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Die Jeckes: Deutsche Juden aus Israel erzählen

1920 veröffentlichte der Schriftsteller Arnold Zweig (1887 – 1968) das Werk „Das ostjüdische Antlitz“, mit dem er dem Ostjudentum ein Denkmal errichtete: „Mag der Zionismus als bourgeoise Bewegung begonnen haben. … Seine Kraft, seine Bürgen sind die jungen zionistischen Sozialistenbünde, und ihrer ist die Wirkung“, schrieb er…

Von Roland Kaufhold

1924 trat Zweig der Redaktion der Jüdischen Rundschau bei, pflegte mit Sigmund Freud sowie Martin Buber einen lebenslang andauernden freundschaftlichen Briefkontakt und publizierte 1925 das Werk „Das neue Kanaan“, mit dem er seine Identifikation mit dem Zionismus zum Ausdruck brachte. Dennoch formulierte er bereits in diesem Buch seine Sorge um die friedliche Zukunft dieses im Entstehung begriffenen jüdischen Staates: „Das Nationale Heim der Juden wird nur in Palästina und nur unter dem Beifall der Araber Palästinas gebaut werden können“, formuliert er hellsichtig in Grossbuchstaben.

Von einer Reise nach Palästina zurückgekehrt, den rasenden Faschismus wahrnehmend, schrieb er am 1.5.1932 an Freud: „Welcher Irrtum, hierher zurückzustreben! Was von diesem Europa, das ich liebe, von diesem Deutschland, das ich zum guten Teil bin, ist in diesem Augenblick noch greifbar da, Kraftquelle und Arbeitsanschluss? Warum nicht drüben geblieben, in der heroischen Landschaft Galiläas oder am Meer von Tel Aviv oder am Toten Meer…“

1933 floh der 46jährige Zweig vor den Nationalsozialisten nach Palästina und liess sich in Haifa nieder. Des Hebräischen weitestgehend unkundig, durch eine Sehbehinderung am Erlernen der Sprache zusätzlich behindert, wich seine anfängliche Euphorie rasch einer Ernüchterung: Er fühlte sich in Eretz Israel als Schriftsteller zu wenig geschätzt, litt unter den bedrückenden ökonomischen Lebensverhältnissen, vermochte sich gesellschaftlich nicht zu assimilieren und verweigerte eine vollständige Identifikation mit dem Zionismus. Am 21.1.1933, nur einen Monat nach seiner Ankunft in Palästina, schrieb er entmutigt an Freud: „Bald funktioniert die Zentralheizung nicht, bald stank der Petroleumofen, bald lief der Regen zur Tür hinein und man musste sie abdichten, wenn der Wind gewechselt hatte. … Wir sind nicht bereit, unseren Standard aufzugeben, und das Land ist noch nicht bereit, ihn zu befriedigen. … Ich mache mir nichts mehr aus dem Land der Väter. Ich habe keinerlei zionistische Illusion mehr. Ich betrachte die Notwendigkeit, hier unter Juden zu leben, ohne Enthusiasmus, ohne Verschönerungen und selbst ohne Spott.“

Auf einen weiteren Brief antwortete ihm Freud: „Ihr Brief hat mich sehr bewegt. Er ist nicht das erste Mal, dass ich von den Schwierigkeiten des Kulturmenschen höre, sich in Palästina einzuleben. Die Geschichte hat dem Judenvolk keinen Anlass gegeben, seine Fähigkeiten zur Bildung eines Staates und einer Gesellschaft zu entwickeln. … Sie fühlen sich unbehaglich, aber ich wusste nicht, dass Sie die Isolierung so schlecht vertragen. … In Palästina haben Sie wenigstens persönliche Sicherheit und Ihre Menschenrechte. Und wo wollen Sie hingehen? Amerika würden Sie, nach all meinen Eindrücken, darf ich´s sagen, vielmehr unerträglicher finden. Überall sind Sie ein kaum geduldeter Fremder.“
Arnold Zweig blieb noch bis 1948 in Palästina; kurz vor der Staatsgründung Israels siedelte er in die DDR über.

