 320 S., Euro 19,95, Bestellen?

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