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Gleichheitssucht und Freiheitsangst

Neidgetriebene Menschen sprechen ausgiebig von eigener Benachteiligung, fürchten die Freiheit und neigen zum Egalitarismus. Sie, die andere verächtlich machen, sehen sich als die Schwachen und bevorzugen den Schutz einer Gruppe Ähnlichfühlender…

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die so ansteckende Parole der Französischen Revolution, nahmen die deutschen Vorkämpfer des demokratischen Fortschritts eigentümlich verdreht auf.

Götz Aly

Mit der in Frankreich an erster Stelle genannten Freiheit wussten sie deutlich weniger anzufangen als mit der Idee der Gleichheit. Später brachten die Deutschen die wichtigsten Theoretiker des Kommunismus und des Sozialismus hervor, sie erfanden die Systeme der Sozialversicherungen, den nationalen Sozialismus Hitlers, die in der DDR besclworene Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik und die in der Bundesrepublik gepflegte soziale Marktwirtschaft. Deutsche verstümmelten den Begriff Gesellschaft zum Synonym für Staat und erkoren sich diesen zum »Vater Staat«.

Im Sinne von 1789 bezeichnete Egalité jedoch nicht mehr und nicht weniger als die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz. Nicht Antisemiten, sondern die überwältigende Mehrheit der Deutschen reduzierten das so wertvolle Prinzip zur Unkenntlichkeit. Sie machten daraus von Staats wegen zu garantierende materielle Gerechtigkeit. Fortan riefen sie bei jeder Gelegenheit: »Ungerecht! Wir fordern auch unseren Platz an der Sonne!« und badeten in dem Gefühl der ewig Zukurzgekommenen. Je mehr sich die so verstandene Gleichheit im allgemeinen Bewusstsein einnistete, desto ausgeprägter wurde der Differenzaffekt (Arnold Zweig), die Abstoßung nicht gleicher Gruppen, zumal dann, wenn diese Schnelligkeit, Witz, Klugheit und Erfolg auszeichneten. Polar ergänzend gesellt sich zum Differenzaffekt der Zentralitätsaffekt, »die Überbetonung und Wichtigkeit der eigenen Gruppe«.

Zur missverstandenen Gleichheit fügten deutsche Nationalrevolutionäre seit Anbeginn ihr merkwürdig kollektivistisches Verständnis von Freiheit. Schon den Krieg gegen die napoleonische Besatzung nannten sie Freiheitskrieg. Das heißt, viele von ihnen fassten Freiheit nicht als individuelle Möglichkeit, als Ansporn für jeden Einzelnen auf, sondern als Abgrenzungsbegriff, gerichtet gegen tatsächliche oder vermeintliche Feinde.
Auf dieser mentalitätsgeschichtlichen Basis veröffentlichte Richard Wagner sein Pamphlet »Das Judentum in der Musik« 1850 unter dem Pseudonym K. Freigedank; 1912 benutzte der alldeutsche Antisemit Heinrich Claß das Pseudonym Daniel Frymann. Hitler bezeichnete sein politisches Zerstörungswerk früh als »Freiheitsbewegung« gegen die Fesseln des Versailler Friedensdiktats von 1919. Im Sommer 1922 stellte der spätere Reichskanzler eine grobschlächtige antisemitische Hetzrede unter die Überschrift »Freistaat oder Sklaventum?«. Die Parteizeitung, die der junge Joseph Goebbels 1924 im Ruhrgebiet redigierte, hieß Völkische Freiheit, Ende 1926 gründete er in Berlin den Nationalsozialistischen Freiheitsbund.

