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Das rote Fahrrad

Der bekannte österreichische Journalist Paul Lendvai hat seiner ungarischen Ehefrau Zsóka geholfen, den Nischen Verlag zu gründen, der bisher im deutschen Sprachraum unbekannte ungarische Bücher herausbringt…

Rezension von Karl Pfeifer

Es gibt eine reiche ungarische Literatur und vieles davon ist in deutscher Sprache zugänglich, so auch „Neun Koffer“ von Béla Zsolt, in dem dieser unerschrockene Publizist die Geschichte schildert, wie er auf seiner Hochzeitsreise sich bei Kriegsausbruch in Paris befindet. Er und seine Frau Ágnes haben zu wählen zwischen einer Reise nach Lissabon ohne den neun Koffern seiner Frau und der Rückkehr nach Ungarn mit diesen. Ágnes, die erst nach dem Krieg Journalistin wurde sagte in Paris: „Ich bin weder Politikerin noch Journalistin, was gehen mich Deine Ideen an! Ich bin Bürgerin von Nagyvárad, dort sind meine Eltern und mein Kind, was tue ich noch hier, wenn Krieg ist. Ich will bei ihnen sein!“

Es ist eine tragische Geschichte, die im Ghetto von Nagyvárad (Oradea) und mit der gelungenen Flucht des Ehepaars Zsolt aus dem Ghetto endet.

Éva, die Stieftochter von Béla Zsolt gelang die Flucht nicht und sie wurde in Auschwitz-Birkenau im Oktober 1944 ermordet. Ihre Mutter, die Journalistin Ágnes, hat nach dem Krieg das Tagebuch ihrer Tochter Éva in Budapest veröffentlicht.

“Das rote Fahrrad“ ist das erste Buch des Nischenverlags und die erste deutsche Übersetzung dieses Tagebuches der 13jährigen Éva, das nur ein paar Monate vom 13. Februar bis 30. Mai 1944 umfasst.

Der deutsche Titel ist gut gewählt, denn Éva beschreibt, wie die Polizei am 7. April 1944 in das Haus ihrer Großeltern kam, wo sie wohnte, um ihr rotes Fahrrad zu beschlagnahmen.

Am 17. Mai notiert sie „… bitte, sagte der alte Lustig-Bácsi noch, reden wir doch offen. Wissen Sie, wo die österreichischen, deutschen, holländischen, tschechischen, französischen Juden sind? Ich weiß nicht mehr, welche Länder er noch aufgezählt hat. Wenn sie es nicht wissen, dann will ich es Ihnen sagen: In Polen sind sie. Zumindest hat man sie dahin gebracht, in Viehwaggons, zu jeweils siebzig eingepfercht. Was da mit ihnen passiert ist, weiß ich nicht, aber ich kann es mir vorstellen. Bitteschön, nur so viel noch, glauben Sie wirklich, die würden zulassen, dass von uns nur einer als Zeuge übrig bleibt, nach all dem, was die hier in Várad auch mit den Frauen gemacht haben? Nein, sie werden es nicht riskieren, das sage ich, Soma Lustig, den alle für einen brummigen alten Schwarzseher halten, ich bin zwar alt, stecke aber den Kopf nicht in den Sand wie die meisten hier.“

Die Tragödie dieser Menschen war, dass sie auch dann nicht glauben konnten, was ihnen das von Horthy angeführte Ungarn antun wird, nachdem es sie mit dem gelben Stern markiert, ihr Eigentum geraubt und sie in Lager gesperrt hatte. Wer nach Rumänien flüchtete, das nur wenige Kilometer entfernt war, der rettete sein Leben. Wer aber der tausendjährigen christlich-ungarischen Kultur traute, der wurde von der königl. ungarischen Gendarmerie in einen Viehwaggon eingepfercht und nach Polen gebracht. Nur sehr wenige kamen zurück.

Der ungarischen Regierung, deren Ministerpräsident Viktor Orbán betont, er wolle „die Juden schützen“, sei empfohlen, die antisemitischen Schriftsteller József Nyirö, Albert Wass und Cecile Tormay aus dem Lehrplan zu entfernen und das Buch „Éva lányom“ zur Pflichtlektüre zu machen. Das wäre ein klares Signal, dass seinen Worten auch Taten folgen.

Ágnes Zsolt, Das rote Fahrrad, 159 S., Nischenverlag 2012, Euro 19,80, Bestellen?

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