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Spuren am Tatort gesichert

Ein Lexikon zur Geschichte von Anti-Semitismus und Rassismus in der DDR…

Von Martin Jander

Dieses Buch war überfällig, es ist hoch zu loben und doch leider nur ein Anfang. Harry Waibel hat eine Art lange überfälliges Lexikon zur Geschichte rassistischer Pogrome, des Neo-Nazismus, Anti-Semitismus sowie Rassismus in der DDR verfasst. Ein solches Buch gibt es bislang nicht. Forscher, die sich mit dem Thema beschäftigen, werden dankbar darauf zurückgreifen. Aber, wird es diese Forscher wirklich geben?

Seit die DDR untergegangen ist, konkurrieren, etwas grob skizziert, drei große Lager von sozialwissenschaftlichen Schulen um ihre Aufarbeitung und Interpretation. Da ist zum einen die Schule, die eine Revitalisierung der Totalitarismustheorie verfolgt und sich vor allem an der institutionell diktatorischen Struktur der DDR abarbeitet. Diese Schule ist nicht selten verbunden mit politisch konservativen Haltungen. Eine zweite Schule folgt eher dem Ansatz der Sozialgeschichte und arbeitet sich an den sozialen Besonderheiten der Diktaturen sowjetischen Typs ab und ist häufig verbunden mit sozialdemokratischen oder grünen Haltungen. Eine dritte Schule lässt sich politisch vor allem im Umfeld der früheren SED und heutigen Partei ´Die Linke´ ausmachen. Auch sie folgt methodisch eher dem sozialgeschichtlichen Ansatz, legt es aber vor allem darauf an, die Delegitimierung der DDR kritisch in den Blick zu nehmen.

Die den drei Schulen zuzurechnenden Wissenschaftler haben es bislang nicht vermocht, eine Geschichte des Antisemitismus und Rassismus in der DDR auszuarbeiten, der halb öffentlich und halb nicht-öffentlich die Geschichte der DDR von ihren Anfängen an begleitete und mit den Pogromen von Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda sowie der erst kürzlich aufgedeckten Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) für breite Teile der Gesellschaft sichtbar wurde. Auch die Enquetekommissionen des Deutschen Bundestages, die zwei Legislaturperioden lang die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit betrieben, haben zu diesen Themen keine einzige Expertise angefordert, angeregt oder hervorgebracht.

Es gibt bislang nur ganz wenige Forschungen und Forscher, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Voraussetzungen dieser Explosionen des Antisemitismus und Rassismus im Untergang der DDR zu erforschen. Harry Waibel gehört zu ihnen. Was er mit dem Buch „Der gescheiterte Antifaschismus der SED“ vorlegt, ist eine Art Lexikon, in dem er alle ihm bekannten Dokumente aus DDR-Archiven verzeichnet und kurz nacherzählt, die rassistische Pogrome und Aktivitäten neonazistischer Gruppen sowie Einzelpersonen seit ihrer Gründung schildern. Der Autor hat diese Dokumente bei jahrelangen Recherchen in verschiedenen DDR-Archiven gefunden und gibt auch ihre Signaturen in seiner Darstellung wieder.

Die Geschichte rassistischer Überfälle, neo-nazistischer Aktivitäten und teilweise auch von der SED selbst vorgetragenen antisemitischen Terrors in der DDR ist damit aber noch nicht geschrieben, denn Waibel ist den einzelnen Anschlägen bislang noch nicht wirklich im Detail nachgegangen. Die unzähligen Eintragungen in seinem Buch lesen sich zum Beispiel so: „In Freiberg (Bezirk Karl-Marx-Stadt) kam es am 5. Dezember 1982 während einer Tanzveranstaltung im Kreiskulturhaus ´Tivoli` zu lang anhaltenden Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Mosambikanern, die seit Anfang Dezember 1981 im VEB Leichtindustrie Freiberg tätig waren, an denen 80 bis 100 Deutsche und 35 bis 40 Afrikaner teilnahmen. Es wurde mit Fäusten oder abgebrochenen Zaunlatten geschlagen und ein Deutscher (19 Jahre) erlitt eine Schädelfraktur und musste in das Kreiskrankenhaus Freiberg stationär eingeliefert werden. Weitere 23 Deutsche und drei Mosambikaner wurden leicht verletzt und wurden ambulant in der Poliklinik Freiberg behandelt. Als Verantwortliche bzw. Initiatoren der Auseinandersetzung wurden drei deutsche Arbeiter ermittelt und festgenommen. Es wurde ein Ermittlungsverfahren gemäß § 215 StGB Rowdytum und § 140 StGB Beleidigung wegen Zugehörigkeit zu einer anderen Nation oder Rasse mit Haft gegen zwei Täter und gegen den dritten Täter wurde eine Reststrafverbüßung aus einer vorangegangenen Verurteilung angeordnet.“ (Waibel, S. 143)

