Kategorien / Themen

Werbung

  • Ein Fehler ist aufgetreten – der Feed funktioniert zur Zeit nicht. Versuche es später noch einmal.

haGalil Shop

Jeckische Mitteilungen

Reportagen aus dem Land der Täter…

„Eier-Jeckes“, wurden die deutschen Hühnerzüchter genannt. Chava Ducas, die Tochter von Meinhold Nussbaum, kümmerte sich um die Hennen

„Eier-Jeckes“, wurden die deutschen Hühnerzüchter genannt. Chava Ducas, die Tochter von Meinhold Nussbaum, kümmerte sich um die Hennen. Repro: jgt/nurinst-archiv

Zum Schicksal der Jeckes, also der deutschen Einwanderer nach Erez Israel, ist schon viel Papier bedruckt worden. Allein der Onlinekatalog des Bibliotheksverbunds Bayern weist über 50 Titel zu diesem Thema aus. Nun legt der TAZ-Journalist Klaus Hillenbrand erneut einen Band vor, der sich mit den deutschen Juden im Gelobten Land beschäftigt. Palästina war in den 1930er Jahren für sie oft das einzige verbliebene Fluchtland. „Kommst du aus Überzeugung oder aus Deutschland?“, lautete daher auch oft die sarkastische Frage an die Zuwanderer.

Lange Zeit blieben die deutschen Juden „Fremde im neuen Land“, so auch der Titel des Buches. Die Jeckes vermissten ihre Kultur, ihre Sprache, konnten oft nicht in ihren angestammten, zumeist akademischen, Berufen arbeiten und hatten große Schwierigkeiten sich an die von osteuropäischen Juden geprägte bäuerliche Gesellschaft anzupassen. Leider führt Hillenbrands Titel ein wenig in die Irre. Im Mittelpunkt seiner Veröffentlichung stehen nämlich Reportagen von jüdischen Autoren, die nach 1945 vorübergehend in ihre alte Heimat, ins Land der Täter, zurückgekehrt waren und darüber berichteten. Sie waren Korrespondenten des 1932 von der Interessenvertretung der deutschen Juden in Palästina (Hitachdut Olej Germania) gegründeten „Mitteilungsblatt“ (MB). Anfangs verstand sich die Zeitung als praktischer Ratgeber, um den „neueinwandernden Menschen aus deutschsprechenden Ländern den Übergang zu ermöglichen oder zu erleichtern“. In Anzeigen suchten Jeckes nach Anstellungen, es wurde auf hebräische Sprachkurse hingewiesen und Beteiligungen an Unternehmen wurden angeboten, wie etwa in der weitverbreiteten Hühnerzucht. Nach und nach mauserte sich das „Mitteilungsblatt“ jedoch zu einer richtigen Zeitung: Der Alltag und das politische Leben in Erez Israel wurden diskutiert, man analysierte die Lage in Deutschland und berichtete über den europäischen Kriegsschauplatz.

Noch während die Kämpfe tobten, erschienen erste Texte von MB-Reportern aus dem zerstörten Europa; nach der Niederschlagung des NS-Regimes auch aus Deutschland. „Nach acht Jahren sah ich zum ersten Mal in die Gesichter von Deutschen“, schrieb etwa Herbert Friedenthal, der Ende der 1930er Jahre nach Großbritannien geflüchtet war, später nach Erez Israel auswanderte und sich 1946 bei seinem Besuch in Berlin fragte: „Waren das die Unschuldigen oder die Mörder? Hatten sie einmal die schwarze SS-Tracht getragen oder die braune SA-Uniform? Man kann sie nicht unterscheiden.“ Auch Meinhold Nussbaum empfand die ehemalige deutsche Heimat als abweisend und fremd. „Aus dem deutschen Boden ist der deutsche Jude mit explosiver Gewalt herausgerissen worden“, notierte er im „Mitteilungsblatt“ und zweifelte daran, „ob er wirklich hier einmal zu Hause war oder ob das nur ein Traum ist.“

Klaus Hillenbrand, Fremde im neuen Land. Deutsche Juden in Palästina und ihr Blick auf Deutschland nach 1945Insgesamt vereint der Band 22 authentische und spannende Reportagen von Autoren des „Mitteilungsblatt“, die von den Überresten ihren deutsch-jüdischen Kultur berichteten, versuchten Erklärungen auf das nicht zu Fassende zu finden und trotz alledem manchmal noch so etwas wie Heimweh empfanden. Ihre Texte sind historische Momentaufnahmen von hoher journalistischer Qualität, die seinerzeit jedoch nicht für die Deutschen im Land der Täter geschrieben wurden, sondern sich an die deutsch-jüdischen Emigranten in Erez Israel wandten.

Nach fast sieben Jahrzehnten haben die Nachgeborenen nun die Gelegenheit, diese eindrucksvollen Berichte nachzulesen, sachkundig kommentiert und in den historischen Kontext eingeordnet. Abgerundet wird der Band durch kurze Biografien der MB-Autoren. Klaus Hillenbrand ist es gelungen, die reichhaltige Jeckes-Literatur sinnvoll und nützlich zu ergänzt. Lesen! (jgt)

Klaus Hillenbrand, Fremde im neuen Land. Deutsche Juden in Palästina und ihr Blick auf Deutschland nach 1945, Frankfurt/Main 2015, 415 Seiten, 24,99 €, Bestellen?

PS: Wer mehr über das „Mitteilungsblatt“ und seine Macher erfahren will, kann einen Großteil der MB-Ausgaben online einsehen.

 

Comments are closed.