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Eine ganz normale jüdische Gemeinde

Das fränkische Georgensgmünd vor und während des Nationalsozialismus…

Das protestantisch-konservative und agrarisch geprägte Franken verwandelte sich bereits in der Weimarer Republik zu einer Hochburg des Antisemitismus. Ein entscheidender Faktor für diese Entwicklung ist nicht zuletzt in der Person und dem Wirken von Julius Streicher zu suchen. Mehr als jeder andere Gauleiter der NSDAP bereitete er mit seinen antijüdischen Hetztiraden den Weg nach Auschwitz. Auch im mittelfränkischen Georgensgmünd ging seine Saat auf. Zum 75. Jahrestag der Novemberpogrome beschreibt nun der im Ort lebende Rezitator und Publizist Gerd Berghofer akribisch die Ausgrenzung, Verfolgung und die finale Auslöschung der jüdischen Gemeinde – die seit dem 16. Jahrhundert bestand.

Der vier Jahrhunderte alte jüdische Friedhof in Georgengmünd. © jgt-archiv
Der vier Jahrhunderte alte jüdische Friedhof in Georgengmünd. © jgt-archiv

In einer dichten Erzählweise und reich bebildert zeichnet Berghofer die zunehmende Judenverfolgung in den Jahren 1918 bis 1945 kenntnisreich nach. Erschienen die Beziehungen zwischen der jüdischen Minderheit und den christlichen Nachbarn lange Zeit als intakt, so änderte sich das mit dem verlorenen Weltkrieg und der nachfolgenden Gründung der als „Judenrepublik“ geschmähten Weimarer Republik. Nicht nur fanatische Deutschnationale suchten die Schuld für die Niederlage bei den Juden. NSDAP-Kreisleiter und Georgensgmünder Bürgermeister Karl Minnameyer sprach aus, was viele dachten: „Seit den Novembertagen 1918 beherrschten Dank der bürgerlichen Feigheit die Marxisten als Knechte der Juden Georgensgmünd.“

Schon vor der „Machtübernahme“ war die jüdische Bevölkerung unablässigen Beschimpfungen und Diskriminierungen ausgesetzt. Die rechte Propaganda zeigte Wirkung. Mehr und mehr betrachteten die christlichen Deutschen ihre jüdischen Nachbarn als „die Anderen“, die nicht dazugehören. Örtliche Vereine schlossen Juden aus, den jüdischen Kaufleuten wurde mit Argwohn und Neid begegnet. Über einen Auftritt von Julius Streicher in Georgensgmünd im Jahre 1924 ist nachzulesen: „Dabei stieg die Spannung auf Siedehitze und es hätte nur eines unbedeutenden Anstoßes bedurft, um eine blutige Saalschlacht auszulösen.“ Die Versammlung wurde vom späteren Bürgermeister Karl Minnameyer geleitet, der 1928 die Ortsgruppe der NSDAP gründete. Im Januar 1930 wurde der jüdische Friedhof geschändet, Grabsteine umgeworfen und mit Parolen wie etwa „Sara, du stinkst“ beschmiert.

Konnte man die zunehmenden Schikanen gegen die Juden vor 1933 noch als die individuellen Taten einzelner Fanatiker abtun, so wurde der Antisemitismus mit der „Machtübernahme“ nun legal und erhielt etwa mit den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 eine pseudorechtliche Grundlage. Von den rund 40 in Georgensgmünd lebenden Juden verließen alsbald zwei Drittel den Ort; sie wanderten aus oder verzogen innerhalb Deutschlands. In der Pogromnacht vom 9. November 1938 wurde die Synagoge nur deshalb nicht angezündet, weil man befürchtete, der Brand würde auf Nachbarhäuser übergreifen. Gleichwohl wurde die Einrichtung demoliert und die Fensterscheiben bei jüdischen Wohnhäusern und Geschäften eingeschlagen. Verantwortlich dafür sollen aber keine Ortsansässigen gewesen sein, sondern „anscheinend der SA-Sturm aus Schwabach“, wie Berghofer von einem anonymen „Gmünder Zeitzeugen“ erfahren hat. „Aus Gründen der Ordnung und Ruhe sowie ihrer eigenen Sicherheit“, empfahl allerdings Bürgermeister Minnameyer den ein Dutzend noch in Georgensgmünd wohnenden Juden das Verlassen des Ortes bis spätestens zum 1. Januar 1939. Wenig später schrieb die örtliche Zeitung triumphierend: „Die alte Trutzburg der Juden, Georgengsgmünd ist gefallen“ und kann nun „wieder ein Hort deutscher Sitte und Art, deutschen Blutes und Geistes werden.“

An die 32 ermordeten Juden erinnert ein Gedenkstein. Dort sind ihre Namen eingemeißelt. Die ehemalige Synagoge wird als Museum und Gedenkort betrieben, der im 16. Jahrhundert angelegte Friedhof gehört zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern Nordbayerns.

Übrigens: Nach 1945 siedelten sich für einige Jahre bis zu 30 Überlebende der Shoa aus Osteuropa in Georgensgmünd an. Die US-Militärregierung quartierte diese Displaced Persons (DPs) genannten Menschen in beschlagnahmte Wohnungen oder Häuser ein. Dort sollten sie sich von den jahrelangen Qualen erholen, bis sie schließlich nach Israel oder Übersee gingen. Auch die während der NS-Herrschaft als Lagerhaus zweckentfremdete Synagoge wurde wieder als Gotteshaus genutzt.

Jom Kippur Feier der jüdischen DPs in der Synagoge von Georgensgmünd, © jgt-archiv
Jom Kippur Feier der jüdischen DPs in der Synagoge von Georgensgmünd, © jgt-archiv

Gerd Berghofer hat mit seinem Buch „Die Anderen“ hinter die Fassaden der Ortsgeschichte geblickt und eine personenbezogene Darstellung von Tätern und Opfern vorgelegt. Er beschreibt die bedrückenden Fakten detailliert und anschaulich und ordnet die Geschehnisse in den geschichtlichen Kontext der Verfolgung ein. Leider wird der Lesefluss durch eingestreute Kapitel unterbrochen, in denen Familiengeschichten erzählt oder anhand von fiktiven Episoden jüdische Feiertage oder Rituale erklärt werden. Da scheint die Fabulierlust den Autor übermannt zu haben. Berghofers Texte sind mit viel Empathie geschrieben, doch hätte ein bisschen mehr wissenschaftliche Distanz dem Buch gut getan. Seine Rechercheleistung ist jedoch beeindruckend. – (jgt)

Gerd Berghofer, Die Anderen. Das fränkische Georgensgmünd und seine Juden vor und während des Dritten Reiches, Treuchtlingen/Berlin 2013, 393 Seiten, 19,80 €, Bestellen?

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