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Paul Parins Lesereise

„Die Reise, von der ich berichte, liegt beinahe vierzig Jahre zurück. Ich fuhr von Prijedor in Nordbosnien nach Belgrad. (…) In Triest, das damals von alliierten Truppen besetzt war, gab es einen kurzen Aufenthalt. Dann ging es weiter über Mailand nach Zürich; dort wollte ich meine psychoanalytische Ausbildung beginnen. Der Weg war von Erlebnissen und heftigen Gefühlen begleitet, von denen ich heute die Motive ableite, die mich zur Psychoanalyse gedrängt haben. Stationen der Reise lassen sich als Orte einer Entwicklung beschreiben, die zur Psychoanalyse führt“…

Von Roland Kaufhold

Der Leser mag es erahnen: Hier erinnert sich Paul Parin, Schweizer Psychoanalytiker und vielfach preisgekrönter Schriftsteller, im Rückblick auf ein langes, außergewöhnlich produktives Leben. Dieses Jahr ist er 90 Jahre alt geworden, und noch immer lebt er in der Wohnung, in welcher er bereits vor einem halben Jahrhundert, seinerzeit noch gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Goldy Parin-Matthéy sowie Fritz Morgenthaler, eine Gemeinschaftspraxis in Zürich betrieb.

In seinem 1986 verfassten autobiographischen Essay „Kurzer Aufenthalt in Triest oder Koordinaten der Psychoanalyse“ fließen in außergewöhnlich dichter, zeitloser Weise Autobiographie, psychoanalytische Selbstreflexion sowie sprachliche Darstellungskunst zusammen.

Der Beitrag ist in den Band „Lesereise 1955 bis 2005“ aufgenommen worden, in dem  einige bereits früher veröffentlichte theoretische, biographische sowie klinische Beiträge Parins versammelt sind, gemeinsam mit weiteren kleinen, bisher  unveröffentlichten literarischen Stücken aus den Jahren 2002 bis 2005.

Es wird wohl sein letztes Buch bleiben: Vor einem Jahr ist Paul Parin erblindet. Seine rechtzeitig zum Geburtstag fertig gestellte, 50 Jahre umspannende „Lesereise“ wurde von Traute Hensch herausgegeben; sie durfte sein Archiv durchsehen. Ein Vorwort mochte Paul Parin wohl nicht mehr auf ein Tonband diktieren.

1980 war der Psychoanalytiker Paul Parin mit seinem literarischen Erstlingswerk „Jahre in Slowenien“ auch zum Schriftsteller geworden. Zehn Jahre später schloss er aus Altersgründen seine psychoanalytische Praxis; im gleichen Jahr erschien sein vielleicht bedeutsamstes Werk – „Es ist Krieg und wir gehen hin“ – sein Erinnerungsbuch an die  Zeit als antifaschistischer, anarchistisch-sozialistisch motivierter Arzt bei den jugoslawischen Partisanen. Seine unmittelbare Konfrontation mit dem Krieg, mit der menschlichen Fähigkeit zu grenzenloser Grausamkeit, weckte sein leidenschaftliches Interesse an einer zivilisationskritischen Perspektive der Freudschen Schriften. Diese hat er in mehreren Büchern, u.a. in „Subjekt im Widerspruch„, entfaltet.

In den folgenden Jahren publizierte Paul Parin zahlreiche psychoanalytisch und autobiographisch inspirierten Erzählungen. 1997, nach dem Tod seiner Lebensgefährtin Goldy Parin-Matthéy, schien er kurzzeitig zu resignieren. Die Trauer erschien übermächtig. Seine Zuneigung zu Freunden gab ihm wieder Lebensmut. Er veröffentlichte literarische Erzählungen, die er als einen Epilog zu ihrem langen gemeinsamen Leben versteht.

2003 erschien seine aufrührende Essaysammlung „Die Leidenschaft des Jägers„, eine Zusammenstellung literarischer Stücke, in welchen die menschliche Sexualität in verstörend direkter Weise angesprochen und in ihrer kulturkritischen Perspektive entfaltet wird. 2004 folgte eine von J. Reichmayr zusammengestellte CD „Paul Parin: Psychoanalyse, Ethnopsychoanalyse, Kulturkritik„, welche 242 Veröffentlichungen Parins aus den Jahren 1948 bis 2001 enthält – ein zeitgeschichtliches Juwel. 2005 publizierte Parin mit dem schmalen Band „Das Katzenkonzil“ weitere Erzählungen, in welchen er zentrale Themen seines Lebens aufgreift und literarisch verdichtet. Immer wieder kreisen sie um seine Liebe zu Goldy, wie auch um seine Erinnerungen an gute Freunde.

