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Von den Aufklärern bis Arnold Zweig

Eine Neuerscheinung zu Antisemitismusforschung vor 1944…

Rezension von Albrecht Spranger

Unter dem unmittelbaren Eindruck der nationalsozialistischen Verbrechen stehend, legten Sartres Réflexions Sur La Question Juive sowie Adornos und Horkheimers Elemente des Antisemitismus in ihrer Dialektik der Aufklärung 1944 nicht nur die Grundlagen unseres heutigen Verständnisses von Antisemitismus, sondern waren auch der Auftakt einer verstärkten theoretischen Erforschung des Phänomens. In der, in den Folgejahren zunehmend institutionalisierten, Forschung über den Antisemitismus ging und geht dabei jedoch zumeist unter, dass Intellektuelle sich bereits vielfach vor 1944 an einer theoretischen Durchdringung des Phänomens versucht hatten.

Diese Versuche wurden in der Antisemitismusforschung nur am Rande wahrgenommen und meist als Ausdruck eines fortschrittsoptimistischen Denkens verstanden, das glaubte, Antisemitismus durch zielgerichtete Aufklärung besiegen zu können, und das nach Auschwitz nicht mehr haltbar war. Zwar hat diese Kritik durchaus ihre Berechtigung und verweist auf ein Dilemma, vor dem nicht zuletzt der größte Verein zur Bekämpfung des Antisemitismus der Weimarer Republik und des Kaiserreichs, der Centralverein deutscher Bürger jüdischen Glaubens (CV), stand und dem sich auch heutiges Engagement gegen Antisemitismus stellen muss. Jedoch finden sich in den kritischen Reflexionen zeitgenössischer Intelektueller über Judenfeindschaft auch vielfach theoretische Überlegungen, die weitaus komplexer erscheinen und über eine fortschrittsoptimistische Sicht hinausgehen.

Diesem Umstand hat sich die Antisemitismusforschung erst in aller letzter Zeit angenommen. Neben der Arbeit von Franziska Krah, die sich in ihrer Dissertation Ein Ungeheuer, das wenigstens theoretisch besiegt sein muß…“, Antisemitismusforschung in Deutschland 1900–1933 an der Universität Potsdam dem Thema widmete, bereitet das Projekt Geschichte der Antisemitismusforschung am Fritz-Bauer-Institut eine kommentierte Neuherausgabe ausgewählter deutschsprachiger Texte vor und im September 2014 erschien in der Reihe Europäisch-Jüdische Studien bei De Gruyter der Sammelband Beschreibungsversuche der Judenfeindschaft. Zur Geschichte der Antisemitismusforschung vor 1944, herausgegeben von Hans-Joachim Hahn und Olaf Kistenmacher.

Ziel des Buches sei, so die Herausgeber in ihrem einleitenden Aufsatz, dabei nicht in Frage zu stellen, dass erst unter der Erfahrung der Judenvernichtung die Antisemitismusforschung ihr heutiges theoretisches Niveau erreichte, sondern die „teils verschüttete Vorgeschichte der Theorien des modernen Antisemitismus“ zu beleuchten. Damit wollen sie rekonstruieren, welche theoretischen Erkenntnisse über Antisemitismus bereits vor 1944 existierten, auf die sich die spätere Forschung hätte beziehen können beziehungsweise auf welche sie implizit aufbaue. (1f) Ihr Interesse liege in einer Genealogie der Antisemitismusforschung. (6)

Aufgeteilt ist das Buch in die drei chronologischen Schwerpunkte: 18., 19. und 20. Jahrhundert, wobei der Fokus auf letzteren beiden liegt. Dem 18. Jahrhundert sind indes nur zwei Beträge gewidmet, was ob der Tatsache, dass moderner Antisemitismus sich vor allem im 19. Jahrhundert herausbildete nachvollziehbar erscheint. Dieses erste Kapitel kann daher auch als erweiterte Einleitung gelesen werden. Agnieszka Pufelska gibt hierbei eine historische Einführung in die zeitgenössische Judenfeindschaft zu Zeiten der Aufklärung und Jan Weyand beschäftigt sich am Beispiel von Christian Konrad Wilhelm von Dohm mit der Debatte um die Judenemanzipation, in der von Dohm erstmals die Judenfeindschaft nicht durch das Handeln der Juden, sondern durch das der Judenfeinde erklärt wird – was ihn quasi zu einem Vorläufer der Theorien über den Antisemitismus mache.

