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Der leuchtende Augenblick

Über Menschen und Orte des Lesens…

Der leuchtende AugenblickIn der jüdischen Tradition bedeutet Lesen nicht nur Wissenserwerb, sondern auch Kraftquelle des Augenblicks. Immer wieder haben Kulturphilosophen wie Walter Benjamin oder Aby Warburg auf diesen magischen Moment des Lesen hingewiesen. Zur Geschichte des Lesens gehören aber auch die Orte, an denen Menschen ihre besonderen Erfahrungen mit Büchern machen. Ob in Cafés, Krankenhäusern, Flugzeugen, U-Bahnen oder in politischen Verstecken, in Kriegszonen oder in den Ghettos der Alten und der Neuen Welt: die Lektüre verändert sich je nach Umgebung, in der Leser sich mit Texten beschäftigen.

Der mehrfach ausgezeichnete Autor Gernot Wolfram stellt in seinem neuen faszinierenden Buch die Frage nach dem Verhältnis von Orten, Büchern und Menschen im digitalen Zeitalter. Leser sind heute moderne Nomaden, ständig unterwegs und fortwährend an einen Strom von Bildern, Texten und Zeichen angeschlossen. Brauchen sie überhaupt noch Orte wie Buchhandlungen oder Bibliotheken? Ob in Flugzeugen, Autos oder auf den Plätzen der großen Metropolen: der Leser ist verbunden mit virtuellen Welten, aus denen er seine Lektüre hervorzieht. Was aber geschieht, wenn der Zugang zu den digitalen Welten brüchig wird, wie im Herbst 2012, als der Wirbelsturm Sandy ganze Stadtteile New Yorks auch digital lahmlegte?

Lesen wir anders in Krankenhäusern, Gefängnissen oder in Cafés, die als digitale Hot Spots eine vollkommen andere Nähe zur Schrift herstellen? Was geschieht in diesen Augenblicken?

Auf einem farbig geschriebenen Pfad durch die Geschichte des Lesens zeigt Gernot Wolfram die verschiedenen Räume, in denen das Lesen eine jeweils andere Bedeutung erfahren hat. Von den Klosterzellen des Mittelalters bis zu den Verstecken des Warschauer Ghettos, von den grünen Waldhainen der Romantik bis zu den gläsernen Bibliotheken der Postmoderne: Wolfram folgt Texten und Menschen und versucht zu zeigen, dass selbst im Zeitalter von E-books und Tablets die Sehnsucht nach den Augenblicken eines Zu-Sich-Selbst-Kommens im Raum der Literatur nicht verschwunden ist. Dabei folgt er auch den Spuren der jüdischen Lesetraditionen, in denen es nicht vordergründig um Bildung und Wissenserwerb geht, sondern um den Augenblick, in dem die Macht der Buchstaben das eigene Leben verändern kann.

Gernot Wolfram, Autor und Publizist, geboren 1975 in Zittau/Sachsen, erhielt zahlreiche Preise für seine literarischen Arbeiten, unter anderem den Walter-Serner-Preis sowie den renommierten Sylter Inselschreiberpreis. Er veröffentlichte Romane, Erzählungen und Theaterlibretti (zuletzt für eine Uraufführung während der Europäischen Festwochen Passau), zudem schrieb er Essays für die „Süddeutsche Zeitung“, die „FAZ“, „Die Welt“, die „taz“ und die „Jüdische Allgemeine“. Zuletzt erschien bei der Deutschen Verlagsanstalt sein Roman „Das Wüstenhaus“. Gernot Wolfram lebt in Berlin und lehrt an verschiedenen Hochschulen im In- und Ausland.

Gernot Wolfram, Der leuchtende Augenblick. Über Menschen und Orte des Lesens. Essay, 144 Seiten, 20 Abb., Hentrich & Hentrich 2013, Euro 14,90, Bestellen?

LESEPROBE, © Hentrich & Hentrich:

In einem Hinterhof in der Berliner Brunnenstraße befindet sich eine kleine Privatsynagoge aus dem frühen 20. Jahrhundert, eingeklemmt zwischen heruntergekommenen Mietshäusern und einigen, den kargen Lichtverhältnissen des Hofes trotzenden Bäumen.

Das Haus ähnelt einem maurischen Badehaus mit seinen bullaugenartigen Fenstern, seinem flachen Dach und seiner ehrwürdigen Verschwiegenheit. Das Gebäude ist ein Fremdling im Viertel. Es passt in keiner Weise zu den anderen Mietshäusern und den preußisch geschnittenen Straßenzügen ringsum.

Einst beherbergte das Haus die kleine jüdische Gemeinde Beth Zion, ein Versammlungsort und ein Lehrhaus für Juden aus Osteuropa. Jetzt befindet sich darin eine moderne Jeschiwa, eine orthodoxe Thoraschule. Das Gebäude ist für Unbefugte nicht mehr zu betreten. Tag und Nacht stehen Polizisten davor. Es ist, stadttopographisch gesehen, ein versiegelter Ort. Gleichzeitig bleibt es durch seine Geschichte weithin geöffnet. Es gehört zu den ruhmlosen, symbolischen Stätten des Lesens, zu jenen stillen Kammern geistigen Lebens, die nicht durch berühmte Lehrer oder Veröffentlichungen von Bedeutung sind, sondern durch ihre Kraft, Orte zu sein, an denen das Lesen eine eigene Technik und Kraft entwickelt hat.