Paul Parins „Lesereise“ versammelt einige sehr kurze wie auch bis zu knapp 40 Seiten lange Beiträge, in welchen sich noch einmal die Spannbreite seines wissenschaftlichen und schriftstellerischen Schaffens widerspiegelt: Es findet sich hierin der umfangreiche theoretische Beitrag „Psychoanalyse und politische Macht“, in welchem eine Ideologiekritik verschiedener Staatssysteme beschrieben wird, verbunden mit einer Beschreibung verschiedener Formen kollektiv projektiver Identifikationen. In einem weiteren, gut lesbaren Beitrag beschreibt Parin seine erste, 1950/51 durchgeführte Behandlung einer schweren Sexualstörung, welcher ein 40 Jahre später verfasster Kommentar beigefügt wird. Parins „klassische“ Deutungsmethode ist gut nachvollziehbar.

In „Der alte Mann und der Krieg“ setzt sich der zu diesem Zeitpunkt 87jährige Parin in gewohnt kritischer Grundhaltung mit den USA im Irakkrieg auseinander. Exemplarisch für seinen Schreibstil sein Einstieg ins Thema: „Der angekündigte und längst geplante Krieg der USA gegen den Irak war in bedrohliche Nähe gerückt. Weltweit gingen Millionen auf die Straße. (…) Ich lag mit Grippe im Bett. Jetzt kann ich wieder schreiben. Die Waffen schweigen nicht. Doch werden Stimmen laut: der Erleichterung, der Kritik, der Skepsis, der Angst vor dem, wie es weitergeht, der Wut usw. Es fehlt die Stimme eines Alten. Ich bin wieder da. Ich protestiere, also bin ich.“ (S. 139)

In dem einführend zitierten Essay „Kurzer Aufenthalt in Triest“ zeichnet Parin seinen Weg hin zur Psychoanalyse nach – geographisch, und zugleich biographisch.  Seine „höchst persönliche(n) Erlebnisse“ (S. 13) auf dem Rückweg von Bosnien  nach Zürich 1945 dienen ihm dazu, „die Psychoanalyse als kulturelles Phänomen“ zu veranschaulichen. Nach ihrem glücklich-romantischen Engagement als Antifaschisten drohte den Parins der „soziale Tod“: Nun, nach der Niederlage der Nationalsozialisten, waren sie als Aktivisten nicht mehr gefragt. An die Stelle der Partisanenarmee traten binnen kürzester Zeit Funktionäre mit bürokratischen Machtinteressen. „Nach dem Sieg waren wir überflüssig.“ (S. 15) Und: „Das Subversive musste in den Untergrund.“ (S. 48) Es gelang Paul Parin, die von Trauer begleitete Trennung vom Ideal, die „Wut aus Enttäuschung über die jugoslawischen Genossen“ (S. 24), in der Bewegung der Rückreise kreativ umzuformen. Die psychoanalytische Ausbildung war nun ein Ziel, für das einzusetzen sich lohnte. Er war nicht mehr auf die bedingungslose Solidarität seiner früheren Mitkämpfer angewiesen. Er war frei. Parin leitet hieraus eine psychoanalytische Grundhaltung ab: „Nur der aktive Verzicht auf das Gefühl emotioneller Geborgenheit macht Psychoanalyse möglich.“ (S. 24) Parin vermochte während ihrer waghalsigen Rückreise aus den kriegerischen Verhältnissen, inspiriert durch manische Hochgefühle, Grenzen zu überwinden, die als unüberwindbar erscheinen mussten – äußerlich und innerlich: „Das Überschreiten von Grenzen ohne Pass, die besondere Stimmung, in der ich auf die Reise ging, habe ich seither oft erlebt, als Analytiker in `guten´ Analysestunden.“ (S. 29) Das hiermit einhergehende Hochgefühl erleichterte es ihm später immer wieder, auch schwierigere Gefühle besser zu ertragen. Die Mischung aus  realer und phantasierter Angst, leidenschaftlicher Entdeckerfreude – welche er an Sigmund Freud so sehr bewunderte (S. 20) – aber auch mitunter  illusionären, selbstgefährdenden Fehleinschätzungen, begegnen wir in Parins kurzen Erzählungen. In „Lieber Henry…“ schreibt ein Journalist, der in einem diktatorischen Land tätig ist, einem Freund. Er berichtet über seine beruflichen Erfahrungen in diesem gefährlichen Land, seine eigenen professionellen Sicherheitsvorkehrungen. Ob der Brief seinen Adressaten erreicht, ob der Protagonist seine Tätigkeit überlebt, bleibt ungewiss. In den Beiträgen „Kalahari. Rituale“ sowie „Loki und Die Glut“ greift Parin erneut das Thema der Jagdlust sowie der Jagdrituale in historisch-kulturkritischer Perspektive auf. Die „Doppelnatur“ (S. 134) des Menschen, einschließlich seiner zutiefst zerstörerischen Neigungen, wird beleuchtet. In dem der japanischen Erzähltradition nachempfundenen kurzen Text „Kosova Haiku“ erinnert Parin uns an unsere Gleichgültigkeit gegenüber der fortgesetzten Unterdrückung der Kosovoalbaner: „Herbst / Drei Söhne dürfen / nicht pflügen / ein Sohn ist / das Opfer der Mine.“ (S. 10)

