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Chronik des bedrohten Lebens

Hans Keilson führte im niederländischen Untergrund Tagebuch – und schrieb Gedichte an seine Geliebte…

von Roland Kaufhold

22.12.1944, Tagebuchnotiz: „Jetzt sind wir wieder allen anderen in Polen und den Konzentrationslagern nahe gerückt. Wenn nur das Kindchen wieder gesund wird. Es hat etwas an den Nieren. Viel Durst und muß aufs Töpfchen. Ich sehe alles in Bildern vor mir.“ (S. 142) Seit vier Jahren arbeitet der 1909 in Bad Freienwalde geborene jüdische Schriftsteller und Arzt Hans Keilson im Untergrund. Im Frühjahr 1943 legt er den Judenstern endgültig ab, lebt im Untergrund bei niederländischen Freunden, geschützt durch einen neuen Namen. Er arbeitet für eine Widerstandsgruppe als Kurier und als Berater für versteckte Jugendliche.

Vier Jahre zuvor ist Hans Keilson gemeinsam mit seiner späteren Ehefrau in die Niederlande geflohen. Sein Untertauchen in den Widerstand erfordert eine Trennung von seiner Ehefrau. 1941 wird ihre Tochter geboren. Sie wächst die ersten vier Jahre ohne ihn auf, er sieht sie nur gelegentlich. Eine schmerzhafte Erfahrung.

1944 verfasst Keilson ein Tagebuch – eine literarische Chronik seines bedrohten Lebens im Untergrund. Zeitgleich verfasst er 46 Sonette, für seine jüngere Geliebte Hanna – auf deutsch. Eine Sprache, die man in den Niederlanden seinerzeit nicht gerne gehört hat.

Sein literarisches Talent ist Keilson bewusst: 1932 war ein autobiografischer Familienroman des 23-jährigen erschienen – das letzte Werk eines Juden bei Fischer. Einige seiner deutschsprachigen Gedichte erscheinen noch während des Krieges in niederländischen Anthologien. Vor drei Jahren ist Hans Keilson in den Niederlanden verstorben. Er wurde 101 Jahre alt. Sein 100. Geburtstag bescherte dem Traumaexperten und Schriftsteller internationalen Ruhm. Er wurde in der Weltpresse als Genie gefeiert. Kurz danach erschienen die literarischen Lebenserinnerungen des 101-jährigen in dem kleinen Erzählband „Das ist mein Haus“.

Nun hat seine Ehefrau, die Literaturwissenschaftlerin Marita Keilson-Lauritz, in seinem Nachlass dieses Tagebuch und die Sonetten aufgefunden. Ein berührendes Werk, in dem sich literarische Reflektionen und Alltagsbetrachtungen des existentiell Bedrohten spiegeln. Der eigene Tod, das Wissen um die deutschen Vernichtungslager, wird zurückgedrängt, um seelisch zu überleben. Und doch taucht dieser eruptiv immer wieder im Tagebuch auf: „Und oft die Gedanken an die Juden in den Lagern. Reise mit illegalen Papieren. Ich bleibe am Tod kleben. Immer mehr. Wie eine Fliege, zuerst 1 Bein, schließlich alle sechs. Ich mache keine Musik mehr. Kann nicht. Zuerst ein Finger krank. Später rasende Unlust“ notiert er im Juni 1944 (S. 60). Im Oktober steigt seine Angst an. Zuflucht sucht der passionierte Musiker bei seiner Geige: „Inzwischen dauern die Vernichtungen in den Städten an. Wie schwer wird Holland getroffen. Und wie lange dauert es noch? Immerzu denke ich an Gertrud und das Kind. Das  Leid ist die Basis der Ausschweifung. (…) Und der immer größer werdende Konflikt, zu schreiben oder zu leben.“ (S. 71) Dann die Sorge um die Eltern, die er noch in die Niederlande zu holen vermocht hatte: „Denke ruhiger an die Eltern, an ihren möglichen Tod. Und merke es beim Geigen. Ich spiele, als ob ein anderer spielte.“ (S. 73) Vergeblich, alles vergeblich. Seine Eltern werden in Birkenau vergast. Ein lebenslanges Trauma. Und seelisch für Hans Keilson der endgültige Bruch mit Deutschland. Er widmet seinen Eltern mehrere Gedichte.

