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Noch ein Leben

Der Schweizer Psychoanalytiker Paul Parin gehört zweifelsohne zu den scharfsinnigsten und streitbarsten Analytikern der Gegenwart. Bekannt wurde er vor allem durch seine ethnopsychoanalytischen Studien – etwa Die Weißen denken zu viel – , wie auch durch seine zahlreichen Aufsätze zu aktuellen psychoanalytischen, sozi­okulturellen und politischen Themen. In den letzten Jahren tritt Parin auch als Schriftsteller hervor, so in seiner autobiographi­schen Erzählung Untrügliche Zeichen von Veränderung

Von Roland Kaufhold

Psychoanalytisch fundierte Erhellung des individuellen Leidens und gesellschaftskritische Erhellung kollektiver Prozesse und Denkeinschränkungen bilden für ihn ein unauflösbares Wechselgeflecht, eine Identität. Die Freudsche Kulturkritik stellt für Parin einen unverzichtbaren Kern des Freudschen Erbes dar. Das Individuelle ist für ihn immer auch politisch.

Vom größten Teil seiner psychoanalytischen Berufskollegen dürf­te er als störender, lästiger Stachel im Fleisch empfunden werden. Dies um so mehr, als er die psychoanalytische Methode bevorzugt auch auf seinen eigenen Berufsstand anwendet und eine selbstverschuldete Selbstbeschädigung des Freudschen Erbes durch erstarrte psychoanalyti­sche Standesorganisation postuliert und anklagt.

74-jährig hat Paul Parin ein neues Buch verfasst: Noch ein Leben. Eine Erzählung. Zwei Versuche ist der Titel dieser Schrift, in der sich seine skizzierten vielfältigen Interessen und Forschungen gebündelt wiederfinden. Das Buch umfasst eine Erzählung sowie zwei theoretische Abhand­lungen, die sich auf wesentliche Aspekte dieser Erzählung bezie­hen. Literatur und psychoanalytische Reflexion werden von Paul Parin als sich ergänzende Teile eines wissenschaftlichen Erkenntnis- und Aufklärungsprozes­ses verwendet.

Die Erzählung Noch ein Leben handelt vom Partisanenkrieg in Mailand 1944: Der Protagonist, ein junger Arbeiter, erschießt im Auftrag seiner Genossen einen vermeintlichen faschistischen Agen­ten. Daraufhin muss er mit Unterstützung der Partei untertauchen: Um sein Leben zu retten muss er den sozialen Tod erleiden. Immer wieder begegnet ihm eine Frau, La Gioconda, an die sich seine Phantasie bindet und die ihn Weiterleben lässt. Ihr Phantasma wird ein Teil von ihm, sein bester lebendiger Teil, für den er kämpft.

Unklar bleibt, ob die Tat ein Akt des Widerstandskampfes war oder aber ein gewöhnlicher Mord. Das Aufschreiben des Textes stellt für den Protagonisten eine Verarbeitungsform dar, um seine psychosoma­tischen Beschwernisse loszuwerden. Dieses Leben hätte auch das Leben des antifaschistischen Widerstandskämpfers Paul Parin sein können.

Der Titel der Erzählung Noch ein Leben ist vieldeutig: War dies überhaupt noch ein Leben, unter so extremen Verhältnissen? Oder wurde der Protagonist durch die Ereignisse genötigt, sich mit Energie und Phantasie ein zweites Leben aufzubauen?

Ein Motiv für die Erschießung des vermeintlichen faschistischen Agen­ten bildete das Bedürfnis nach Vergeltung. Dieses Bedürfnis sei „unserer Kultur inhärent“ (S. 8), durchdringe unsere Institutionen wie auch unser Fühlen, Denken und Handeln. Diesem Thema geht Paul Parin in seinem die Erzählung begleitenden ersten Essay Alles was Recht ist nach.

Ausgangspunkt seines kulturkritisch angelegten Essays bilden seine ethnopsychoanalytischen Erfahrungen: Während wir „Westler“ jederzeit zu wissen glauben, „was recht ist“, während unser ge­sam­tes Rechts­system wie auch das internationale Abschreckungssys­tem – implizit oder explizit – vom Thema der Vergeltung durchdrungen sei, sei dieses Gefühl anderen Kulturen unver­ständlich und fremd. Parin führt eigene Erfahrungen an: So habe er wenige Monate nach der politischen Unabhängigkeit Malis mit einem angese­henen Pflanzer in einem malischen Dorf zu­sammen ge­sessen und in einiger Entfernung einen bewaffneten Gendarmen auf sich zukommen sehen. Die koloniale Gendarmerie war damals vom neuen Staat vollständig übernommen worden und hatte auch da­nach noch im Land hemmungslos gewütet. Parins Freund wollte den Gendar­men einladen, während Parin selbst immer noch jedem Gendarmen ge­genüber Rachegefühle empfand. Sein Freund brauchte einige Zeit, um sich in ihn einzufühlen. Ihre unterschiedlichen Gefühle erklärte dieser s­chließlich mit den Worten: „Vielleicht ist es gut, dass Sie so empfinden. Ich kann das nicht. Wenn man mir Übles antut, schla­ge ich zurück. Wer mir nichts Böses antut, den kann ich nicht has­sen!“ (S.87)

Die Dogon könnten Ra­chegefühle in sich nicht aufbe­wahren, weil ihnen die uns scheinbar angeborene Fähigkeit fehle, Aggres­sionen so lange zurückzuhalten, bis uns Vergeltung möglich sei.