Die Erzählung „Lebensroman eines Truthahnjägers“ beschreibt das Überleben eines jüdischen Jungen aus der Perspektive dieses Kindes. Er wird nach einer verzweifelten Flucht, während der er, auf sich selbst gestellt, in der Wildnis überlebt, von den jugoslawischen Partisanen gefunden. Man fühlt sich an das tragische Schicksal seines Jugendfreundes Gvic erinnert.

In dem Beitrag „Gibt es ein Leben hinter der Couch?“ erklärt  Parin das Leben als einen konflikthaften, häufig unbewussten Prozess, den schrittweise analytisch zu erhellen ihm niemals als eine langweilige, auch nicht als eine belastende Tätigkeit erschienen sei. Die Einheit von Forschen und Heilen war für ihn eine motivierende, wissenschaftlich stimulierende Methode – weshalb er auch nie vom „klassischen“ Freudschen Verfahren abgewichen sei. An die Stelle des „Heilungswunsches“, so beschreibt es Parin, trete im Prozess der analytischen Ausbildung schrittweise der Wunsch zu verstehen. Da die Psychoanalyse ein zutiefst persönlicher Prozess sei,  habe er in seinen Schriften bereits sehr früh begonnen, von sich selbst zu sprechen und über seine eigenen Erfahrungen zu schreiben. Parin betont:
„Es hat sich herausgestellt, dass die Wiederherstellung eines Lebensromans Erleichterung, ja Heilung von subjektivem Leiden bringt. `Neurotisches in gemeines Elend verwandeln´, das leistet die Psychoanalyse. Wenn das gelingt, wird es nicht ausbleiben, dass die condition humaine erträglicher wird, Konflikte entspannter und neue Möglichkeiten zum Bestehen der wichtigsten Lebensschwierigkeiten gefunden werden. Ob man dies Heilung nennen will?“ (S. 174)

Sein eigenes Wirken kennzeichnet Parin, in Abgrenzung zu den „mystische Erlösung“, „Transzendenz“ (S. 180) suchenden Schriften seines Schweizer Kollegen C. G. Jung, als radikal antireligiös und aufklärerisch: „Ich war ein Psychoanalytiker ohne den Anspruch, ein Guru zu sein; ein geheimnisvolles Wissen um das Numinose, das Wesen der Dinge oder einen Glauben an eine transzendente Wahrheit habe ich nicht gehabt und nie vermisst.“ (S. 181)

Paul Parins „Lesereise“ ist eine Einladung, sich noch einmal mit dem tiefgründigen, weitgefächerten Wirken dieses außergewöhnlich produktiven Wissenschaftlers, Psychoanalytikers und Erzählers auseinanderzusetzen. Paul Parin hat vielen von uns mehr geschenkt, als wir zurückzugeben vermochten.

Paul Parin: Lesereise 1955 bis 2005. Berlin 2006 (Edition Freitag) Herausgegeben von Traute Hensch. 185 S., Euro 17,80.

Diese Buchbesprechung ist zuvor erschienen in Psyche 11/2007. Wir danken dem Autor Roland Kaufhold und der Redaktion der Psyche für die freundlich erteilte Nachdruckgenehmigung.

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