Von derart definierter Freiheit gelangten deutsche Beamte auf direktem Weg zu dem Verwaltungsbegriff »judenfrei«. Hitlers Kriegsreden erschienen unter dem Titel »Der großdeutsche Freiheitskampf«. Die politischen Ziele hießen »Wehrfreiheit«, »Nahrungsfreiheit« und »Raumfreiheit«, mit anderen Worten: Krieg, Massenmord, Herrschaft über die Kornkammer Ukraine und über solche Länder, die über wichtige Rohstoffe verfügten.
Um 1880 offenbarte die erstarkende antisemitische Bewegung einerseits das Ressentiment gegen Juden, andererseits das noch immer nachwirkende politische Elend der Deutschen: ihre Angst vor Freiheit und eigener Courage, ihre Neigung, das eigene Versagen anderen anzulasten. Der Neidhammel sucht den Sündenbock. Zumal in Krisenzeiten verbanden sie mit Freiheit das Gefühl von Unbequemlichkeit, Ungewissheit und Überforderung, während ihnen Gleichheit gemütliche Geborgenheit. Daseinsvorsorge und minimiertes individuelles Risiko bedeutete. Das verhinderte das politische Erwachsenwerden. Im Schatten er Gemeinschaftswerte verkümmerte die Freiheit. Die Begriffe Gleichheit, Neid und Freiheitsangst ermöglichen es, die Eigenart des deutschen Antisemitismus zu erkennen.

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Bemerkungen zur Arbeitsweise

Den größten Teil dieses Buches schrieb ich während mehrerer Forschungsaufenthalte in Jerusalem, und zwar in der Bibliothek der Gedenkstätte Yad Vashem. Nirgendwo sonst stehen die einschlägigen Bücher so zahlreich beieinander. Das Katalogprogramm ist superb. Die Such- und Kombinationsmöglichkeiten übertreffen die der Berliner Bibliotheken bei weitem.

Regelmäßig saß Michal in der Bibliothek. Sie wurde 1921 in Tübingen als Liselotte geboren. 1935 wanderte sie mit der Jugendaliah nach Palästina aus. Ihre Eltern starben in Auschwitz.
Mit der Lupe in der Hand schreibt sie Inhaltsangaben deutscher Dokumente auf Hebräisch für die Archivverzeichnisse. Michal spricht gepflegtes Schwäbisch. Eines Morgens reicht sie mir ein Dokument. Es handelt von »Wachtmeister X«, einem Angehörigen der Waffen-SS. Er hatte – 1943 in Grodno – »einem Befehl zur Erschießung von Nichtariern und Häftlingen« nicht Folge leisten wollen und sich mit seiner Dienstpistole erschossen.
Jahrelang erhielt die hinterbliebene Ehefrau deshalb keine Witwenrente.
»Es ist das erste Mal, dass ich so etwas lese«, sagt Michal.

Anregend wirkte auf mich auch die gelegentlich massive Unruhe im Lesesaal von Yad Vashem. Plötzlich brechen dort Gruppen von Schülern und Lehrern herein und beginnen zu arbeiten, zu diskutieren und zu suchen.

Vor allem verursachen schwerhörige ältere Besucher Krach und Aufregung. Satzfetzen und Ortsnamen fliegen durch den Raum: Pinsk, Auschwitz, Bedzin, Ghetto, 1943, Kaufering, Dachau; that’s my father! No, that’s my brother Chaim, he perished; DP camp Föhrenwald; Bahnhofstraße 5, Lager Mühlenberg; Samuel Gleitman, that’s my mothers side … Eine ältere Dame sucht für eine noch ältere nach Daten im Register der Ermordeten. Es enthält mittlerweile vier Millionen genaue Personenangaben. Plötzlich ruft sie durch den Lesesaal: »Lilly, komm her, hier findest du deine Leute!«

Die Entflohenen und Überlebenden kommen fast jeden Tag aus vielen Ländern. Sie suchen nach Dokumenten über ihren eigenen Leidensweg und nach Spuren, jeden Tag aus vielen Ländern. Sie suchen nach Dokumenten über ihren eigenen Leidensweg und nach Spuren, die wenigstens etwas vom Schicksal ihrer ermordeten Geschwister. Großeltern oder Tanten mitteilen. Sie wollen die Todesdaten und -orte von Verschollenen wissen, finden sie oft und sagen dann leise: »Nun können wir das Kaddisch beten.«

Das Wort Holocaust verbirgt, was Deutsche anrichteten. Sie trieben die Juden Europas, deren sie habhaft werden konnten, in Judenhäuser, Lager und Ghettos. Hunderttausende verhungerten dort, erlagen Kälte und Krankheiten. Die anderen deportierten die Deutschen und ihre Helfer – zu Fuß, auf Lastwagen oder in Zügen. Am Zielort warteten Erschießungs- oder Gaskammer-kommandos. Einige der Todgeweihten hatten die Massengräber auszuschachten, die Krematorien zu befeuern und zu füllen.