Die folgenden Beiträge zum Abschnitt 19. Jahrhundert haben meist einzelne Debatten oder Denker zum Gegenstand. So weist beispielsweise Sebastian Voigt nach, dass bei Bernard Lazares Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus bereits einige in der heutigen Antisemitismusforschung prominente Überlegungen auftauchen. Denn Lazare, den Voigt den „ersten Historiker des modernen Antisemitismus“ (160) nennt, habe sowohl als erster den Übergang vom religiös begründeten Antijudaismus zum modernen Antisemitismus beschrieben, als auch erstmalig den heute als „Figur des Dritten“ (Klaus Holz) bekannten Gedankengang antizipiert, sprich den Ausschluss der Juden aus der Nation als Fremde, als Anti-Nation beschrieben. (158) Aber nicht alle Beitäge für das 19. Jahrhundert beschäftigen sich originär mit zeitgenössischen theoretischen Reflexionen über den Antisemitismus. Daneben wird auch Abwehrliteratur untersucht, die auf eine argumentative Widerlegung antisemitischer Behauptungen zielte. So beispielsweise in Werner Treß‘ Aufsatz, der in erster Linie die auf Wissenschaftlichkeit bedachten Reaktionen auf judenfeindliche Schriften von Friedrich Rühs und Jakob Friedrich Fries behandelt. Ebenso steht im Mittelpunkt von Mirjam Thulins Aufsatz über die Kontroverse zwischen David Kaufmann und Paul de Lagarde weniger die theoretische Reflexion, sondern mehr eine Episode der Geschichte des Antisemitismus und der darauf folgenden Abwehrbemühungen jüdischer Gelehrter.

Eine übergreifende Diskussion der Antisemitismusforschung im 19. Jahrhundert bietet dann am Ende des Abschnittes der Artikel Von der Judenfrage zur Antisemitenfrage von Klaus Holz und Jan Weyand. Die Autoren unternehmen hier eine Typologisierung früher Erklärungsmodelle des Antisemitismus und fassen grundlegende Erkenntnisse der frühen Antisemitismusforschung zusammen, angefangen bei der schon bei Dohm sich Bahn brechenden Einsicht, dass es bei der Erklärung von Antisemitismus nicht um die Juden, sondern um die Antisemiten gehe, (180-182) bis hin zu der Ende des 19. Jahrhunderts von Hermann Bahr formulierten Erkenntnis, dass sich Antisemitismus nicht argumentativ widerlegen lasse, da er sich nicht auf einer Ebene der Kognition abspiele. (184)

Die meisten Beiträge des Bandes befassen sich allerdings mit dem Schwerpunkt 20. Jahrhundert. Dabei sind es zumeist die Analysen und Überlegungen verschiedenster Intellektueller, die die Aufmerksamkeit der Autoren und Autorinnen auf sich ziehen. Behandelt wird eine ganze Bandbreite von Persönlichkeiten, unter anderem der zionistische Vorreiter Nathan Birnbaum, der Soziologe Norbert Elias oder Eduard Fuchs. Etwas überraschend findet auch Otto Weininger hier einen Platz, der wie die Autorin Christine Achinger selbst schreibt, heute vor allem als Beispiel für jüdischen Selbsthass bekannt ist. (209) Sein Buch Geschlecht und Charakter (1903) sei aber nicht nur antisemitischer Text, sondern zugleich Theorie des Antisemitismus. (210) So reproduziere Weininger zwar die Projektion von als negativ wahrgenommen Aspekten der modernen Gesellschaft auf die Juden, unterstellte aber gleichzeitig den Antisemiten selbst jüdisch zu sein und verstand ihren Hass als eine Projektion dessen, was sie an sich selbst fürchten. (221f) Den Umstand, dass Weininger also zugleich den Mechanismus der Projektion beschreibt und ihn reproduziert, versucht Achinger dadurch verständlich zu machen, dass sie sein Werk als „verzweifelte Reaktion auf die Antinomien der kapitalistischen Moderne selbst“ interpretiert. (231) Die Projektionen auf Frauen und Juden seien daher „der unmögliche Versuch das bürgerliche Subjekt vor der bürgerlichen Gesellschaft und der eigenen leiblichen Existenz zu retten.“ (231f)

