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Der erste Selbstmordattentäter

David Grossman gehört zu den bekanntesten israelischen Schriftstellern. Zahlreiche seiner thematisch und stilistisch breitgefächerten Werke sind ins Deutsche übersetzt worden. Mit seinen psychologisch einfühlsamen und zugleich immens spannenden Kinder- und Jugendbüchern hat er die Herzen wohl Hunderttausender Kinder auch hierzulande erreicht…

Von Roland Kaufhold

In „Löwenhonig“ setzt sich David Grossman, der sich selbst als nicht religiös, aber zutiefst jüdisch versteht, erzählend und tiefenpsychologisch deutend mit dem religiösen Mythos der Geschichten von Samson auseinander. Samson, der Held, dessen Geschichte in Israel „jedes jüdische Kind von klein auf“ kenne (S. 17), wird in einer luziden, tiefgründigen Interpretation als ein vor allem tragischer Protagonist beschrieben. Die göttlichen Zuschreibungen, das ihm aufgetragene Schicksal als charismatischer Held im Kampf der Juden gegen die Philister, erscheint als zu überfordernd.

Samson wird von seiner zutiefst menschlichen Seite gezeigt, als ein von seinen Eltern entfremdeter, mit übermenschlichen Kräften ausgestatteter Kämpfer und Führer. Er sehnt sich zutiefst nach menschlichen Beziehungen, die er nie erleben durfte und deren zaghaften Anfänge er doch zugleich, mittels seiner existentiellen Wut und seines Hasses („ein Mann, der mit bloßen Händen einen Löwen zerriß“ (S. 17)), immer wieder zerstört. Er dürstet nach menschlichen Bindungen; er ist ein Kind, „das Vater und Mutter von Geburt an fremd war“ (ebda). Der Mythos von Samson, so erinnert uns der Autor, hat in der Geschichte Israels immer eine identitätstiftende Funktion gehabt. Grossman erinnert an die legendäre Kampftruppe „Füchse Samsons“ im 1948er Unabhängigkeitskrieg, an die „Einheit Samson“ während der ersten Intifada, aber auch an die in Israel beliebte Fittness-Center-Kette „Samson Institut“.

Grossman erzählt in einer selbstreflexiven, dramatischen Sprache das Leben Samsons nach. Privatheit und gesellschaftliche Wirkkräfte, Geschichte und Gegenwart sind unauflösbar miteinander verbunden. Allein die Vorgeschichte seiner Geburt enthält die Vorboten eines Dramas. Die Geschichte einer dem Stamm Dan zugehörigen Familie ereignet sich in der Ebene von Judäa, „einer besonders gewalttätigen Gegend, die zu jener Zeit die Demarkationslinie zwischen Israel und den Philistern bildete.“ (S. 20) Die scheinbare Unfruchtbarkeit seiner Mutter; die Stimme Gottes, die zu ihr spricht, die die frohe Botschaft einer Geburt ankündigt – und dies zugleich mit einer (jegliche Individualität einengenden) Verpflichtung verbindet: „der Knabe (…) wird anfangen, Israel zu erretten aus der Hand der Philister“ (S. 25). Wie vermag eine Familie, der soeben das höchste Glück widerfahren ist, eine solche Verpflichtung ertragen?

Samson führt ein wahrhaft heldenhaftes, aber doch zugleich ruheloses und einsames Leben: Er zündet „300 lodernde Füchse“ an (S. 18), kämpft mit einem Löwen – und wird immer wieder von allen Frauen betrogen und verraten. Am Ende seines Lebens tötet Samson, der scheinbar schon schmählich besiegt worden ist („mit ausgestochenen Augen und in Ketten gelegt“, S. 117), in einem letzten Akt des Aufbäumens 3000 Philister, indem er die Säulen des Hauses niederreißt. Grossman führt abschließend aus: „Heute, und gerade hier an diesem Ort, wird man den Gedanken nicht los, dass Samson in gewisser Weise der erste Selbstmordattentäter war. Und obwohl die Umstände seiner Tat andere waren als die der Attentate im heutigen Israel, ist es denkbar, dass sich jenes Prinzip – durch Selbstmord Rache und Mord an Unschuldigen zu verüben – im Bewusstsein der Menschen verankert hat, jenes Prinzip, das in den letzten Jahren so sehr perfektioniert worden ist.“ (S. 122).

David Grossman: Löwenhonig. Die Geschichte von Samson. Berlin Verlag, Berlin 2006. 128 Seiten, 16 Euro. / Dtv Verlag, München 2007. 128 Seiten, 8,50 Euro. Bestellen?

Diese Rezension erschien in TRIBÜNE Heft 187, Nr. 3/2008, S. 191.

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