Manchmal, gegen Kriegsende häufiger, sortierten deutsche SS-Männer, Beamte der Arbeits-verwaltung und Ärzte die Kräftigen unter den Deportierten zur Arbeit aus. So überlebten mehrere Zehntausend die Zeit des Schreckens. Hunderttausende Juden, die unter deutsche Herrschaft gerieten, konnten untertauchen, in letzter Minute fliehen oder wurden von den Verantwortlichen ihrer Heimatstaaten nicht an die Deutschen ausgeliefert. Letzteres gelang insbesondere in den Staaten, in denen der deutsche Zugriff aus unterschiedlichen Gründen sofort oder nach einiger Zeit gehemmt werden konnte: in Dänemark, Frankreich, Ungarn, Rumänien, Belgien, Italien und Bulgarien.

Doch ermordeten die Deutschen innerhalb von nur drei Jahren 82 Prozent der jüdischen Bevölkerung ihres Herrschaftsraums. Insgesamt sechs Millionen Menschen.

Im Herbst 1932 ahnte der wortgewandte Königsberger Zionist Kurt Blumenfeld das Kommende klarer als die meisten seiner Zeitgenossen; ich werde im Schlusskapitel darauf zurückkommen. Später machte Blumenfeld die gewalttätige Trostlosigkeit des Mordes an den europäischen Juden sprachlos. Er wusste viel über die Jahre der Verzweiflung, viel von den seelischen Wunden der Überlebenden; doch als er im Jahr 1961 seine Lebenserinnerungen niederschrieb, beendete er sie abrupt mit dem 28. Februar 1933, dem Tag seiner Abreise aus Deutschland nach Palästina. Damals hatte eine »neue Wirklichkeit begonnen«, so begründete er sein Schweigen. »Seit jenen Tagen sind über 28 Jahre vergangen. Seit 28 Jahren versuche ich, das Unsagbare zu sagen. Es zeigte sich, dass die Phantasie der Menschen niemals so groß ist wie ihre Grausamkeit. Was immer einer von uns auszudrücken vermag, es genügt nicht.«

Kurt Blumenfeld starb 1963,30 Jahre nach dem Beginn der neuen Wirklichkeit. Seither ist wieder ein halbes Jahrhundert vergangen. Die Spätfolgen des Unsagbaren sind nicht überwunden. Leicht wird es nie sein, einigermaßen angemessene Sätze für den deutschen Zerstörungswillen zu finden, der schließlich, und dann fast ungebremst, zur physischen Ausrottung der angefeindeten Juden führte.

Im Vergleich zu 1961 konnten mittlerweile einige Tausend Staatsanwälte, Kriminalbeamte, Richter, Journalisten, Historiker und die zur Zeugenschaft und zum Erinnern entschlossenen oder später ermutigten Journalisten. Historiker und die zur Zeugenschaft und zum Erinnern entschlossenen oder später ermutigten Überlebenden das Wissen über den Holocaust erheblich vermehren. Über die Tatumstände, über die wichtigsten Fakten und Indizien streiten die vielen nicht mehr, die über das Großverbrechen forschen und nachdenken.
Die unmittelbaren Gründe, aus denen heraus die deutsche Führung die »Endlösung der Judenfrage« betrieb, sind im Wesentlichen klar; Meinungsverschiedenheiten bestehen in der Gewichtung einzelner Faktoren.

Alle an der Diskussion Beteiligten betonen die eminente Bedeutung des Geschichtsbruchs Holocaust. Wohl deshalb wird noch lange strittig bleiben, worin die Bedeutung eigentlich liegt und welches die tieferen Ursachen waren. Die Antworten werden immer fragmentarisch bleiben, aber Historiker müssen danach suchen. Die Grenzen des Erklärbaren überwinden sie nicht.

