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Jüdischer Adel

Nobilitierungen im Europa des 19. Jahrhunderts…

Drewes: Jüdischer AdelRezension von Monika Halbinger

Das Zusammendenken von Juden und Adel ist im breiten Bewusstsein für viele vermutlich noch ein Widerspruch. Auch in der Forschung ist bislang noch nicht ausreichend zu diesem Thema gearbeitet worden, es fand nur als Randnotiz in Überblicksdarstellungen Beachtung. Die leicht überarbeitete Dissertation „Jüdischer Adel. Nobilitierungen von Juden im Europa des 19. Jahrhunderts“ von Kai Drewes aus dem Jahre 2013 (Campus Verlag) versucht nun diese Lücke zu schließen. Ausgangspunkt der Studie ist die vielen bemerkenswert, wenn nicht gar befremdlich erscheinende Tatsache, dass es im „langen 19. Jahrhundert“ neu geadelte Personen gab, die nicht nur jüdischer Herkunft waren, sondern ihren jüdischen Glauben in einer christlich dominierten Gesellschaft beibehalten hatten.

Hier stellt sich gleich eine methodische Problematik, die eigentlich alle Studien zur jüdischen Geschichte betreffen. Wer ist als Jude anzusehen? Nimmt man eine jüdische Identität trotz Taufe an, verfolgt man eine essentialistische Identitätsvorstellung, die verzerrte Rückschlüsse auf die historische Realität zur Folge hat. Es werden Personen jüdischer Herkunft als Juden vereinnahmt und unter Umständen gleichzeitig eine hohe Anzahl „jüdischer Adeliger“ postuliert, die in der Realität nicht gegeben war. Denn die Taufe als Bedingung, um als Jude „adelsfähig“ zu werden, bedeutete ja gerade, dass Juden nur akzeptiert wurden, wenn sie aufhörten Juden zu sein. Folgerichtig hat sich auch Drewes dazu entschlossen, als jüdische Adelige nur Adelige jüdischen Glaubens anzusehen. Generell versucht Drewes essentialistische Zuschreibungen zu vermeiden, er setzt auf Differenzierungen und versteht Identität als hybrides Konstrukt, das die Berücksichtigung von Geschlecht, Klasse und Nationalität sowie unterschiedlicher Lebenswelten, Selbst- und Fremdwahrnehmungen notwendig macht.

Eine leitende Frage seiner Untersuchung behandelt Drewes im der Einleitung folgenden 2. Kapitel: Wie attraktiv waren Adelstitel für Juden? Die anhaltende Anziehungskraft von Adelstiteln um 1900 steht für das Bürgertum Österreich-Ungarns und Großbritanniens nicht in Frage. Drewes untersucht in diesem Kapitel aber vor allem Preußen als gewissen Sonderfall und schildert sehr eingehend auch die Forschungsdiskussion und –entwicklung zu dieser Frage.  Einige Zeit nach 1945 hat die sogenannte „Feudalisierungsthese“ den wissenschaftlichen Diskurs dominiert. Dem deutschen Bürgertum wurde dabei mangelndes Selbstbewusstsein sowie Anbiederung an den Adel vorgeworfen. In der Doppelbiographie „Gold und Eisen“ über Otto von Bismarck und seinen jüdischen Bankier Gerson von Bleichröder zeichnet z.B. der Historiker Fritz Stern den nach Adel strebenden Bleichröder  äußerst negativ und diffamiert ihn mit seinem Wunsch nach Nobilitierung als  unterwürfigen „Parvenü“.1 Sozialliberale Historiker der nachkommenden Jahre haben dann einen radikalen Umschwung vollzogen. Das deutsche Bürgertum galt nun als Vorreiter eines gesellschaftlich erwünschten Modernisierungsprozesses. Durch Rückprojektionen auf das 19. Jahrhundert versuchten Historiker wie Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka – dem Zeitgeist entsprechend – positive Bezugspunkte und Vorläufer für die zeitgenössische moderne Bürgergesellschaft zu finden. Heutzutage, so Drewes, sei  infolgedessen die Annahme weit verbreitet, dass für das preußische Großbürgertum um 1900 monarchische Auszeichnungen nicht besonders attraktiv gewesen seien.  Es habe geradezu eine antiadelige Stimmung vorgeherrscht, bei der eine Nobilitierung als bürgerliche Selbstverleugnung gewertet worden wäre. Als Adelsverweigerer werden dabei auch immer wieder selbstbewusste jüdische Großbürger genannt, die  gewissermaßen mit ihrem Bürgerstolz zum Topos wurden. Sie seien sogar vom Monarchen umworben worden, hätten es aber nicht nötig gehabt, monarchische Auszeichnungen anzunehmen. Die geringe Anzahl an nobilitierten Juden sei, so eine verbreitete Meinung, Folge der adelsfeindlichen Einstellung. Drewes kann diese Annahmen relativ gut  widerlegen. Eine seiner zentralen Thesen ist vielmehr, dass die Nachfrage nach Adelstiteln im gesamten Europa des 19. Jahrhunderts sehr hoch war, auch in Preußen. Wirtschaftsbürger waren grundsätzlich für Adelstitel oder andere prestigeversprechenden Auszeichnungen recht empfänglich, nicht mehr und nicht weniger als Christen.2 Aus den Quellen lasse sich kein einziger Fall belegen, in denen ein Jude einen Adelstitel abgelehnt hätte. Vielmehr war es so, dass ihnen gar kein Adelstitel angeboten wurde. Der Antisemitismus in Staat und Verwaltung habe dies verhindert. Nicht die jüdischen Großbürger hätten Nobilitierungen abgelehnt, sondern vielmehr wurden sie von Monarchie und Regierung abgelehnt.3 Der jüdische Glaube war immer noch ein Ausschlusskriterium. Es ist bemerkenswert, dass dies in der Forschung bislang nicht hinreichend berücksichtigt wurde, sondern Juden für bestimmte gesellschaftliche Interpretationsinteressen instrumentalisiert wurden.

