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Schwierige Loyalitäten

Die Erinnerungen der amerikanisch Psychoanalytkerin Esther Menaker (1907-2003) an ihre psychoanalytische Lehrzeit im Wien der 1930er Jahre…

Von Roland Kaufhold

In den letzten Jahren sind eine große Anzahl von historischen, biographischen sowie  autobiographischen Studien zur Geschichte der Psychoanalyse publiziert worden.

Schwierige Loyalitäten: Psychoanalytische Lehrjahre in Wien 1930-1935Nun ist eine autobiographische Erinnerung erschienen, die als außergewöhnlich zu bezeichnen ist. Sie stammt von der 1907 in Bern geborenen (und 2003 verstorbenen) Amerikanerin Esther Menaker. Menaker wuchs  in Bern in einer jüdisch-sozialistischen Familie auf, 1910 wanderte ihre Familie in die USA aus. 1930 ging sie gemeinsam mit ihrem Ehemann William Menaker (1896 – 1972) von den USA nach Wien, um dort  sowohl eine psychoanalytische Ausbildung als auch ein Studium der Psychologie zu absolvieren. Ihre gemeinsamen Studien- und Ausbildungsjahre dauerten insgesamt knapp fünf Jahre, bis 1935. Danach kehrte die Autorin, zwischenzeitlich hatte sie ein Kind bekommen, gemeinsam mit ihrem Ehemann nach Amerika zurück. Dort lehrte sie klinische Psychologie an der Universität in New York und arbeitete als Psychoanalytikerin in eigener Praxis. In ihren Erinnerungen bemerkt sie über die Umstände ihrer Emigration in die USA: „Wir mussten ein Empfehlungsschreiben von einem Mitglied dieser Gesellschaft vorweisen. (…) Unsere Freundin, Dr. Edith Jacobson, hatte für uns gebürgt.“ (S. 185)1

Es ist ein außergewöhnliches, lebendig geschriebene, großzügig bebilderte Erinnerungsbuch entstanden. Es gelingt der Autorin – im zeitlichen Abstand von über 50 Jahren, aus der kulturell-distanzierten Perspektive einer Amerikanerin, ein lebendiges, persönliches Stimmungsbild der psychoanalytischen Szene Wiens der 30er Jahre zu entwerfen.

Menakers Porträts einzelner führender Analytiker der damaligen Zeit  –  A. Freud, H.  Nunberg, H. Deutsch, R. Wälder, W. Hoffer, E.H. Erikson, H. Lampl, B. Bornstein -, aus der schwierigen  Perspektive der jungen, idealistischen, nach persönlich-beruflicher Identität suchenden Analysandin erwachsen, stehen häufig in deutlicher, kritischer Distanz zu den uns bisher bekannten Portraits dieser Gründergeneration. Ihre dem Buch zugrundeliegende erkenntnisleitende Grundhaltung könnte man als feministisch und emanzipatorisch bezeichnen. Das Buch wird durchzogen von der schmerzhaften Erfahrung einer kontinuierlichen Enttäuschung und Entidealisierung, einer subjektiv erlebten Geringschätzung und Entwürdigung eines jungen amerikanischen Ehepaares durch die zuvor idealisierten Lehranalytiker. Mit diesem Erfahrungsprozess eng verknüpft, schildert die Autorin hautnah die Entstehung einer Problematik, die auch heute noch als „Technik-Debatte“ in der Psychoanalyse relevant ist.

„Ich habe nur eine Geschichte und einen Standpunkt. Es ist die Geschichte von viel Dissonanz zwischen meinen Hoffnungen und Erwartungen und der Realität der Persönlichkeiten, der psychoanalytischen Organisation und der Wiener Kultur, die ich in den dreißiger Jahren antraf. Zeit und Abstand lassen einen oft die Vergangenheit verklären. (…) In meinem Fall bestand die Verklärung vor dem Ereignis. Ich habe die nachfolgenden Enttäuschungen überlebt und ich denke, ich habe sie im Laufe der Jahre kreativ verarbeiten können“ (S. 12) bemerkt Menaker im Vorwort. Sie beschreibt ihre anfängliche Begeisterung für die junge Wissenschaft Psychoanalyse, ihre gemeinsame Hoffnung, daß ihnen ihr geplanter fünfjähriger Studienaufenthalt in Wien für ihre Persönlichkeitsentwicklung, ihre emanzipatorischen Bemühen hilfreich sein würde. Die Entdeckung des Unbewussten erschien den Menakers als Schlüssel zum Verständnis ihrer Persönlichkeit und zur Heilung von Störungen: „Unsere Idealisierung schloß auch die Personen mit ein, die auf dem psychoanalytischen Gebiet arbeiteten. Sie waren unsere Helden – Menschen, die sich dem wissenschaftlichen Studium der Seele verpflichtet hatten und die einfühlsam waren gegenüber den Leiden der Menschen.“ (S. 15)

