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Christen und ihre Blutorgien gegen Juden

Erstmals 1999 haben sich an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf  Wissenschaftler zu einer fachübergreifenden Wissenschaftstagung dieser rheinischen und der Prager Karls-Universität getroffen. Die Historiker Jiri Pesek von der einst ältesten deutschen Universität in Prag und der am Rhein lehrende Bayer Falk Wiesemann begründeten damit die Tradition internationaler  Treffen zum freien Austausch von Wissen und wissenschaftlicher Neuigkeiten aus unterschiedlichen Forschungsbereichen. Bei der 6. Tagung ging es in Düsseldorf unter dem Stichwort „Blut“ um Perspektiven der Medizin, Geschichte, Kultur  und Gesellschaft. Die Deggendorfer „GNAD“ und zahlreiche christliche Blutorgien gegen europäische Juden waren dabei mehr als eine Rand-Erinnerung. Das erweist sich in dem nun vorliegenden 38. Band der „Veröffentlichungen zur Kultur und Geschichte im östlichen Europa“…

Von S. Michael Westerholz

Die Professoren Pesek und Wiesemann als Buchherausgeber klären in ihrer Grundaussage, warum zum Beispiel die erst 1992 beendete, rund 640-jährige  Deggendorfer „Gnad“, weitere angebliche Hostienschändungen und „jüdische Ritualmorde“ an christlichen Kindern  zum Tagungs-  und Buchthema wurden:  „Blut, diese lebenstragende Flüssigkeit, ist zunächst ein komplexes medizinisches Problem, das die Medizin schon seit Jahrtausenden ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit gestellt, gleichzeitig aber auch dauerhaft mythisiert hat. Auch die metaphysische, religiöse und rechtliche Rolle des Blutes ist seit dem Altertum Teil der Menschheitsgeschichte.“

Auf 279 Seiten berichten Experten  über den Umgang mit Blut und dessen Bedeutung  und mythologische Wertung in der Antike und im  Christentum: Der durch Geißelung und  Kreuzigung blutende Heiland, die blutenden Märtyrer und  die nach dem katholischen Glauben sich zu Fleisch und Blut Jesu wandelnde Hostie im Gottesdienst wurden zu Grundaspekten in der Verehrung und bildlichen Darstellung. Zum Kapitel  „Blut und Bildgeschichte“ hat Professor Wiesemann den Bericht: „Hostienfrevel. Die bildmediale Verbreitung eines antijüdischen Stereotyps“  beigesteuert. Dass mit 110 Seiten mehr als ein Drittel des Buches  den christlichen Antisemitismus beschreibt, beweist die historische Dramatik der Lage der Juden. Bitter zu lesen ist wegen seiner Aktualität  „Das Blutmotiv im antijüdischen Diskurs vom Mittelalter bis in die Moderne“  (Dr. Wolfgang Treue , u. a. Projekt Germania Judaica IV. beteiligt!). Und nicht minder bitter lesen sich auch weitere Legenden zum Beispiel über „Blutende Marienbilder“, Mystikerkruzifixe, Vampirmärchen und Blutkünstler wie Delacroix („Blutsee“) und Nitsch. Wer sich mit dem hier dargebotenenchristlichen Kontext befasst, erkennt  das Ausmaß  des Judenhasses und ahnt, wie es zum industriell geplanten und verwirklichten Mord der Deutschen an sechs Millionen Juden kommen konnte.

Auf 42 Seiten hat der als Gast  in Prag, Sheffield und dem sibirischen Saratow lehrende Dr. Wiesemann, Experte für deutsch-jüdische, jüdische Buch-  und deutsche Sozialgeschichte im 20. Jahrhundert, Hostien-  und Ritualmordlegenden wie jene aus Deggendorf, Passau, Iphofen, Ansbach, Pulkau, Korneuburg, Bolsena, Sternberg, Triest, Damaskus analysiert, als  antijüdische Hass- und Neidfolgen aufgedeckt und als Lügen entlarvt. Sein  bei weitem umfangreichster Beitrag  beinhaltet  unter 35 Bildern neun zum Deggendorfer Judenmord von 1338 und der darauf gründenden gnadenlos antisemitischen Wallfahrt. Die schwemmte in manchen Jahren beträchtliche Einnahmen in die Stadt. Dass es den Wallfahrern dabei um einen vermeintlich einzigartigen Ablass ihrer zeitlichen  Sündenstrafen ging,  gehört zum regionalen Allgemeinwissen. Dass es diesen Ablass aber seit dem 15. Jahrhundert gar nicht mehr gab, verschwiegen Stadtobere, Priester und Bischöfe den Gläubigen.

Dass es rituelle Kindsmorde durch Juden wirklich gegeben habe, lehrte bis vor wenigen Jahren noch ein katholischer Priester Melzer in Bad Hall (Oberösterreich). Solche bösartigen Anschuldigungen kosteten in Polen nach Kriegsende 1945  zahlreiche Juden das Leben, die erst kurz zuvor aus deutschen KZ heimgekehrt waren. Professor Dr. Wiesemann: „In einem Satz könnte resümierend gesagt werden, daß die angeblichen Hostienfrevel  –  ähnlich wie die Darstellungen des Ritualmordvorwurfs  –  im katholisch-christlichen Milieu entscheidend und folgenschwer zur Verbreitung und Verfestigung antijüdischer Phantasmagorien und Einstellungen beigetragen haben, stärker möglicherweise als theologische Abhandlungen oder rassistische Propagandakonstrukte.“

Unter den Deggendorfer Bildern im Buch befinden sich vier, die in der fortdauernden „Gnad“-Ausstellung im Stadtmuseum zu sehen sind: Die farbigen Bilder auf Blech wurden im 19. Jahrhundert von einem unbekannten bäuerlichen Maler gemalt. Vorbild waren jene großformatigen Schandbilder aus dem 18. Jahrhundert in der Deggendorfer „Grabkirche“, die erst vor fast 30 Jahren ins Museum gebracht wurden.


Aus dem Altöttinger Bilderzyklus zur Deggendorfer Hostienschändung. Mit freundl.Genehmigung des Stadtmuseums Deggendorf.

Trotz höflicher Bitte überlebender Juden um die Entfernung der aufreizenden Bilder  wurden diese von Priestern verteidigt, ihre bösartigen Inhalte verniedlicht. Sie zeigen den angeblichen Hostienraub durch Juden, die Auffindung der Beute in dem Brunnen neben der Kirche, die Ermordung der  Deggendorfer Juden. Museumschefin Birgitta Petschek-Sommer: „Die Bilder befanden sich ursprünglich in einer Kapelle bei Altötting – unbekannt, wie sie dorthin gekommen sind. Wir erhielten sie aus Privatbesitz.“

Jiri Pesek, Falk Wiesemann (Hg): Blut. Perspektiven in Medizin, Geschichte und Gesellschaft, Klartext Verlag 2011, 280 S., Euro 29,95, Bestellen?

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