In Anbetracht des großen Zeitrahmens, den die folgende Untersuchung umfasst, benutze ich fast
ausschließlich gedruckte Quellen, seien es Streitschriften, Petitionen, Lebensbeschreibungen, Zeitungsartikel oder Parlamentsprotokolle. So unterschiedlich und oft gegensätzlich diese Texte sind, so verbindet sie eines:
Sie wurden von Zeitgenossen verfasst, die nicht wussten, was Deutsche den Juden Europas zwischen 1933 und 1945 antun würden. Das erscheint mir methodisch ratsam. Die Autoren, die 1820,1879,1896 oder 1924 über den Antisemitismus und die Minderwertigkeitsgefühle von Deutschen schrieben oder den Judenhass und die Selbsterhöhung der arischen Rasse propagierten, die 1930/32 die politisch bedrohlichen Folgen von Wirtschaftskrisen oder die Anziehungskraft Hitlers und seiner Partei analysierten, kannten die Folgen nicht.
Diejenigen, die damals lebten, beobachteten und urteilten, standen – anders als die Nachgeborenen – noch nicht unter dem doppelten Zwang, ein schier unbeschreibliches Verbrechen zu erklären und zugleich – in menschlich verständlicher Weise – Distanz herzustellen.

Nur ausnahmsweise ziehe ich ungedruckte Quellen heran, namentlich solche aus dem sieben laufende Meter umfassenden Archiv der Familie Aly. Ich habe die Papiere 2007 geerbt und neu geordnet. Einige Urkunden reichen bis zum Dreißigjährigen Krieg zurück. Doch enthält das Archiv vor allem Briefe, Tagebücher, Lebensbeschreibungen und Fotos, überwiegend aus der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Meine Frage an diese Quellengattung lautet: Wenn der deutsche Antisemitismus eine Massenerscheinung gewesen ist, die man vor 1933 nicht verstecken musste, dann muss er in den Briefen oder Lebenserinnerungen deutscher Familien seinen Niederschlag gefunden haben. In den Hinterlassenschaften meiner Vorfahren konnte ich einige einschlägige Dokumente finden. Ich integriere sie als gesellschaftsgeschichtliche Zeugnisse in den Text. Indem ich Quellen privater Provenienz einbeziehe, widerspreche ich Darstellungen, in denen so getan wird, als ließe sich die deutsche Judenfeindschaft und damit die Vorgeschichte des Holocaust in bestimmte Namen einzelner deutscher Institutionen, Verbände oder bekannter Antisemiten bannen.

Im Süden und Westen der deutschen Länder schritt die Säkularisation schnell voran. Historiker bezeichneten den Klostersturm hernach als »wohltätige Gewaltsamkeit«, rückten ihn so ins Licht aufgeklärter Reformpolitik. Mit diesem Kunstgriff überblendeten sie unzählige, oft wüst vollzogene Enteignungsakte zugunsten der kleinen Leute, der Universitätsbibliotheken, Gemäldegalerien, Dorfpfarreien und Staatskassen.
Selbstverständlich begleiteten Habgier und Korruption die Neuverteilung klösterlicher Besitztümer. In Bayern bauten sich Handwerker und Bauern stattliche Häuser aus den Steinen der Konvente, Klosterkirchen und Nebengebäude. Parallel dazu modernisierten aufgeklärte Adelige und Bürger das Recht. Sie trieben den wirtschaftlichen Wandel voran. 1814/15 bremste der Wiener Kongress den Erneuerungsrausch, befestigte die alten Gewalten ein letztes Mal und verschaffte dem bäuerlichen, handwerklichen und städtisch-patrizischen Konservatismus Raum für zähen Widerstand gegen die von Westen heranbrandende Moderne – bis das vertraute Alte mit der in Deutschland verspätet einsetzenden, dann umso turbulenteren industriellen Revolution
unwiderruflich in die Brüche ging.

