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Kleines Yad Vashem in Konstanz

Zur Edition Schoáh & Judaica…

Prof. (em.) Dr. Drs. h.c. Erhard Roy Wiehn arbeitet im Fachbereich Geschichte und Soziologie. Die Edition Schoáh & Judaica erscheint im Hartung-Gorre Verlag Konstanz. Der vorliegende Beitrag ist in Bibliothek Aktuell, Nr. 91 (2010) erschienen.

Erste Publikationen seit 1968

Nach etlichen Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträgen seit Ende der 1950er Jahre und während meiner Studienzeit erschien mein erstes soziologisches Fachbuch im Jahre 1968 als Nr. 9 in Prof. Ralf Dahrendorfs Reihe „Studien zur Soziologie“ im Piper Verlag (München) unter dem Titel „Theorien sozialer Schichtung – Eine kritische Diskussion“ als stark verkürzte Version meiner Dissertation von 1967. Es folgten u.a. „Intellektuelle in Politik und Gesellschaft“ (Enke, Stuttgart 1971); „Soziale Wirklichkeit als Herausforderung der Soziologie“ (Piper, München 1975); zusammen mit Karl Ulrich Mayer: „Soziale Schichtung und Mobilität“ (Beck, München 1975). Einige dieser vergriffenen Monographien erschienen dann zusammengefaßt unter dem Titel „Gesammelte Schriften zur Soziologie I“ (Hartung-Gorre, Konstanz 1986) und „Gesammelte Schriften zur Soziologie II“ (Hartung-Gorre Verlag 1987). Meine Art von historisch-zeitgeschichtlich angewandter Soziologie erschien als „Kaiserslautern – Leben in einer pfälzischen Stadt“ (Meininger Verlag, Neustadt/Weinstraße 1982, 1056 Seiten), der Versuch der Gesamtgeschichte einer Stadt von den Anfängen bis 1982, eine Mischung von Deskription und Analyse, welche auch Unterhaltungswert haben und für alle verständlich und lesbar sein sollte. Mit Prof. Dr. Horst Baier gebe ich seit 1989 die Konstanzer Schriften zur Sozialwissenschaft heraus, worin vor allem von uns betreute Magisterarbeiten und Dissertationen erschienen sind (2010 mehr als 70 Titel).

Zur Entwicklung der „Edition Schoáh & Judaica“

Mit meiner Schrift „Kaddisch – Totengebet in Polen. Reisegespräche und Zeitzeugnisse gegen Vergessen in Deutschland“ (Verlag Darmstädter Blätter, Darmstadt 1984) begann jedoch etwas anderes und völlig Neues, nämlich die „Edition Schoáh & Judaica“, meine Soziologie sui generis, deren Grundidee darin bestand und besteht, die Opfer der Holocaust-Schoáh selbst zu Wort kommen zu lassen. Meine parallelen eigenen Sammelbände „Gesammelte Schriften zur Schoáh und Judaica“ (1992), „Gewarnt“ (1994), „Keine Entwarnung“ (1997), „Bleibende Warnungen I“ (1999), „Bleibende Warnungen II“ (2004), „Bleibende Warnungen III“ (2007) und „Bleibende Warnungen IV“ (2010) enthalten Artikel, Kolumnen, Vorträge, vor allem aber Vorworte und Einleitungen zu den von mir bearbeiteten und herausgegebenen Schriften zur Schoáh & Judaica.

Hinzu kommen Sammelschriften, die von mir initiierte Vortragsreihen in der Universität Konstanz enthalten, nämlich „Judenfeindschaft“ (1989) und „Juden in der Soziologie“ (1989), aber auch von mir verfaßte oder bearbeitete und herausgegebene Gedenkschriften wie „Novemberpogrom 1938“ (1988 u. 2008), „Oktoberdeportation 1940“ (1990), „Die Schoáh von Babij Jar“ (1991 u. 2001), „Ghetto Warschau“ (1993), „Totengebet – 60 Jahre Beginn des Zweiten Weltkriegs und der Schoáh in Polen“ (1999), „Camp de Gurs“ (2000 u. 2010), „Zum Reichspogrom 1938 – Die Ereignisse in Konstanz 70 Jahre danach zum Gedenken“ (2008) und „Jüdische Gemeinde Kreuzlingen – 70 Jahre Geschichte, Erinnerungen, Dokumente“ (2009).

Trotz oder gerade angesichts von derzeit 230 Titeln (Mai 2010; im ersten Halbjahr 2010 genau 10 neue Titel) der „Edition Schoáh & Judaica“ zeigt sich indessen die Unmöglichkeit unseres Unterfangens, das schwarze Mosaik jüdischer Schicksale in Europa auch nur annähernd wenigstens „idealtypisch“ vervollständigen zu können. Wichtig bleibt dennoch, unbedingt weiter gegen das Vergessen zu arbeiten; denn jedes dokumentierte Schicksal ist ein vergessenes Schicksal weniger. Immerhin haben wir inzwischen jüdische Schicksale fast aus dem ganzen damals deutschbesetzten und deutschbeherrschten Europa verewigt.