 Diese Ambivalenzen und Konflikte Zweigs stehen repräsentativ für das schwierige Schicksal des Grossteils der ca. 70.000 Deutschen, die in den Jahren von 1933 – 1939 Zuflucht in Palästina fanden. Sie bildeten ein wesentliches Element bei der Entstehung des Staates Israel und wurden in Israel doch oftmals wegen ihres förmlichen Auftretens eher bespöttelt als wertgeschätzt. Hatten sie in der Mitte des vorigen Jahrhunderts das Aussehen ganzer Stadtviertel in Tel Aviv und Haifa geprägt, so sind sie heute in Israel eine aussterbende Generation, deren Spuren man dort nur noch vereinzelt zu begegnen vermag.

Der in New York geborene Historiker Laurence Weinbaum, der deutsch-schottische Fotograf Colin McPhershon sowie der in Yad Vashem tätige Historiker Gideon Greif – der aus einer deutschsprachigen, jüdischen Familie stammt und dessen Hauptarbeitsgebiet die Vernichtung der Juden in Auschwitz bildet (Greif 1995)  – haben ein eindrucksvolles, anrührendes Buch veröffentlicht, in welchem dem Schicksal dieser in Israel als „Jeckes“ bezeichneten Menschen ein überdauerndes Denkmal gesetzt wird.

In dem einleitenden Kapitel wird dem Begriff der Jeckes nachgegangen, der in Israel allgegenwärtig ist, zu dessen Entstehung jedoch diverse, schwer überprüfbare Theorien existieren: „Auch wenn nicht eindeutig geklärt ist, woher der Begriff stammt, so kann es dennoch keinen Zweifel daran geben, wen er bezeichnet. Die Juden, die in den dreissiger Jahren aus Deutschland nach Palästina kamen, bildeten eine einzigartige Gruppe innerhalb der palästinensisch-jüdischen und später israelischen Gesellschaft (…) Die Jeckes waren tatsächlich die einzigen Einwanderer (…) die an ihrer eigenen Kultur und Identität festhielten und die Anpassung verweigerten. Dies nahm ihnen der Rest der jüdischen Gesellschaft übel. Ungleich den jüdischen Einwanderern aus anderen Ländern, blieb die Bindung deutscher Juden an ihre frühere Heimat noch Jahre nach ihrer Einwanderung stark. Selbst der Holocaust schaffte es nicht, die emotionale Bindung zu Deutschland völlig zu brechen,“ (S. 2f.) konstatieren sie in der Einleitung.

In weiteren, kurz gehaltenen Kapiteln wird das jüdische Leben in Deutschland vor 1933, während der Jahre 1933 – 1939 sowie die biografische Bruchsituation in der Phase der Einwanderung nach Palästina nachgezeichnet. Den Schwerpunkt dieses lebendigen Buches jedoch bilden knapp 80 aus Interviews gestaltete biographische Porträts, welche sich vor allem an diesen genannten biografischen Phasen orientieren. Sie werden jeweils durch ein Foto eingeleitet, durch welches uns diese Menschen mit ihrer schwierigen Geschichte nahegebracht werden. Ein Teil dieser meist über 80jährigen ist bereits in den letzten Jahren  verstorben. Die biografischen Porträts, unprätentiös gestaltet, sind durchgehend als gelungen zu bezeichnen. Bereits nach wenigen Zeilen wird das individuelle Schicksal nachvollziehbar, als Teil eines kollektiven Vermächtnisses einordbar.

Ich möchte einige Biographien vorstellen: Jehuda Adler, 1930 in Frankfurt am Main geboren: „Ich möchte noch einmal nach Frankfurt – um mich an Ort und Stelle an meine Kindheit zu erinnern, unser Haus zu sehen, die Schule, die Synagoge – aber wirklich um das alles noch einmal zu sehen, ohne jeglichen Willen, nach Deutschland zurückzukehren. (…) Nach dem Holocaust habe ich viel nachgedacht, viel diskutiert und debattiert mit Freunden und Verwandten. Als ich ungefähr 15 Jahre alt war, bekam ich Zweifel bezüglich der Religion. (…) Dann ging ich zurück nach Haifa und war Lehrling in der Ata-Fabrik, in der Handelsabteilung. Später brach der Befreiungskrieg aus, und ich kämpfte im 22. Regiment, der Karmel-Einheit, und war mit 17 Jahren der jüngste Soldat. Aber das bedeutete für mich sehr viel, dass ich damals mitmachen durfte, einschliesslich der Befreiung von Haifa.“ (S. 63-65)