In den Jahrzehnten nach der Französischen Revolution ordneten deutsche Ratsherren und Staatsmänner das Verhältnis zwischen Christen und Juden neu. 1796 fielen in Frankfurt am Main die Mauern der Judengasse – dank der französischen Belagerung und gegen eine von den Juden an den Stadtkämmerer zu zahlende Kontribution von fast einer halben Million Taler. In Preußen hatte eine 1787 eingesetzte Kommission zwar die Rechtsstellung der Juden erörtert, doch blieben die Verhandlungen ohne greifbaren Erfolg. Erst unter der Vorherrschaft Napoleons gelang der Durchbruch. Die Städteordnung vom 19. November 1808 hob den Zunftzwang auf und garantierte allen Bürgern die Gewerbefreiheit, unabhängig von Stand, Geburt oder Religion. Die Hardenberg’schen Gesetze vom 2. November 1810 und vom 7. September 1811 befestigten diesen Weg.

Die neuen Gesetze ergossen über die Bürger Preußens »eine Wohltat, die von den Regierenden gewährt, nicht vom Volke selbst stürmisch gefordert« worden war, wie der Historiker Friedrich Meinecke feststellte. Sie setzten Unternehmensgeist, Wettbewerb und Kapitalien in Bewegung. Jedoch erschienen die wirtschaftlichen Konsequenzen den meisten deutschen Christen »als Plage«, und die Reform »ist heftig bekämpft worden von denen, denen sie zugutekommen sollte«.

Anders die Juden.
Sie nahmen die Gewerbefreiheit als Aufforderung zum wirtschaftlichen Aufbruch. Zwar durften sie nicht Apotheker werden und keine öffentlichen Waagen betreiben – das stabilisierte alte Ressentiments -, doch bedeutete es für den weiteren Verlauf nichts, und schon zu diesem frühen Zeitpunkt entstand eine besondere deutsche Konstellation: Die Fortschrittsfreude der meisten Juden stand gegen die Fortschrittsscheu der meisten Christen, die Freiheitslust der einen gegen die Freiheitsangst der anderen, jüdischer Unternehmergeist gegen christlichen Untertanengeist.

Formuliert und durchgesetzt hatte die für die wirtschaftliche Emanzipation der Juden so wichtige preußische Städteordnung Reichsfreiherr Karl vom und zum Stein. Acht Jahre später, 1816, dachte derselbe vom Stein laut darüber nach, die Juden auszuweisen, um mit ihnen »die Nordküste Afrikas (zu) bevölkern«. Wie passte das in ein und denselben deutschen Reformerkopf? Vom Stein konnte Juden noch nie leiden. Ihre wirtschaftliche Gleichstellung bewirkte er nebenbei, aus Gründen der Systematik und unter den Vorzeichen der französischen Besatzung.
Nach der Niederlage Napoleons, nach dem Wiedererstarken der dynastischen Mächte und im warmen Strom des Zeitgeistes folgte er dann den Ideen der nationalen Reinheit und des christlichen, von Gottes Gnaden legitimierten Königtums. In dieser Zeit warnte er häufig vor jenen Gefahren, die von einem »Aggregat von Gesindel, Juden, neuen Reichen, phantastischen Gelehrten« ausgehen und dazu führen würden, die aus der Leibeigenschaft befreiten Bauern in »die Hörigkeit an die Juden und an die Wucherer« fallen zu lassen. Vom Stein sprach von der »Verderblichkeit der jüdischen Horde« und forderte, »alle vernünftigen Leute müssen sich vereinigen«, um diese »zu bekämpfen«. Jüdischen Bankiers unterstellte er 1823 generell, dass »deren List, Beharrlichkeit, nationaler Zusammenhang, Mangel an Ehrgefühl, wenn es auf Befriedigung der Habsucht ankam, in jedem Staat verderblich ist und besonders nachteilig auf die Beamtenwelt wirkt«