Besonders freue ich mich darüber, dass wir eine ganze Reihe von Büchern publizieren konnte, welche die heute schon fast vergessene, neuerdings vielen Diskreditierungen und Verfälschungen ausgesetzte, äußerst mühsame jüdische Pionierarbeit der 1930er Jahre in Erez Israel bzw. im damaligen Palästina beschreiben. Denn die Holocaust-Schoáh war zwar das grausame Ende von Millionen unschuldiger Menschen, nicht aber das Ende jüdischer Hoffnungen und eines schier unglaublichen Überlebens- und Aufbauwillens. Gründung, Aufbau und Überleben des Staates Israel nach zahllosen Gola-Generationen bleibt „eines der abenteuerlichsten Unterfangen der Weltgeschichte“ (F. Dürrenmatt). Daher erscheinen uns Überlebensbiographien besonders wichtig, die im Land und im Staat Israel münden, und zwar gerade angesichts des auch 2010 immer noch andauernden Existenz- und Überlebenskampfes Israels in seinem ureigenen Land.

Unsere Edition heißt „Schoáh & Judaica“ um deutlich zu machen, dass es nicht nur die Holocaust-Schoáh gibt, obgleich diese bei uns entschieden im Zentrum steht, wie es unser Logo symbolisieren mag (siehe Anfang). Wir haben etliche Titel über Essentials des Judentums und zur jüdischen Geschichte publiziert, die zeigen mögen, dass es diesseits und jenseits der Holocaust-Schoáh, natürlich nach wie vor und trotz allem nach einer mehr als 3000-jährigen hebräischjüdisch-israelischen Geschichte ein höchst lebendiges geistig-moralisches Judentum gibt, das gerade eingedenk der Katastrophe zu vergegenwärtigen, mit dem auseinanderzusetzen und das zu tradieren eine ebenso unverzichtbare wie ehrenvolle Pflicht und Aufgabe bleibt.

Buchvorstellungen und Bibliotheken

Kaum jemand kann sich vorstellen, wie viel Arbeit tatsächlich hinter dieser Edition steckt (von den nicht seltenen finanziellen „Klimmzügen“ für die Herstellungskosten einmal ganz abgesehen). Seit 1988 und bis 2002 waren wenigstens zwei Buchvorstellungen pro Jahr im Internationalen Begegnungszentrum der Universität Konstanz (IBZ II) eine schöne Tradition, und zwar jeweils um die ominösen Daten des 8. Mai und des 9. November, manchmal auch bei anderen Gelegenheiten. Häufig sind Autorinnen und Autoren aus dem Ausland gekommen, um ihre bzw. unsere Bücher selbst vorzustellen.

Buchvorstellungen gab es außer in Konstanz auch in Amsterdam, Basel, Bern, Breisach, Budapest, Chernivtsi (Czernowitz, Ukraine), Freiburg, Gera, Iaşi (Rumänien), Kaiserslautern, Kiew, Lafayette College (Easton, P.A./ USA), Kreuzlingen, Lörrach, Mörfelden-Walldorf, Offenburg, Prag, Schermbeck, Suhl, Tel Aviv, Warschau, Wien und Zürich. – Im Katalog „Books on Poland“ der 52. Frankfurter Buchmesse Frankfurt/Main 2000, waren wir mit sieben Titeln vertreten; in „Books on Greece“ der 53. Frankfurter Buchmesse (Frankfurt/Main 2001), fanden sich zwei unserer Titel, in „Books on Lithuania“ 2002 der 54. Frankfurter Buchmesse (Frankfurt 2002) standen drei unserer Bücher, in „Books on Russia“ der Frankfurter Buchmesse 2003 fanden sich fünf unserer Bücher (Frankfurt 2003). Außerdem waren wir auf der Karlsruher Bücherschau (November/Dezember) 2003 im Gastland Polen und in den Stuttgarter Bücherwochen (November/Dezember) 2003 im Gastland Ungarn vertreten. – Im Februar 2001 war fast unsere gesamte „Edition Schoáh & Judaica“ für einen Monat im Goethe-Institut Amsterdam zu sehen.

Auf Einladung der Frankfurter Buchmesse ging im Frühjahr 2001 eine Auswahl unserer Reihe unter dem Titel „Bücher aus Deutschland“ auf Ausstellungsreise nach Bukarest, Moskau und Warschau, etwas später dann nach Budapest, Prag, Sofi a und Tallinn; im Frühsommer 2003 waren wir mit 18 Büchern auf der Internationalen Buchmesse in Jerusalem vertreten, dann in jedem Jahr und zuletzt im Februar 2009 mit einem Dutzend Bücher.