William Menaker hatte die  Wiener Psychoanalytikerin Helene Deutsch 1929 in Washington auf dem World Mental Health Congress kennengelernt und mit ihr – damals Vorsitzende des Wiener Lehrinstitutes – eine Lehranalyse in Wien vereinbart. Zugleich wurde besprochen, daß Esther Menaker, die in den USA einen Abschluss als Sozialarbeiterin erworben hatte und sich für die Arbeit mit Kindern interessierte, bei Anna Freud eine Lehranalyse machen sollte. In der Folge werden im Buch wesentliche Phasen aus der Analyse mit H. Deutsch sowie A. Freud nachgezeichnet, wobei beim Porträt Helene Deutschs der skeptische, entidealisierte Aspekt im Vordergrund steht. Die Lehranalyse bei Helene Deutsch entwickelte sich wohl nicht so, wie sich dies beide Seiten beim ersten Treffen in Amerika vorgestellt hatten. Es kam zu unauflösbaren Blockaden und zu Deutungen, die als uneinfühlsam und belehrend empfunden wurden. Menaker bemerkt im Rückblick:

„Es schien keine Möglichkeit der Annäherung zwischen ihnen zu geben. Deutsch mit der Eitelkeit, die manchmal von attraktiven, potenten und brillianten Menschen Besitz ergreift, schien unfähig, Bill (William, d. Verf.) den Raum zu geben, den er brauchte, um Einsichten und Fähigkeiten in seiner eigenen Weise entfalten und entwickeln zu können.“ (S. 68)

Das Porträt Anna Freuds ist lebendig. Einerseits entspricht es dem bekannten Bild einer zurückhaltenden, distanzierten Frau, die ganz von den analytischen Überzeugungen ihres Vaters durchdrungen war und diese zum Dogma erhob. Als größte Enttäuschung drängt sich Menaker der Eindruck auf, daß Anna Freud aufgrund ihrer eigenen Kinderlosigkeit und Enthaltsamkeit ihre (Menakers) eigenen Wünsche nach Idealisierung und ihren Wunsch, die Rolle einer werdenden Mutter mit der einer Berufstätigen zu verbinden, nicht angemessen wertzuschätzen vermochte. In ihren Gegenübertragungsreaktionen – die Menaker erst im Alter als solche zu lesen vermag – erscheint ihr Anna Freud im Rückblick als starr, kritisch-tadelnd, wenig einfühlsam und als emotional nicht fördernd. Menaker sieht dies im Kontext eines starren, distanzschaffenden analytischen Settings, das symbolisch ein „Oben“ und „Unten“ statt eines kreativen Miteinanders evozierte:

„… Das Fehlen einer Antwort wird als Zurückweisung erfahren – eine Zurückweisung, die mir in diesem Fall das Gefühl vermittelte, falsch zu liegen. Ich befürchtete, daß die Moral der Psychoanalyse von mir Anpassung verlangte, und daß Wut und Empörung keinen Platz in ihr hatten. Ich wog nicht ab. Ich hatte das Gefühl, wiederum nur klein und neurotisch zu sein. Es hätte mir geholfen, wenn Anna Freud Konflikte, Wut und Empörung über Vorurteil und Diskriminierung mit mir geteilt hätte. Ihr Schweigen empfand ich wie eine Verurteilung, denn Schweigen wird niemals als Neutralität erlebt.“ (S. 61)