Kurz vor dem Ende des preußischen Reformfrühlings Unterzeichnete Friedrich Wilhelm III. am 7. Juli 1812 das von Wilhelm von Humboldt vorbereitete Edikt »betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden«. Staatskanzler Hardenberg hatte es gegen den »zähen Widerstand seines Monarchen« durchgesetzt und gab es den Juden »mit Vergnügen« bekannt. Diesen erschien es »als der vollständigste Freiheitsbrief«, und sie feierten das Gesetz »mit unendlichem Jubel«.
Es verhalf den altpreußischen Juden zur Staatsbürgerschaft, zur Wehrwürde und sicherte ihnen die Wirtschaftsfreiheit, einschließlich des Rechts zum Kauf und Besitz von Grundstücken
zu. Vom Offiziersstand blieben sie ausgeschlossen, auch begrenzte das Gesetz den Zutritt zu Staats- und Wahlfunktionen. Nach Paragraph 3 mussten sie sich Nachnamen zulegen. Die einen wählten alte jüdische Namen (Levi, Cohn), andere ihre Herkunftsorte zum Nachnamen (Bamberger, Sinzheimer), wieder andere bekamen von Amts wegen Spottnamen zugeteilt, die ihnen der »grausame Volkshumor der Germanen angehängt hatte« (Wolf, Kuh), nicht wenige huldigten dem romantischen, der Natur zugewandten Zeitgeschmack und nannten sich Feilchenfeld, Silberklang, Rosenzweig, Lichtblau oder Blumenthal.

In der dem Wiener Kongress von 1814/15 folgenden Ära der Restauration zog die preußische Regierung die noch bestehenden Restriktionen etwas enger, 1822 versperrte sie jüdischen Staatsbürgern den Lehrerberuf »wegen der bei Ausführung sich zeigenden Misshelligkeiten«. In den unruhigen Jahrzehnten zwischen 1830 und 1849 lockerte Preußen einige Beschränkungen für Juden. Den rechtlichen Abschluss fand die Emanzipation in den deutschen Teilstaaten nach 1860. Die beiden maßgeblichen Sätze des Gesetzes »betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen«, das seit dem 3. Juli 1869 für den Norddeutschen Bund und seit 1871 für ganz
Deutschland galt, lauten: »Alle noch bestehenden, aus der Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses hergeleiteten Beschränkungen der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte werden hierdurch aufgehoben. Insbesondere soll die Befähigung zur Teilnahme an der Gemeinde- und Landesvertretung und zur Bekleidung öffentlicher Ämter vom religiösen Bekenntnis unabhängig sein.«

Vergleicht man die Judenemanzipation in Deutschland nicht mit der in Frankreich, sondern mit der im damals unmittelbar angrenzenden Russland, das große Teile des heutigen Polen einschloss, dann schritt sie rasch voran. Für die in ihrer Bewegungsfreiheit stark reglementierten, immer wieder Pogromen ausgesetzten Juden des russischen Reichs bot der benachbarte preußische Westen seit 1812 ein fast paradiesisches Maß an Rechtsgarantien und Lebenschancen. Die autokratischen Regierungen der deutschen Teilstaaten traten antijüdischer Gewalt entgegen. Soziale Unruhen und eben auch Judenpogrome verstanden sie als Angriffe auf die herrschende Ordnung – deshalb, nicht aus besonderer Sympathie mit den Angegriffenen, schickten sie Soldaten, um solche Volksbewegungen zu unterdrücken.
Nach bescheidenen Anfängen um 1870 ging die Bereitschaft, Juden in den öffentlichen und in den höheren militärischen Dienst aufzunehmen, von 1880 an wieder zurück. Im Jahr 1900 befanden sich in den meisten staatlichen Verwaltungen keine Juden mehr, wie Paul Nathan feststellte. Nathan gehörte zu den herausragenden jüdischen Verbandspolitikern der späten Kaiserzeit und verstand sich als entschlossener Widerpart zu dem seit 1880 auflodernden Antisemitismus.