Diese ethnopsychoanalytische Erkenntnis wendet Parin nun in kultur- und ideologiekritischer Intention an: Wir Europäer würden unsere Affekte kalt, rational, objektiv-sachlich ausüben, ohne unsere eigenen Rachegefü­hle hierbei überhaupt wahrzunehmen. Vergel­tung selbst, in einer unmittelbaren Tat auszuüben sei uns wegen der weit über uns stehenden Insti­tutionen Kirche und Rechtspflege verboten. Diese Inst­itutionen wüssten, was Recht ist:

Das Menschenkind darf nicht selber Vergeltung üben, soll seinem Nächsten verzeihen, wenn nicht gar lieben. Verzeihung dürfe man auch nicht vom einzelnen schwachen Menschlein erwarten: „Nur die christliche Kirche allein weiß, wie statt der Vergeltung Vergebung zu finden ist“ (S. 89). Selbst das Jenseits sei nicht frei von Vergeltung: Die Höllenfeuer warteten.

Aus psychoanalytischer Sicht erscheint Parin die Chance für ein wirkliches Verzeihen als äußert gering: Im Unbewussten gibt es kein Verzeihen, wie Parin unter Verweis auf Theodor Reiks 1929 veröffentlichte Studie „Verzeihung und Rache“ betont. Wir seien erst zum Verzeihen bereit, nachdem wir uns gerächt hätten.

Diese Erkenntnis wendet Paul Parin auch auf die Institution Kirche und Justiz an: Die Justiz erscheine gemeinhin als „unabhängig, sauber abgetrennt von Rachegefühlen und der Anmaßung der Macht“ (S. 91). Parin hingegen ist der Überzeugung, dass die Justiz – allem ober­flächlichen Schein zum Trotz – dazu dient, Vergeltung zu rechtfertigen. Hierin stehe unsere Rechtsordnung – so Parins These – der Sharia, dem islamischen Recht der Fundamentali­sten näher „als der alten menschlichen und sozialen Ordnung der West­afrika­ner“ (S.98). Diesen seien Begriffe wie Strafe und Sühne fremd.

Diesen Gedanken führt Parin konsequent weiter. Er ver­deutlicht, dass sich ein Überhang an Ressentiments gleichermaßen auf Rechtspfleger wie auch auf Rechtsbrecher senke. Als Ver­schiebungsersatz für diese mächtigen Gefühle dienten einerseits fremde wie auch uns bekannte, jedoch schwächere Gegner. Ob nun AIDS, Drogenmissbrauch, Kommunismus, militärische Bedrohung oder Terrorismus – alle diese Bedro­hungen hätten zwar einen realen Bedrohungskern, der jedoch in keinem Verhältnis zur realen Gefahr stünde. Unter dem Druck einer kollektiven projektiven Phantasie werde die Wirklichkeit zwar wahrgenommen, jedoch gleichzeitig illusionär umgedeutet. Solche projektiven Identifikationen entstünden – so Parins gesellschaftskritische Erkenntnis – nicht spontan, sondern würden ge­zielt gesteuert. Sie bewirkten ideologische Verblendung und seien somit  Instrumente der Herrschaftssicherung.

Der zweite Essay dieses Buches – Der nationalen Schande zu begegnen – beinhaltet einen Vergleich zwischen der deutschen und der italienischen Kul­tur, unter dem besonderen Aspekt, wie die faschistische Vergangen­heit von diesen beiden Völkern auf sehr unterschiedliche Weise „bewältigt“ wurde. Parin versucht zu eruieren, „warum Italien zu seiner faschistischen Vergangenheit so anders steht als die deutsche Bundesrepublik zum Nationalsozialismus“ (S. 8). Er erinnert an Margarete und Alexander Mitscherlichs Studie Die Unfähigkeit zu Trauern, verweist als zusätzliches Erkenntnisinstrument auch noch auf seine ethnopsychoanalytische Methode. Eine Verknüpfung zwischen kultureller und psychoanalytischer Kritik sei legitim. Sein vorrangiges Erkenntnisinteresse sei zu diskutieren, „was der Verleugnung entgegenwirkt und durch welche kulturellen Prozesse das `Vergessen´ der Vergangenheit rückgängig gemacht werden kann“ (S. 123).