Drewes zeigt aber auch, dass die mangelnde Anerkennung von Juden durch Staat und Gesellschaft diese in der Regel nicht zu Gegnern  der Monarchie machte. Sicherlich mag verletzter Stolz in der gesellschaftlichen Einschätzung eine Rolle gespielt haben, aber mehrheitlich sahen Juden gerade die Erreichbarkeit von monarchischen Auszeichnungen als erstrebenswertes Ziel an, wäre dies doch als Beleg für die gesellschaftliche Integration gewertet worden.  Für Juden wie auch Nichtjuden galt die Nobilitierung weniger als Einschmeichelung bei aristokratischen Kreisen, sondern als Mittel, der Umwelt, den eigenen gesellschaftlichen Aufstieg zu demonstrieren. Nach Thomas Mergel ist hier vor allem die „Abgrenzung nach unten“ wichtig.4 Es gibt keine Hinweise darauf, dass jüdischen Großbürgern wie Rudolf Mosse oder Walther Rathenau eine Nobilitierung unangenehm gewesen wäre. Allein der Antisemitismus verhinderte dies.

Wie selbstverständlich und erwünscht die Existenz einer Adelsklasse auch Juden erschien, macht Drewes auch in einem eingangs dargelegten Zitat klar. So schrieb Theodor Herzl 1895 in seinem Tagebuch, dass er selbst gerne „ein preußischer Altadeliger“ gewesen wäre.5 An anderer Stelle sah er auch für den von ihm konzipierten jüdischen Staat die Institution des Adels vor.6

Mit der Nobilitierungspraxis beschäftigt sich Drewes im 3. Kapitel. Seine leitenden Fragen sind hier auf die Strategien und Wahrnehmungen der beteiligten Akteure gerichtet, aber auch in wieweit die Möglichkeit bestand, die Zugehörigkeit zum Judentum mit der zum Adel zu verbinden. Den Schwerpunkt legt der Autor hier auf die drei Monarchien Österreich, Großbritannien und Preußen, in denen adelige Oberschichten und stark konfessionell christlich geprägte Gesellschaften anzutreffen waren.

Drewes zweite große These sieht die nicht zu bestreitenden Unterschiede zwischen den Ländern in der Titelvergabe vor allem auf der monarchisch-staatlichen Akteursseite begründet. Während es in Österreich schon seit 1789 dauerhaft zu Adelsverleihungen an Juden kam, konnten in Preußen jüdische Großbürger nur während einer kurzen Zeitspanne um 1870 auf eine Nobilitierung hoffen. Zwar war die Anzahl an Erhebungen in den Adelsstand in Österreich-Ungarn ohnehin höher als in Preußen, und es gab auch einige jüdische Adelige, die zum Christentum konvertierten. Dennoch: Die Vereinbarkeit von Adel und jüdischem Glauben war in Wien und Budapest weitaus eher gegeben als in Berlin, wo ein ausgeprägter Antisemitismus in Bürokratie und Staat selbst nach der gesetzlichen Gleichstellung von Juden systematisch den Eintritt ins Offizierskorps vereitelten und auch andere Führungspositionen Juden verweigert wurden. Drewes betont, dass dieses Phänomen in Mittel- und Westeuropa um 1900 eine preußische Besonderheit darstellt.  Und auch um 1900 waren wohl die wenigen Nobilitierungen von Konvertiten in Preußen eher als „Belohnung“ für den Glaubenswechsel gedacht, weniger als Anerkennung für gesellschaftliche Verdienste.