Im Anschluss an solche Kurzzusammenfassungen einer Akte folgt die Darstellung einer weiteren Quelle. Zeitzeugen wurden bislang noch nicht interviewt, die Lokalpresse wurde noch nicht ausgewertet und viele Dinge mehr. Waibel hat aber alle von ihm gefundenen Vorfälle gewissermaßen nach „Themen“ geordnet. Er differenziert danach, gegen welche Gruppen von Menschen Anschläge und Angriffe verübt wurden. Wenn in Zukunft Sozialwissenschaftler tatsächlich eine Geschichte von Rassismus und Antisemitismus in der DDR schreiben sollten, was sehr zu wünschen wäre, müssen sie zu dem Buch von Waibel greifen und bewaffnet mit den in den Fußnoten angegeben Signaturen in die Archive ziehen.

Dass sich die Forschungen zu diesem Thema bislang mehr oder minder an einer Hand abzählen lassen, ist nicht allein mit methodischen Beschränkungen sozialwissenschaftlicher Verfahren und ihrer Schulen zu erklären. Die Fakten selbst, die Anschläge, die Misshandlungen, die in ihre Heimat abgeschobenen Vertragsarbeiter, die zu Beginn der 50er Jahre aus der DDR vertriebenen Juden, ihrer doppelt traumatisierten Nachfahren und vieles mehr sind längst mehr als offensichtlich. Die Nichtbearbeitung dieser Themen lässt sich vornehmlich als Ausdruck einer in der Bundesrepublik weit verbreiteten Weigerung verstehen, den Themen selbst auf den Grund zu gehen. Viele Menschen wundern sich heute, warum die verschiedenen Polizeiapparate im Fall der Morde der NSU nicht in die Richtung rassistischer und neonazistischer Motive ermittelten. Im Kern haben wir es mit den ausgebliebenen Studien zum Thema Rassismus und Anti-Semitismus in der DDR mit einem vergleichbaren Phänomen zu tun.

Waibels Buch reiht sich in die nur sehr schmale Spur weniger Versuche ein, der Geschichte von Rassismus und Antisemitismus in der DDR zu Leibe zu rücken. Als einer der wesentlichen Versuche, wäre die in der Bundesrepublik 1998 erschienene Studie von Jeffrey Herf mit dem Titel „Zweierlei Erinnerung“ zu erwähnen. Wenig später legte Thomas Haury sein Buch zum Antisemtismus in der DDR der 50er Jahre vor. Weiterhin wäre auf den Sammelband „Fremde und Fremdsein in der DDR“ zu verweisen, in dem ein Team von Sozialwissenschaftlern um das Zentrum für Zeithistorische Forschungen in Potsdam verschiedenen Aspekten vor allem des Rassismus nachforschte. Zeitlich noch etwas später erarbeitete die Amadeu-Antonio Stiftung zwei Wanderausstellungen, die sich mit den Thema Rassismus und Antisemitismus in der DDR auseinandersetzten [„Das hat s bei uns nicht gegeben“ und „Germany after 1945: A Society Confronts Antisemitism, Racism, and Neo-Nazism“]. Auch ein weiteres Projekt dürften Forscher, die eine solche Geschichte ernsthaft schreiben wollen, nicht aus den Augen verlieren, die Ausstellung des Vereins „Reistrommel e. V.“, der, gefördert von der Amadeu Antonio Stiftung, die Ausstellung „Bruderland ist abgebrannt“ erarbeitete.

Harry Waibels Buch reiht sich in diese nur sehr dünne Spur verschiedener Versuche ein, dem vor unser aller Augen mittlerweile längst sichtbaren Antisemitismus und Rassismus in der untergegangenen DDR und seinen Folgen in der vereinten Republik auch sozialwissenschaftlich zu Leibe zu rücken. Waibel ist als sehr guter Kommissar zu loben, der vielen Spuren am Tatort nachgegangen ist und sie gesichert hat. Das Unterfangen ist ganz besonders deshalb zu loben, denn er traf bei diesen Spuren auf viele, die ihm gar nicht ins politische Konzept passten. Harry Waibel macht in seinem Buch einsehbar, dass die Konfrontation mit den Themen Rassismus und Antisemitismus seine frühere linksradikale Position massiv untergrub. Trotzdem hat er seine Ermittlungen nicht abgebrochen und seine Fundstücke in die Asservatenkammer gebracht, gesichert und mit seinem Buch auch in einer Liste öffentlich verzeichnet. An dieser Liste kommt die Forschung nun nach der langen Zeit des Schweigens nicht mehr vorbei.