Parin führt zahlreiche Beispiele für diese divergierenden  Um­gangs- und Verarbeitungsfor­men zwischen Italien und Deutschland an: Während in Italien am 8. Mai 1945 „kein gottähnliches Ideal zerschlagen“ (S. 128) werden musste, sei in Deutschland „eine Nei­gung zur Abwendung von der Vergangenheit, zur Vermeidung der Erin­nerung“ (S. 124) überdeutlich. Diese habe sich „zur affektiven Seelenblindheit für die gemachten Erfahrungen und zum totalen Vergessen, zur Amnesie“ (ebd.) verstärkt.

Bloßer Protest oder rationale Aufklärung allein reicht nicht aus, um die­ser „unbewußte(n) Fixierung am externalisierten faschisti­schen Ideal“ (S. 125) entgegen zu wirken. Als eine Möglichkeit zur Aktivierung aufarbeitender Prozesse bezieht sich Parin auf Winni­cotts Begriff vom „cultural experience„: Kulturelle Erfahrungen, das Erleben von Kultur könne eine Milderung der Scham, eine Verar­beitung der gemachten Erfahrungen ermöglichen – durch diese könne die Fähigkeit zum Trauern wiederhergestellt werden. Dies erscheint Parin als die adäquateste Möglichkeit, der nationalen Schande zu begegnen; die verinnerlichte Ideologie der Nazijahre zum Tanzen zu bringen und damit aufzulösen.

Parins Erzählung erscheint mir als eine konkrete Umsetzung seiner Erfahrungen und Einsichten. So wie Parin in seiner Erzählung Un­trügliche Zeichen von Veränderung von seinen Erfahrungen als Wider­standskämp­fer des jugoslawischen  Untergrundes berichtet, so wer­den in seiner Er­zählung Noch ein Leben seinem Protagonisten u.a. über die Lekt­üre des Romans „Uomini e no“ des italienischen S­chriftstellers Elio Vittorini sowie der von ihm 1945 gegründeten Zeitschrift „Il politecnico“  die Augen geöffnet; er wird in eine neue Existenz, in sein „zweites Leben“ gestoßen.

Diesen Aspekt greift Parin in dem Essay „Der nationalen Schande zu begegnen“ erneut auf: Er entfaltet exemplarisch für die unter­schiedlichen kulturellen Verarbeitungsformen in Italien und in Deutschland die Bedeutung des italienischen Schriftstellers Elio Vittorini: Dieser Dichter gibt den Männern und Frauen ihre eigene Sprache wieder, „eine Sprache, die neu scheint, obwohl jedermann sie spricht. Mit dem Instrument dieser Sprache hat der Dichter der Rede einen neuen Sinn gegeben, sie enthält Widerspru­ch, sie treibt den Konflikt mit den Oberen weiter. Lite­ratur ist nicht mehr ein Privileg für die Gebildeten“ (S.142). Parin sieht hierin die Basis für „jene breite Teilnahme an der literarischen Kritik der Kultur“ (S. 143), die nach 1945 in Ita­lien einsetzte – und die er in Deutschland in dieser Eindeutig­keit nicht zu finden vermag.

Bezeichnend ist für Parin in diesem Kontext auch, dass in der deut­schen Übersetzung der Titel „Uomini e no“ mit „Dennoch Menschen“ statt mit der naheliegenden Übersetzung „Menschen und Unmenschen“ wiedergegeben wird. Deshalb betont Parin: Niemand ist Unmensch, weil er ein deutscher Soldat ist oder weil er zur Besatzungsmacht gehört. Jedoch: „Wer sich (…) der unmenschlichen Unterdrückungs­maschine verschrieben hat, ist Unmensch“ (S. 145). Die Botschaft des Romans lautet: Das Persönliche ist immer politisch, das Poli­tische persönlich.

Parin gehört – neben Autoren wie Cremerius, Dahmer, Richter, Ekstein oder Mannoni – zu den wenigen Analytikern, die immer wieder auf die kultur- und gesellschaftskritische Dimension des Freudschen Werkes insistieren und die von schnöder Geschäftstüchtigkeit beschädigte Analyse kritisieren. Eindeutig ist sein Resümee in diesem anregen­den Buch: „Die Vergangenheit versinkt, und Ge­schichtslosigkeit droht sich einzustellen, wo immer es Herrschaft und Beherrschte gibt. Ohne eine Kultur, die ihre Kritik gegen die Machtverhältnisse richtet, ist kein Fortschritt möglich“ (S. 153).

Paul Parin: Noch ein Leben. Eine Erzählung. Zwei Versuche. Gießen 2002 (1990), Euro 9,90, Bestellen?

Diese Rezension ist zuvor erschienen in psychosozial Nr. 49/50 (I/II 1992), S. 193-196. Wir danken dem Autor Roland Kaufhold und dem Psychosozial Verlag für die freundlich erteilte Nachdruckgenehmigung.

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