Viele Titel unserer „Edition Schoáh & Judaica“ finden sich u.a. in folgenden Bibliotheken (in alphabetischer Reihenfolge der Städte): Rosenthaliana Library der Universiteit van Amsterdam; Netherlands Institute for War Documentation Amsterdam; Senatsbibliothek Berlin; Centre for German-Jewish Studies der University of Sussex in Brighton; Fondation Auschwitz, Brüssel; Bibliothek (Bukowina Zentrum) der Universität Chernivtsi (Czernowitz / Ukraine); Landesbibliothek Chernivtsi; Jüdisches Museum Chernivtsi; Library der University of Haifa; Leo Baeck Institute Jerusalem; Yad Vashem Jerusalem; Museum des Großen Vaterländischen Krieges Kiew; Parlamentsbibliothek Kiew; Universitätsbibliothek Konstanz; Lafayette College, Easton (Pennsylvania, USA); Institute of Contemporary History and Wiener Library London; Simon Wiesenthal Center Los Angeles; Russian Holocaust Foundation Moskau; Leo Baeck Institute New York; Bibliothek der Jüdischen Gemeinde Riga; Library der Tel Aviv University; Jewish State Museum Vilnius; Zydowski Instytut Historyczny Warschau; Library of Congress Washington, D.C.; U.S. Holocaust Memorial Museum Library Washington D.C.; Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich.

Als Herausgeber versuchte und versuche ich seit meiner Emeritierung im Herbst 2002, meine Editionstätigkeit weiterzuführen, was zumindest bis Frühjahr 2010 auch dank universitärer Kollegialität und moderner Technik gar nicht schlecht gelang. Einige Schriften sind übrigens auch in arabisch, englisch, französisch, griechisch, hebräisch (ivrit), jiddisch, kroatisch, rumänisch, russisch, slowakisch, spanisch, tschechisch und ungarisch erschienen. Für unsere „Edition Schoáh & Judaica“ ist es natürlich ein unschätzbarer Vorteil, seit einiger Zeit im Internet vertreten und damit weltweit auffindbar zu sein.

Kleines Yad Vashem in Konstanz

Herzlich zu danken ist allen Autorinnen und Autoren für ihre oft qualvolle, manchmal auch befreiende Erinnerungsarbeit, deren Wert vielleicht erst später richtig eingeschätzt werden kann, wenn es keine Augen- und Zeitzeugen mehr gibt. Die Zusammenarbeit mit ihnen bleibt eine je einmalige und unvergeßliche Erfahrung an sich. Herzlicher Dank gebührt dem Hartung-Gorre Verlag Konstanz für gute 25 Jahre produktiver Zusammenarbeit, einer der Glücksfälle meines Lebens. Herzlich danken möchte ich auch unserer exzellenten Universitätsbibliothek Konstanz, in der ich viele viele Stunden verbrachte, und der ich zum Dank alle meine Bücher schenkte und dazu mein Archiv.

230 Bücher – und wie viele darin aufbewahrte Schicksale? Die Erinnerungsarbeiten unserer Autorinnen und Autoren bleiben in Gestalt ihrer Bücher gerade auch in ihren Augen Mahnmale eigener Art. Ihr Zeugnis bleibt nachlesbar, ist von ihnen selbst vielfach als ewiges Andenken an ihre ermordeten Lieben gedacht. Am Anfang standen eine Idee und eine Vision – eigentlich ein Grundmotiv meiner ganzen historisch-soziologischen wie auch politischen Interessen und schon in meinen frühen soziologischen Arbeiten zur sozialen Ungleichheit deutlich, hinzu kamen Intuition und konkrete Möglichkeiten, die erkannt und genutzt wurden. Daraus hat sich mit unglaublicher Dynamik eine differenzierte Reihe entwickelt, die in ihrer Art nicht erfunden oder projektiert, sondern sich nur entwickeln und gewissermaßen „zuteil“ werden konnte: Ein Geschenk des Himmels und ein Privileg: „Sachór – Ló tischkách! -Erinnere dich! – Vergiß nicht!“ (5 Mose 25, 17-19) ist die entscheidende Weisung. Also: Sichronó lebrachá – Gesegnet sei die Erinnerung!

Alle unsere Vorworte enden schon seit langem mit dem Satz: Was aufgeschrieben, veröffentlicht und in einigen Bibliotheken der Welt entsprechend aufgehoben ist, wird nicht so schnell vergessen, damit vielleicht daraus gelernt werden kann. Ein wohlwollender Kommentator meinte kürzlich; „Sie sind ein wahres Yad Vashem für die Schoáh“ – was ich natürlich gerne akzeptiere.

Alle Titel der Edition

1 comment to Kleines Yad Vashem in Konstanz

  • Diese phantastische Beschreibung der Aktivitaet Prof.Dr.Mu. Roy Wiehn, sowie die gedruckte Wiedergabe seiner herausgegebenen Werke, seitens des Verlages Hartung & Gorre Konstanz, zeugen von jahrelanger und muehsamer Arbeit und auch nenn die betreffenden Autoren das Zeitliche gesegnet haben, bleiben diese aufgeschriebenen Schicksale Stolpersteine gegen das Vergessen und eine Mahnung fuer die Zukunft“Nie wieder“