Das analytische Setting, zum Dogma erhoben, erscheint Menaker als autoritär, unterwerfend und „passiv-masoschistisch“ (S. 45). Bei emotional  traumatisierten Patienten stelle es eine Wiederholung der ursprünglichen Traumatisierung dar. Menaker schildert einige weitere, verständnisvollere Persönlichkeitsanteile Anna Freuds, um leitmotivisch festzuhalten:
„Ich bezweifle, daß es Anna Freuds Absicht war, mich klein zu machen. Aber sie war so rigide in dem psychoanalytischen Wertesystem als Wahrheit gebunden, daß sie uneinfühlsame Bemerkungen machte, ohne ihre Auswirkungen zu realisieren. Diese Wirkung hatte natürlich auch mit meiner Überempfindlichkeit zu tun – einer Verletzlichkeit, durch das Bedürfnis bedingt, eine mütterliche Figur idealisieren zu können und an die Wahrheit und Wirksamkeit der Psychoanalyse zu glauben.“ (S. 54)

In weiteren Kapiteln wird die zunehmend von Antisemitismus bestimmte Atmosphäre an der Wiener Universität, die konstruktive Zusammenarbeit mit den Bühlers im Rahmen ihres Psychologiestudiums sowie die Stimmung im psychoanalytischen Ausbildungsinstitut beschrieben. Informativ sind ihre Schilderungen aus ihrer pädagogischen Arbeit an der Burlingham-Rosenfeldschule in Wien, deren historische Bedeutung erst in jüngerer Zeit beschrieben worden ist.

Diese Beschreibungen sind lebendig geraten. In ihnen verknüpft Menaker ihre persönlichen Lebenserfahrungen in Wien mit ihrem psychoanalytischen Bildungsprozess. Sie werden ergänzt durch weitere Personenporträts: Das Bild H. Nunbergs in seiner Rolle als Supervisor E. Menakers fällt äußerst kritisch aus, im Gegensatz zum Porträt Grete Bibrings, die sich uns als offene, lebendige, ermutigende Persönlichkeit  darstellt, die ihre klinischen und persönlichen Erfahrungen mit ihrer Analysandin teilte: „Sie war freundlich und liebenswürdig zu mir und erschwerte mir meine Anfängerversuche in der psychoanalytischen Arbeit nicht unnötig. Sie war im Gegenteil sehr ermutigend, brachte Beispiele aus ihrer eigenen Arbeit.“ (S. 90)

Das Buch wird abgeschlossen durch die Beschreibung ihrer Heimkehr nach Amerika. Diese Situation wurde überschattet durch das Erstarken des Nationalsozialismus. Dieser wurde jedoch nur von einem kleinen Teil der Analytiker, mit denen die Menakers Kontakt hatten, angemessen eingeschätzt. Esther Menaker erteilte einigen Analytikern (O. Isakower, M. Mahler, H. Nunberg) Englischunterricht, um ihnen die Emigration zu erleichtern. Weiterhin werden einige als enttäuschend empfundene Wiedertreffenszenen in den 50er Jahren in den USA beschrieben, wie auch ihre Erfahrungen mit der Psychoanalyse in den USA, u.a. am Jewish Board of Guardians.

Esther Menaker: Schwierige Loyalitäten. Psychoanalytische Lehrjahre in Wien 1930-1935, Psychosozial-Verlag: Gießen 1997. (Das Buch ist nur noch antiquarisch erhältlich)

Eine stark gekürzte Version dieser Besprechung ist erschienen in Luzifer-Amor, Heft  32 ( 2/2003), S. 183-186.

Internet:

http://www.psychoanalytikerinnen.de/usa_biografien.html#Menaker

http://www.feministvoices.com/esther-menaker/

  1. Edith Jacobson (sie schrieb sich anfangs Jacobssohn) war eine bekannte, in Berlin aufgewachsene Psychoanalytikerin und Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus. 1897 in Berlin geboren wurde sie im Oktober 1935 wegen ihrer Widerstandstätigkeit als Jüdin verhaftet und im September 1936 zu einer zweieinvierteljährigen Zuchthausstrafe wegen „Hochverrats“ verurteilt. Im Mai 1938 gelang ihr auf abenteuerlichen Wegen über Prag die Flucht in die USA. Im Sommer 2015 erscheint beim Psychosozial Verlag ein neues Buch über Edith Jacobson: Edith Jacobssohn: »Das schwarze Heft. Gefängnisnotizen«. []

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