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„Gewalttätigkeit verstehen“

Zum 100. Geburtstag des Psychoanalytikers und psychoanalytischen Sozialarbeiters Ernst Federn…

Benjamin Reich1

Die Welt versinkt wieder einmal in Gewalt. Blutige Anschläge, Kaskaden von Gewalttaten, Gewaltexzesse – besonders im Nahen Osten. Unaufhaltsam und greifbar und doch unbegreifbar – so erscheint uns Gewalt. Politologen, Soziologen, Philosophen und Psychologen haben sich jahrhundertelang um die Ergründung von Terror und Gewalt bemüht. Die Gewalt scheint ihrer theoretischen Erfassung jedoch immer voraus zu sein, sie ist uns immer voraus.

Einen besonderen Zugang zum Phänomen der Gewalt eröffnet das Werk Ernst Federns. Illusionslos, nüchtern, undramatisch, aber trotzdem lebendig und hautnah – so präsentiert er seine eigenen Beobachtungen und Erfahrungen mit Gewalt – und so formuliert er auch seine Versuche „Gewalttätigkeit zu verstehen“. Ernst Federn (1914-2007), der in Wien geborene Sohn des Sigmund Freud Statthalters Paul Federn, wurde bereits im Alter von 23 Jahren am 14.03.1938 wegen seines antifaschistischen Engagements von der Gestapo verhaftet und zunächst nach Dachau, einige Monate später in das KZ Buchenwald deportiert. Die sechseinhalb Jahre, die er in Haft verbrachte, berechtigten ihn zur Behauptung:

„Ich habe so lange und so intensiv unter Gewalt gelebt, daß ich ohne ungebührlichen Narzißmus behaupten kann, daß ich etwas von ihr verstehe. (…) Ich weiß, wie es ist, Opfer von Gewalt zu sein, weiß aber auch, wie man sich fühlt, wenn man selbst gewalttätig sein will“ (Federn 1999, S. 86).

Federn überlebte – was der Wiener Federn-Forscher Bernhard Kuschey ein „Wunder“ nannte. Er emigrierte zuerst nach Brüssel und dann in die USA, um 1973 auf Einladung von Bruno Kreisky wieder nach Wien zurückzukehren und bei der Reformierung des österreichischen Strafvollzugs tatkräftig und erfolgreich mitzuwirken. Der theoretische ,Ertrag‘ seiner oft brutalen Erfahrungen mit Gewalt ist sehr beachtlich: Dazu gehören neben seinem schon 1946 im Brüsseler Exil veröffentlichten „Essay sur la psychologie de la terreur“ (Federn 1946) auch mehrere weitere bedeutende Texte zur Psychologie und Soziologie von Terror und Gewalt, die neulich gesammelt im von Roland Kaufhold herausgegebenen Band „Ernst Federn: Versuche zur Psychologie des nationalsozialistischen Terrors“ erschienen sind (Gießen: Psychosozial-Verlag 2014).

Zum 100. Geburtstag Ernst Federns am 26. August 2014 ist nun ein weiteres wichtiges Werk erschienen, das sich Ernst Federns Umgang mit dem nationalsozialistischen Terror und der Beleuchtung und Konzeptualisierung von Gewalt in seinem Werk verschreibt: der in der Zeitschrift „Psychoanalyse. Texte zur Sozialforschung“ von Oliver Decker und den Gastherausgebern Roland Kaufhold und Galina Hristeva herausgegebene Band „Gewalttätigkeit verstehen. Zum 100. Geburtstag des Psychoanalytikers und psychoanalytischen Sozialarbeiters Ernst Federn”. (Pabst Publishers: Lengerich 2014). Bekannte Forscher – Psychologen, Psychoanalytiker, Soziologen, Pädagogen, Literaturwissenschaftler, Wissenschaftshistoriker und Freunde Ernst Federns – rekonstruieren seinen bemerkenswerten Weg „von Wien über Buchenwald und die USA zurück nach Wien“, seine Pionierleistungen bei der Untersuchung der Psychologie des Terrors, aber auch bei der Entwicklung der psychoanalytischen Pädagogik, der kollektiv orientierten Psychoanalyse und psychoanalytischen Sozialarbeit, der psychoanalytischen Geschichtsschreibung und der politischen Psychoanalyse. Drei Beiträge von Ernst Federn sind ebenfalls in den Band aufgenommen: „Der therapeutische Umgang mit Gewalt“, „Was ist psychoanalytische Sozialarbeit und wozu wird sie gebraucht?“ und „Die Paul Federn Study-Group“. Durch zahlreiche Fotos wird es auch möglich, Ernst Federn auf seinem Weg als „Sozialist, Verfolgter, Psychoanalytiker und Sozialarbeiter“ durch den „Kosmos der Gewalt“ (Kuschey) zu begleiten. Trotz der Schrecken, die er gesehen und erlebt hat, hat sich der KZ-Überlebende Ernst Federn immer geweigert, als ohnmächtiges Opfer angesehen zu werden. Dem Trauma der Gewalt setzte er seinen Überlebenswillen, seinen unerschütterlichen Optimismus, seinen Kampfwillen entgegen. Von diesem außergewöhnlichen Geist ist auch dieser neue, ihm gewidmete Band durchdrungen.

Wie die Herausgeber Roland Kaufhold und Galina Hristeva in ihrer exzellenten Einführung zum Band festhalten, hat Ernst Federn mit „beeindruckender Klarheit, Präzision und einer kraftvollen Sprache mehrere Ursachen für die Ausübung von Gewalt offengelegt“, doch die Theorie der Gewalt war ihm kein Selbstzweck, sondern nur ein Teil seiner Warnung vor dem „Absturz der Menschheit in die Bestialität“, denn (wie ihm seine Tante, die Widerstandskämpferin Etta Federn (1883-1951), 1945 schrieb): „Der Kampf gegen den Ungeist ist nicht zu Ende! Im Gegenteil – er nimmt nur jetzt wieder neue Formen an.“

Gewalttätigkeit verstehen. Zum 100. Geburtstag des Psychoanalytikers und psychoanalytischen Sozialarbeiters Ernst Federn. Hg. von Roland Kaufhold und Galina Hristeva. In: „Psychoanalyse. Texte zur Sozialforschung“, hg. von Oliver Decker. 18. Jg., Heft 2/2014. Lengerich: Pabst Publishers 2014.

  1. http://bilgungwissen.blogspot.de/2015/02/gewalttatigkeit-verstehen.html []

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