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Hommage an die rote Karola

„Ein denkender Mensch, ein fühlender Mensch, ihm muss doch etwas vorschweben. Er sieht die Entsetzlichkeiten des Lebens. Er begnügt sich doch nicht damit, daß es ihm persönlich gut geht, weil er eben das Elend kennt und weiß, daß es es gibt.“ Dieses Eingangszitat von Karola Bloch leitet einen neuen Band über jene Frau ein, die oft nur als Ehefrau des berühmeten Philosophen Ernst Bloch wahrgenommen wurde…

Von Ramona Ambs

„Karola Bloch – Architektin, Soziaistin, Freundin – eine Neuentdeckung des Wirkens der Bauhaus-Schülerin“ so der Titel des von Irene Scherer und Welf Schröter herausgegebenen Buches. Das Zitat verrät bereits einiges über das politische Denken der „roten Karola“, die als Karola Piotrkowska 1905 in Lódz in eine jüdische Fabrikantenfamilie hineingeboren wurde. Ab 1921 studierte sie Architektur in Berlin und Zürich, 1932 wurde sie Mitglied der KPD und 1934 heiratete sie Ernst Bloch, mit dem (und dem gemeinsamen Sohn) sie dann 1937 vor den Nazis in die USA floh. Erst 1949 kehrten die Blochs nach Deutschland zurück. 1957 wurde Karola Bloch wegen ihrer kritischen Haltung zu Stalin aus der SED ausgeschlossen, 1961 zog die Familie aus der DDR nach Tübingen, wo Karola 1994, knapp siebzahn Jahre nach dem Tod ihres Mannes, verstarb.

Auf 392 Seiten widmen sich verschiedene Autoren der Architektin, der Sozialistin und Antfaschistin, kurz der Frau Karola Bloch. Insbesondere auch ihrem Wirken als Bauhausschülerin, wird in dem Band viel Raum gegeben. Für Bloch war Architektur ein „schöpferischer Prozess, der gesellschaftlichen Veränderungen Richtung geben kann“. Dabei lesen sich einige Artikel spannend wie ein Krimi. Zum Beispiel die fast schon literarische Schilderung von Anne König, die auf den Spuren Karola Blochs durch die Leipziger Baumwollspinnerei geht und dabei Erstaunliches zutage fördert. Oder die Schilderungen von Welf Schröter, der Blochs Wirkungsversuche und deren Schwierigkeiten in der DDR nachzeichnet und dabei auch Bloch selbst immer wieder zitiert:

„Es ist augenblicklich eine Situation, in der die DBA (Deutsche Bauakademie) von verschiedenen Seiten angegriffen wird. Es fehlen ihr Menschen von Format, die ihre Ansichten wirklich fundieren können und nicht nur Phrasen dreschen. (…) Warum die Deutschen alles so fanatisch, diktatorisch und engstirnig machen, ist mir ein Rätsel. Hier gibts keine Zwischentöne, keine Elastizität und kein Einfühlungsvermögen.“

Überhaupt kommt Karola Bloch selbst sehr viel zu Wort in diesem Buch. Einige ihrer Fachaufsätze sind hier nun wieder zugänglich und – der eigentlich Schatz des Buches: Fotos, Skizzen und zahlreiche Briefe an Freunde, Kollegen und an ihren Sohn, in denen Karola Bloch lebendig wird.

Besonders traurig und ergreifend dabei sind die Briefe an und aus dem Warschauer Ghetto. Aus dem amerikanischen Exil versuchte Karola Bloch ihre Familie zu retten. Doch alle Mühen waren vergeblich. Ihre Schwägerin Andziula Tagelicht war eine begnadete Tänzerin, die ihre Leidenschaft mit ins Ghetto genommen hatte und dort nicht nur tanzte, sondern auch den Kindern tanzen beibrachte. Tanzen gegen die Angst, Tanzen gegen das Grauen, Tanzen gegen den Tod. Den eigenen Sohn hatte sie kurz vor ihrer Deportation aus dem Ghetto geschmuggelt. Doch dieser vermisste die Mutter so sehr, dass er zurück ins Ghetto lief und dort von SS-Männern erschossen wurde. Das Tanzen hat nicht geholfen. Andziula und ihr Mann starben in Treblinka. Ebenso die Eltern von Karola. Niemand überlebte.

Und eben weil dieser Band all diese Geschichten und Facetten von Karola Bloch zu zeigen vermag, ist dies nicht nur ein Buch für Architekten, und nicht nur ein Buch für Historiker, es ist vor allem ein Buch für Menschen.

sammlung kritisches wissen, Band 28, Irene Scherer, Welf Schröter (Hg.): Karola Bloch – Architektin, Sozialistin, Freundin. Eine Neuentdeckung des Wirkens der Bauhaus-Schülerin
2010, 392 Seiten, br., 44,00 EUR, ISBN 978-3-89376-073-2, Information und Bestellung

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