Ruth Bernheim, 1912 in Fürth geboren, floh 1939 mit ihrem Mann nach Palästina. Gemeinsam gründeten sie eine landwirtschaftliche Farm. Sie erinnert sich: „Meine Eltern waren überhaupt nicht fromm. Ausser den Feiertagen haben wir nichts eingehalten. Nur zu Rosch Haschana und Jom Kippur gingen wir in die Synagoge, und Pessach wurde immer gross im Rahmen der Familie gefeiert.“ (S. 74) Gemeinsam mit ihrem Mann sowie weiteren Jeckes gründeten sie eine landwirtschaftliche Farm: „Wir waren wirklich wie eine grosse Familie. Abends haben wir zusammen gesessen, alle jüdischen Feste zusammen gefeiert, es war eigentlich ein Zuhause – von Anfang an. Ich bin einmal mit meinem Sohn, der damals vielleicht zwei Jahre alt war, im Autobus gefahren, und natürlich habe ich mit ihm Deutsch gesprochen. Woher sollte das Kind denn auch Ivrith können? Da hätten die Leute mich bald erwürgt. `Nach allem was passiert ist, spricht man kein Deutsch´, sagten sie, aber wir waren erst zwei Wochen im Land…“

Lore Bloch wurde 1918 in Halle geboren, ging 1935 mit der Jugendalija nach Palästina und liess sich nach zwei Jahren im Kibbuzim Tel Chai nieder: „Als ich im Jahre 1935 wegfuhr aus Deutschland, hatte ich so das Gefühl, als ob ich auf Urlaub fahren würde. Es fiel mir also nicht schwer. Das einzige Schwere dabei war, dass meine Mutter, die mich zum Bahnhof gebracht hat, geweint hat.“ (S. 82) Die Integration in die Gesellschaft, geschützt wohl durch das Leben im Kibbuz, bereitete ihr keine Schwierigkeiten: „Ich war sehr gerne im Kibbuz, erstens mal wegen der Atmosphäre, der Jugendalija und dem Jugendbund. Das ist meiner Ansicht nach eine Entwicklungsphase, die kein Jugendlicher versäumen sollte. Eine der schönsten Zeiten, die ich erlebt hab´. Damals war ich 22 Jahre alt, und nachdem ich fünf Jahre dort war, beschloss ich, dass es jetzt genug wäre, und dass ich von nun an für mich selber beschliessen will. Ich habe mich wirklich wohlgefühlt, aber es gab so Dinge wie Abstimmungen, in Versammlungen, welchen Beruf ich erlernen soll, usw. und da habe ich beschlossen, den Kibbuz zu verlassen.“ (S. 84)

Gideon Greif et. al. haben ein wichtiges, ein wertvolles Werk vorgelegt. Es verlebendigt das Schicksal dieser aus Deutschland vertriebenen Juden, die sich z.T. erst durch diese rassistische Vertreibung selbst als Jude verstanden, verlebendigt deren Biographien, deren häufig zu gering erachteten Beiträge zur Entstehung des demokratischen Staates Israel. Es ist ein Werk, welches man nicht ohne Ergriffenheit zu lesen vermag. Es hat viele Leser verdient.

Erschienen in psychosozial Nr. 94 , Heft IV/2003, S. 134-136

Gideon Greif, C. McPershin, L. Weinbaum (Hg.): Die Jeckes: Deutsche Juden aus Israel erzählen. Köln 2000 (Böhlau), 318 S., Bestellen?

Literatur:

Gideon Greif (1995): „Wir weinten tränenlos…“.  Augenzeugenberichte des jüdischen „Sonderkommandos“ in Auschwitz. Frankfurt/M. 1999.
Manuel Wiznitzer: Arnold Zweig: Das Leben eines deutsch-jüdischen Schriftstellers, Frankfurt/M.

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