Mögliche Gründe dafür diskutiert Drewes sehr differenziert und dies ist auch ein Verdienst seiner Studie. So fragt er nach möglichen unterschiedlichen Toleranzgraden in katholischen und protestantischen Gesellschaften oder auch nach der Stärke des politischen Liberalismus in der jeweiligen Gesellschaft. Auf den ersten Blick scheint z.B. das katholische Österreich mit einem nicht unbedeutenden Einfluss liberaler Parteien weitaus liberaler als das konservative, protestantische Preußen. Dennoch gibt es immer auch Gegenbeispiele und so muss von einer ganzen Reihe von Faktoren ausgegangen werden, die letztlich die Nobilitierungspraxis bestimmte.

Als eindeutig falsch weist Drewes in seiner dritten großen These die Vorstellung zurück, dass es sich bei der Verleihung eines Adelstitels um den freiwilligen Akt eines Monarchen handelt, basierend auf einer direkten Beziehung zwischen ihm und dem Titelempfänger. Vielmehr sei die Initiative zur Nobilitierung stets vom zu Adelnden ausgegangen. In die Entscheidung über eine mögliche Titelverleihung waren andererseits eine ganze Reihe von Personen und staatlichen Stellen involviert.

In seinem 4. Kapitel behandelt Drewes einen bislang noch wenig behandelten Aspekt der Thematik, nämlich den Transfer von Adelstiteln über die Ländergrenzen hinweg. So adelten Monarchien wie Österreich, aber auch Italien und Portugal, durchaus auch ausländische Juden. Vor allem im Bereich von Handel und Finanzwesen war diese Konstellation keine Seltenheit. Wenn Adelstitel im eigenen Land unerreichbar schienen, bot dies für jüdische Großbürger, die häufig familiär schon kosmopolitisch orientiert waren, eine attraktive Alternative und auch ein Korrektiv hinsichtlich der unterschiedlichen nationalen Praktiken. Allerdings war damit noch nicht die Akzeptanz des Titels im eigenen Land geklärt. So weigerte sich Preußen (abgesehen von der kurzen liberalen Phase um 1870), derartige Nobilitierungen anzuerkennen und versuchte sogar, diese zu verhindern. Auch in Großbritannien war eine formale Anerkennung nicht sehr einfach zu erhalten, aber man ging nicht so weit wie in Preußen, wo gar Schritte gegen Staatsbürger eingeleitet wurden, die Titel fremder Provenienz trugen.  Zumal man in Großbritannien sich um 1900 als britisch-jüdischer Großbürger schon berechtigte Hoffnungen auf eine Nobilitierung machen konnte. Zu dieser Zeit war die nationalistische, antisemitische Adelsschutzpolitik der preußischen Bürokratie beispiellos in Mittel- und Westeuropa. Es gab inzwischen eine ganze Reihe wichtiger Adelsfamilien jüdischen Glaubens, oft im Bankenwesen tätig, mit Titeln unterschiedlichster Herkunft.  Die mit dem 1. Weltkrieg eingehende nationale Erregung führte dann auch zu einer „Nationalisierung der Monarchie“. Adelstitel aus fremden Staaten wurden z.B. in Großbritannien aberkannt bzw. die Träger verzichteten von sich aus auf ihre Titel und so war laut Drewes  „die Blütezeit kosmopolitischer jüdischer Adelsfamilien schlagartig vorüber“7. Diese Zäsur war für viele Juden geradezu traumatisch.

Im Abschlusskapitel greift Drewes diesen transnationalen Ansatz nochmals auf und erläutert die wesentlichen Ergebnisse seiner Arbeit konkret am Beispiel der jüdischen Adelsfamilie Königswarter als gewissermaßen idealtypischer jüdischer Adelsfamilie. Anhand ihrer Familiengeschichte zeigen sich sehr anschaulich auch die Spannungsverhältnisse, in denen sich jüdische Adelige befanden: zwischen Assimilation und Staatstreue einerseits und Kosmopolitismus andererseits; zwischen innerjüdischem Engagement und Wohltätigkeit einerseits und Entfernung vom Judentum andererseits; sowie auch zwischen Herkunft aus dem Großbürgertum einerseits und der neuen Zugehörigkeit zum Adel auf der anderen Seite.