Die verschiedenen Institutionen und Studienwerke, die sich mit der Aufarbeitung der DDR beschäftigen, sollten die von Waibel gesicherten Spuren gruppenorientierter Menschenfeindlichkeit zum Anlass nehmen, das Thema Rassismus und Antisemitismus in der DDR nun endlich auf ihre Agenden zu setzen. Ob die sich vor unseren Augen und in unserer Nachbarschaft immer noch fortsetzende Menschenverachtung totalitarismustheoretisch, sozialwissenschaftlich oder spätmarxistisch erläutert würde, das wäre ganz egal. Die Hauptsache wäre, dass sich die Sozial- und Geschichtswissenschaften dem Thema überhaupt zuwendeten. Die mehr konservativen, sozialdemokratisch, grün oder links orientierten Wissenschaftler der drei Schulen könnten sich bei der Konfrontation mit dem Thema Harry Waibel zum Vorbild nehmen. Je näher man den Fakten kommt, umso eher kann sich die bislang eingenommene politische Haltung als brüchig erweisen. 184 Tote seit dem 3. Oktober 1990, das ist viel zu viel.

Harry Waibel, Der gescheiterte Anti-Faschismus der SED, Frankfurt 2014, 293 S., ISBN 978-3-631-65073-8, Peter Lang Verlag (Reihe: Academic Research), 39.95 €uro, Bestellen?
INHALTSVERZEICHNISLESEPROBE

Siehe auch:

Jeffrey Herf, Zweierlei Erinnerung, Berlin 1998.
Thomas Haury, Antisemitismus von links, Hamburg 2002.
Jan C. Behrends, Thomas Lindenberger, Patrice G. Poutrous, Fremde und Fremdsein in der DDR. Zu historischen Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland, Berlin 2003.
Amadeu Antonio Stiftung, „Das hat`s bei uns nicht gegeben!“, Berlin 2010.
Amadeu Antonio Stiftung, Germany After 1945: A Society Confronts Antisemitism, Racism, and Neo-Nazism, Berlin 2012.
Reistrommel e. V., „Bruderland ist abgebrannt“ (Wanderausstellung – Der Standort der Ausstellung ist bei facebook zu finden. Die Ausstellung ist dort unter ihrem Titel aufrufbar)

6 comments to Spuren am Tatort gesichert

  • nussknacker56

    Danke für den Hinweis auf dieses Buch. Je mehr der Teppich angehoben wird unter dem diese und viele andere Lebenslügen der angeblich „fortschrittlichen Kräfte“ gekehrt wurden. Dieses Zerrbild haben DKP und andere stalinistische Wurmfortsätze nicht ohne Erfolg über Jahre hinweg propagiert. Am Ende bleibt nichts als pure Menschenverachtung zurück. So gut wie nichts war gut an diesem Land.

  • Lieber Herr Anonymus „Nussknacker56“,

    leider legen nicht nur DKP und Freunde einen Teppich des Schweigens über Antisemitismus und Rassismus in der DDR. Auch die konservativen und sozialdemokratisch-grünen Forscher tun sich bislang nicht mit intensiver Forschung hervor. Die linkeren Leute lehnen das Thema ab, weil sie die Idee des Sozialismus nicht kritisieren wollen, die mehr konservativen Forscher, wollen das Ansehen der vereinigten Bundesrepublik nicht beschädigen. Keiner hat sich offenbar die Solidarität mit den angegriffenen Menschen zur Leitlinie genmacht.

  • Karl Pfeifer

    Ich habe Anfang Oktober 1989 in der DDR eine Recherche über Neonazi durchgeführt und mein Artikel wurde u.a. in Allgemeinen Jüdischen Zeitung in Bonn im Dezember 1989 publiziert.
    Ich habe diese Recherche im Auftrag der Wiener Wochenzeitung „profil“ getätigt, die dann meinen fertigen Artikel mit der Bemerkung „nicht aktuell“ nicht publizierten. Allerdings bekam ich ein Abstandshonorar. Das Thema war dann sehr bald sehr aktuell.

  • zeev

    Lieber Martin Jander,
    eine Fehleinschätzung wird auch nicht richtiger, wenn sie ständig wiederholt wird.
    Es waren Leute aus der radikalen Linken, die sich zuerst – und zwar schon 1991- mit dem Antisemitismus in der DDR beschäftigt haben. Seit dieser Zeit gibt es auch einige Publikationen zu diesem Thema, man muss vielleicht auch einmal die Schwellenangst überwinden und in einen linken Buchladen gehen und fragen.

  • Lieber Herr Pfeiffer, das ist eine traurige und interessante Geschichte. Ich weiß nicht, wieviele Tote es noch geben wird, bevor die sozialwissenschaftliche Forschung sich dem Thema nähert. Zwar findet man ewige Debatten darüber, ob die DDR ein „Unrechtsstaat“ gewesen sei, aber weder Kritiker noch Befürworter dieses Begriffs wenden sich den Themen Rassismus und Antisemitismus zu. Eine Geisterdebatte!!!

  • Lieber Anonymus zeev, ich bin schon mal häufiger auch in sogenannten Linken Buchläden. Wesentliche Auseinandersetzungen mit dem Antisemitismus in der DDR aus den Reihen der radikalen Linken sind mir da nicht in die Hände gefallen. Welche Publikationen meinen Sie?