Den Versuch einer vergleichenden Diskussion mehrerer Ansätze unternimmt Franziska Krah in ihrem Aufsatz „Ewig Feuerspritze sein, wo ein Weltfeuer doch nicht gelöscht werden kann …“ Abwehr und Deutung des Antisemitismus während der Weimarer Republik, der sich mit fünf verschiedenen kritischen Analyseversuchen des Antisemitismus befasst. Vor allem das Phänomen der Masse beziehungsweise der Gruppe arbeitet Krah als ein wiederkehrendes Moment der Beschreibungsversuche heraus. So galt Antisemitismus beispielsweise dem Schriftsteller Arnold Zweig als ein triebhafter „Gruppenaffekt“. (267-270) Wie viele bezog Zweig dabei auch psychologische Überlegungen mit ein, in seinem Fall im Anschluss an Freuds Triebtheorie. Psychologische Elemente finden sich auch bei dem Philosophen Constantin Brunner, der allerdings im Gegensatz zu Zweig oder Fritz Bernstein (später als Peretz Bernstein israelischer Politiker der ersten Stunde) die Existenz einer jüdischen Gruppe verneinte. Für Brunner lag der Antisemitismus, so Krah, in einem allgemeinen Menschenhass begründet, der entstehe wenn Individuen den ihnen angeborenen Egoismus verabsolutierten und nicht mehr in Beziehungen zu den Interessen Anderer setzen könnten. Der Antisemitismus könne dabei den Geltungstrieb des Menschen befriedigen, da man die eigene Person verabsolutierte, während man die andere, also den Juden, verurteile. (275-277) Sowohl Fritz Bernstein, als auch Constantin Brunner sind im Band außerdem jeweils eigene Aufsätze von Thomas Gloy beziehungsweise Jürgen Stenzel gewidmet.

Insgesamt ist zwar für den Leser auffällig, dass dem Band an einigen Stellen ein klein wenig Strigenz zu fehlen scheint. So fokussieren einige Beiträge mehr auf historische Hintergründe und Abwehrbemühungen, während die frühen Beschreibungsversuche in den Hintergrund treten. Eine stärkere Konzentration auf die theoretischen Reflexionen über den Antisemitismus wäre hier manchmal wünschenswert gewesen. Auch finden sich mit den Aufsätzen von Sebastian Voigt zu Bernard Lazares, Elisabeth Gallas zu einem in New York 1942 erschienenen Essayband über Antisemitismus, sowie Olaf Kistenmachers zur linken Kritik am Antisemitismus von Links leider nur wenige Beiträge, die sich mit Beschreibungsversuchen außerhalb des deutschsprachigen Raums befassen beziehungsweise über diesen hinausweisen. Ob der offensichtlichen, aber unausgesprochenen Konzentration der restlichen Artikel auf den deutschsprachigen Raum, nehmen diese Aufsätze sich deshalb etwas verloren aus. Allerdings schreiben die Herausgeber selbst, ihr Band könne nur ein erster und unvollständiger Versuch sein die Genealogie der Antisemitismusforschung vor 1944 nachzuzeichnen. (16)

Als Einführung in die Vielfältigkeit der frühen Beschreibungsversuche des Antisemitismus ist der Band deshalb auf jeden Fall gelungen und sehr gewinnbringend. Die Autorinnen und Autoren geben mit der Breite der behandelten Personen und Debatten einen weiten Überblick über die Antisemitismusforschung vor 1944. Überraschend ist dabei mitunter vor allem die Vielzahl verschiedener Überlegungen und Theorieversatzstücke, die auch in der heutigen Forschung diskutiert werden.

Hans-Joachim Hahn / Olaf Kistenmacher, Beschreibungsversuche der Judenfeindschaft. Zur Geschichte der Antisemitismusforschung vor 1944, De Gruyter 2014.

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