1901 musste der preußische Justizminister Karl Heinrich Schönstedt im
Abgeordnetenhaus erklären, warum er auf konservativen Druck hin keine jüdischen Notare mehr ernenne. Er rechtfertigte das mit dem Hinweis, die Justizverwaltung sei immerhin die einzige, »in der überhaupt jüdische Assessoren angestellt« würden: »Alle anderen Verwaltungen lehnen es ab, jüdische Herren zu übernehmen.« Im preußischen Heer diente damals nicht ein Berufsoffizier jüdischer Religion, seit 1886 war kein Jude mehr zum Reserveoffizier befördert worden.
1911 suchte der Generalsekretär des Verbands Deutscher Juden, Max Loewenthal, abermals nach jüdischen Offizieren im preußischen Heer. Vergeblich. Einen Hauptmann Dreyfus, der im französischen Generalstab diente und aus antisemitischen Motiven des Verrats bezichtigt, degradiert und verbannt wurde, konnte es in Deutschland nicht geben…

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Warum die Deutschen? Warum die Juden?
Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800-1933

Götz Aly

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3 comments to Gleichheitssucht und Freiheitsangst

  • Sebastian

    Ein großartiges Buch!

  • Adi Golbach

    Guten Tag, interessanter Aufsatz, doch leider sehr einseitig. Von einer historischen Abhandlung eines Juden über Freiheit und Gleichheit hätte ich mir zB auch einen Blick auf den altjudäischen Egalisierungsmechanismus des Jobeljahres gewünscht, bei dem alle 50 Jahre ein Schuldenerlass gewährt wurde. Dann wäre vielleicht herausgearbeitet worden, dass die leichtfertig verteufelte Gleichmacherei auch eine wichtige Funktion für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft hat und dass Neid dabei eine wichtige soziale Bedeutung hat, um die durch ungleiche Einkommen und Vermögen aufgebauten politischen Spannungen aufzulösen. Vergleichbar der Angst ist auch der Neid eine zurecht unangenehme weil auf diese Weise zur Reaktion zwingende und somit wertvolle Emotion. Die politisch wichtige Frage ist, wie man damit umgeht. Ähnlich der unbeherrschten Angst ist auch der unbeherrschte Neid gefährlich. Werden diese Gefühle jedoch nicht unterdrückt sondern als Warnsignale ernst genommen, sind sie wichtige Steuerungsmechanismen. Natürlich brauchen wir keine Rückkehr zum Jobeljahr,es gibt heute intelligentere Egalisierungsmechanismen wie Einkommens- und Vermögenssteuern sowie Monopolkontrollen zur Begrenzung politischer und medialer Macht, wenngleich diese Instrumente auch bisher noch recht ungeschickt und nicht konsequent eingesetzt werden. Egalisierung mit „Gleichheitswahn und Freiheitsangst“ abzutun, wird jedenfalls den realen Gefahren, die mit einer einseitig verstandenen individuellen Freiheit zur Akkumulation von Vermögen und politischer Macht verbunden sind, nicht gerecht. Ich bitte Sie, Herr Aly, darüber einmal nachzudenken und wünsche Ihnen nun ein gutes neues Jahr 2014.
    Adi Golbach, Berlin

  • Sebastian

    Hier noch eine kleine Anekdote aus Wikipedia über David Hilbert (deutscher Mathemetiker (Hilbertraum, wem das was sagt)).

    Zitat:

    „Hilbert musste mitansehen, wie die weltberühmte mathematische und physikalische Tradition der Göttinger Universität durch die Nationalsozialisten nach ihrer Machtübernahme rücksichtslos zerstört wurde. Sogenannte „Nicht-Arier“ wie Edmund Landau, Richard Courant, Max Born, Felix Bernstein, Emmy Noether, Otto Blumenthal und politisch Andersdenkende wie Hermann Weyl wurden zur Aufgabe ihrer Tätigkeit genötigt oder in die Emigration gezwungen.[29] Als Hilbert bei einem Bankett 1934 von dem neuen preußischen Unterrichtsminister Bernhard Rust gefragt wurde, ob es denn stimme, dass sein Institut „unter dem Weggang der Juden und Judenfreunde“ gelitten habe, erwiderte dieser: „Das Institut – das gibt es doch gar nicht mehr!“[30])“

    siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/David_Hilbert