Die damit verbundene Frage nach der Selbstwahrnehmung adeliger Juden führt auch zu der Frage, ob adelige Familie wie die Königswarters nicht mehr Gemeinsamkeiten mit als Unterschiede zu anderen Großbürgerfamilien aufweisen, wie z.B. in punkto Prestigestreben, Philanthropie oder Staatsnähe.

Dennoch zeigt Drewes auch, dass es durchaus auch im Judentum stark verwurzelte Adlige gab, die ihre Nachkommen sogar mit testamentarisch angedrohten Sanktionen von der Taufe abhalten wollten. Teilweise bildeten jüdische Adelige auch die Elite innerhalb des Judentums, wie z.B. der Londoner Zweig der Rothschilds, die bis 1942 fast ohne Unterbrechung den Präsidenten der United Synagogue stellten.

Auch von jüdischer Seite wurden immer wieder auf jüdische Neuadelige Hoffnungen projiziert, die die Situation der jüdischen Minorität innerhalb der Mehrheitsgesellschaft im gesamten betrafen. Drewes sieht es gerade in diesem Zusammenhang als wünschenswert an, die Wahrnehmung von jüdischen Adeligen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft näher zu untersuchen.  Wie sahen „normale Juden“ die finanziell und gesellschaftlich so exponierten Neuadeligen?  Gibt es „adlige Juden“ als jüdischen Erinnerungsort? Diese Anregung ist umso wichtiger, als auch in Drewes Arbeit, die ja auch als jüdisch-nichtjüdische Beziehungsgeschichte angelegt ist, die jüdische Seite ein wenig kurz kommt. Dies ist natürlich auch der Tatsache geschuldet, dass ein Großteil der Quellen eben doch Verwaltungsakte nichtjüdischer Provenienz sind. Die Schilderung der jüdischen Akteure wirkt dann – trotz des sonstigen Bemühens um präzise Differenzierung – teilweise auch ein wenig blass, gerade auch was ihre spezifisch jüdische Lebenswelt anlangt. Diese war ja regional durchaus unterschiedlich.

Nichtsdestotrotz hat Kai Drewes eine beeindruckende, multiperspektivische Studie zu einer hochkomplexen Thematik vorgelegt. Seine quellengesättigte Arbeit zeigt, dass die Nobilitierung von Juden im 19. Jahrhundert gerade in ihrer Vielschichtigkeit, was Phänomene wie Akkulturation, Migration, das Spannungsverhältnis von Minorität und Mehrheit sowie hybride Identitäten, aber auch die damit verbundenen unterschiedlichsten Erwartungshaltungen und Projektionen anbelangt, eigentlich auch ein sehr aktuelles Thema ist.

Kai Drewes: Jüdischer Adel. Nobilitierungen im Europa des 19. Jahrhunderts, Campus Verlag Frankfurt/New York 2013, Bestellen?

  1. Fritz Stern: Gold und Eisen. Bismarck und sein Bankier Bleichröder, Reinbek 1998. Siehe Titel des 17. Kapitels. Zitiert nach Drewes, S. 14. []
  2. Kritische bzw. pejorative Äußerungen über mögliche Adelsverleihungen sind laut Drewes in der Regel spätere Aussagen von Nachkommen der Betroffenen. Diese müssen auch im Kontext eines zeitgenössischen kritischen Klimas gegenüber dem angeblich „feudalisierten Großbürgertum“ gesehen werden. []
  3. Drewes verweist in diesem Zusammenhang auch auf die  Forschung von Stephan Malinowski über die Radikalisierung des alten deutschen Adels, der sich schon im Kaiserreich sehr empfänglich für völkisch-inisches Gedankengut gezeigt hatte, z.B. ders.: Vom König zum Führer. Sozialer Niedergang und politische Radikalisierung im deutschen Adel zwischen Kaiserreich und NS-Staat, Berlin 2003. Zitiert nach Drewes, S. 19. []
  4. Thomas Mergel: Die Bürgertumsforschung nach 15 Jahren, in: Archiv für Sozialwissenschaft, Band, 41, 2001, S. 515-538, hier: S. 537. Zitiert nach Drewes, S. 137. []
  5. Theodor Herzl: Briefe und Tagebücher, Bd. 2, 1984: Zionistisches Tagebuch 1885-1899, S. 210. Zitiert nach Drewes, S. 13. []
  6. Theodor Herzl: Briefe und Tagebücher, Bd. 2, 1984: Zionistisches Tagebuch 1895-1899, S. 97. Zitiert nach Drewes, S. 11. []
  7. S. 350. []

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