Im Untergrund weiß Hans Keilson um das Morden der Deutschen. Um die Ermordung seines jüdischen Volkes. Während letztere dieses Wissen noch Jahrzehnte später verleugnen. Und doch muss er weiter leben:

„Gedanken, wir müssen es noch eben aushalten, auch die Massenmorde in Polen. (…) Was ist man doch wichtig, daß man hier lebt, während da andere Tausende wieder sterben. Aber was sollen die wohl denken in dem Moment, wo sie in die Gaskammern steigen. Sie sagen Polen, aber meinen Juden. Man sollte die Judenkinder, schon wenn sie klein sind, an kleine Dosen Gas gewöhnen, von jüdischen Staats wegen, um sie gegen das folgende Pogrom immun zu machen. Und wir stehen da mit unserem Talent!“ (S. 75)

Vor allem jedoch handelt sein Tagebuch von seiner Liebe zu seiner getrennt lebenden Ehefrau Gertrud – wie auch zu der 13 Jahre jüngeren Hanna. Ihr hat er die Sonetten gewidmet. Zwischen beiden schwankt er, beide begehrt er in ihrer Unterschiedlichkeit, mit Schuldgefühlen: „Gespräch mit Hanna. `Ich habe doch kein Recht auf Dich´, sagt sie. Trotzdem Zusammensein im Gespräch voll tiefem Einverständnis.“ (S. 30) Und wenige Zeilen später: „Brief von Gertrud. Sehr traurig, sie ist nicht gesund. Ich begreife sie sehr tief. Sie ist allein, es greift mir an die Tränen, wenn ich an sie denke. Sie ist die Leidtragende meines Konflikts.“ (S. 31)  Zwei Tage später ist er in tiefer Sorge um Gertrud. Dann: „Abend. Bin ich mit Gertrud zusammen, begreife ich nicht mehr, was mit Hanna mich verbindet. Bin ich mit Hanna zusammen, ist Gertrud in eine Entfernung gerückt. Und beide Male bin `ich´ es.“ (S. 33) Zwischendurch immer wieder tiefschürfende Reflexionen über Kafka, Buber, Rilke, Brentano, Thomas Mann und Dostojewski: „Lese wieder `Schuld und Sühne´! Was für ein herrliches, wildes und doch gezähmtes Buch.“ (S. 101) Dann Beschreibungen der schwierigen Lebenssituation in der Familie, die ihm Unterschlupf bietet. Ende 1944 Hausdurchsuchungen, Keilson bleibt in seinem Versteck im Kleiderschrank liegen, wird nicht entdeckt. Dann wieder Zuflucht zu neuen Gedichten: „Wieder einige Gedichte geschrieben. Ich dachte, daß es schon vorbei wäre, aber anscheinend ist eine neue Quelle angebohrt. Darunter ein Gas!-Gedicht, das mir nicht völlig mißlungen scheint.“ (S. 112) Seine Reisen quer durch die Niederlande, als Kurier für die Untergrundbewegung, mit gefälschtem Pass, gelingen ihm meistens angstfrei. Und doch: „Oft die Gedanken an die Juden in den Lagern. Reise mit illegalen Papieren. Ich bleibe am Tod kleben. Immer mehr.“ (S. 60) Pläne für die Zukunft, nach Ende des Krieges: Soll er nun als Arzt in den Niederlanden arbeiten, als Psychotherapeut – oder als Schriftsteller? „Und der immer größer werdende Konflikt, zu schreiben oder zu leben.“ (S. 71)

Gegen Ende 1944 nimmt die Bedrohung zu. Razzien in Rotterdam, Delft, Klingeln an der Tür, Hausdurchsuchungen: „Seit Tagen, Wochen sind wir auf dieses Signal vorbereitet. Jetzt ist es soweit. (…) Mit Hilfe von Suus in den Wandschrank gekrochen.“ (S. 123f.)

Hans Keilsons 13. Sonett, sein „Gasgedicht“, beginnt so: „Der Tod ist so alltäglich wie das Glas, aus dem man, seinen Durst zu löschen, trinkt. Dann stehen lässt. So ist der Tod! Er winkt mit rauher Hand zu einem milden Spass.“ (S. 207)

Hans Keilson überlebt. Er bleibt mit seiner Ehefrau zusammen. Hanna heiratet Chanan Hoffmann, der in den Jüdischen Brigaden gekämpft hat. 1946 gehen sie nach Palästina. Die Keilsons hingegen bleiben in den Niederlanden. Ein wertvolles Buch.

Hans Keilson: Tagebuch 1944 und 46 Sonette. Herausgegeben von Marita Keilson-Lauritz. Fischer Verlag, 256 S., 18,99 Euro, Bestellen?

Eine gekürzte Version dieser Besprechung ist in der Jüdischen Allgemeinen vom 8.10.2014, Nr. 41, S. 22, Sonderausgabe zur Frankfurter Buchmesse, erschienen.

Hinweis: Eine sehr umfangreiche Keilson-Biografie des Autors wurde 2008 von der Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis veröffentlicht und steht als pdf-Version auf der Zeitschriftenwebsite zur Verfügung:

Roland Kaufhold: „Das Leben geht weiter“. Hans Keilson, ein jüdischer Psychoanalytiker, Schriftsteller, Pädagoge und Musiker. “Life goes on”. Hans Keilson, a jewish psychoanalyst, writer, pedagogue, and musician, Internet: http://www.zptp.eu/aduploads/zptp2008h1-2_kaufholdkeilson.pdf

Hans Keilsons große Studie zur sequentiellen Traumatisierung: http://www.psychosozial-verlag.de/catalog/product_info.php/products_id/456

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