Ich habe dieses Haus nie mit den Augen eines religiösen Menschen betrachtet, sondern von Anfang an mit dem Blick des kulturellen Phänomene-Sammlers. Für mich gehörte es, seit ich es sah, sofort zu den Stätten, die zu den zentralen Werkstätten geistigen Lebens zählen: Bibliotheken, Archive, Museen, Versammlungsorte, Gesprächsräume, Lehrhäuser. Es gibt freilich viele solcher Häuser. Für jeden Einzelnen existieren solche Orte, die ihn an die besondere Macht des Lesens und Denkens erinnern, sofern man ihr Vorhandensein ins Bewusstsein drängen lässt.

Kultur ist nicht denkbar ohne solche Räume, die als Labore und Dunkelkammern dienen, als Hüllen für das schwer fassbare Gewebe geistiger Prägungen. Jene Privatsynagoge ist für mich aber aus noch einem Grund etwas Bemerkenswertes. Sie ist in meiner Wahrnehmung mit einem Foto verbunden, das die Verbindung zwischen Ort und Leseerfahrung wie in einem Brennglas verdeutlicht.

Ich fand vor einigen Jahren in den Archiven lokaler Geschichtsforscher eine alte Fotografie, von der allerdings nicht klar war, ob sie wirklich in der Synagoge in der Brunnenstraße aufgenommen worden war, obgleich es eine schriftliche Zuordnung gab. Was war darauf zu sehen?

Ein langer Tisch in einem sauber ausgeleuchteten Raum; lauter junge Männer in weißen Hemden und schwarzen Hosen sitzen entlang der Längsseiten. Einige haben den Kopf auf die Hände gestützt, die Gesichter entspannt und offen, ein mattes Nachmittagslicht im Rücken. Aufmerksam, geduldig und versunken in den Akt des Lesens sitzen sie vor ihren Büchern. Ohne dass sichtbar wurde, was sie lasen, faszinierte mich die Atmosphäre des Bildes. Das Lesen erschien darauf als eine Form des gedanklichen Lebens, die sich deutlich unterschied von den mir bekannten Begriffen Lernen, Studieren, Sich-Bilden. Hier standen augenscheinlich nicht der Zweck und das Ziel des Lesens im Vordergrund, sondern der Zustand, der Augenblick, in dem sich das Lesen vollzieht. Es machte den Eindruck, als ob das Wissenwollen in den Gesichtern dieser jungen Männer verschwunden war zugunsten einer Augenblickintensität, einer einfachen und zugleich überwältigenden Zufriedenheit, mit den gelesenen Worten genau an diesem Ort zusammen sein zu können. Nicht sammeln, aufhäufen, sondern aufnehmen, lesen, wirken lassen…

Nach jüdischer Tradition ist der wiederholte, ständig erneuerte Kontakt zu den Buchstaben weitaus bedeutsamer als das Aufsammeln von Wissen. Solange man liest, ist man mit der Energie der Wörter und Buchstaben verbunden.

Erst im Moment des Wiederlesens öffnet sich auch der Zugang zu den Quellen der Geschichte, zu den Toren der Erinnerung und des eigenen Verbundenseins mit der Welt der Wörter und der Dinge. Wenn wir lesen, so scheint es, betreten wir eine besondere Zone von Gegenwart. Was die Augen im Augen-Blick finden, ist von Bedeutung, nicht, was sie ins Gedächtnis weiterleiten. Das Lesen bindet für eine kurze Spanne Zeit an die Kraft der Buchstaben. Dafür braucht es geeignete Orte.

Der verschwundene Nachmittag der jungen Männer in dem Gebäude, das offensichtlich die Berliner Privatsynagoge Beth-Zion war, erinnert mich immer wieder daran, dass der Aufenthaltsort der eigenen Leseerlebnisse womöglich bedeutsamer ist, als man sich manchmal selbst eingestehen will.

Der Zugang zum Verständnis des Begriffes Kultur ist häufig mit dem Problem verbunden, dass etwas vermittelt wird, ohne dass die Räume, in denen das Vermittelte seine Bedeutung entfaltet, gezeigt werden können. Der Ausstellungscharakter von Wissen, der scheinbar leichte Zugriff auf die Phänomene der Kultur, hat hier einige seiner Untiefen zu bewältigen. So wie die Kacheln eines Hauses in einem Museum nur wenig von dem längst verschwundenen Haus erzählen, aber vieles von unserem Wunsch, es wenigstens in einigen Fragmenten zu retten.

Als ich als Autor begann, in Hochschulen und Universitäten Kulturwissenschaften zu unterrichten (wobei dies der offizielle Terminus ist, der mich nicht überzeugt, denn Kultur, so scheint mir, lässt sich nicht unterrichten, es lassen sich lediglich Bilder erzählen, in denen etwas von dem aufscheint, was man aus ehrgeiziger Hilflosigkeit Kultur nennt), war ich mit der Aufgabe konfrontiert, aus der Fülle der möglichen Zugänge zu dem Begriff Kultur eine Auswahl zu treffen, die zwangsläufig zu schwierigen Einschränkungen führte. Literatur, Theater, Tanz, Film, die Phänomene der Alltagskultur, der Einfluss der Religionen, der Politik, der Wissenschaften, die sich ständig wandelnden Positionen der Kulturwissenschaften, die stetige Entgrenzung des Begriffes in immer neue Disziplinen hinein (etwa in die Biologie und Chemie) – all diese Aspekte sollten berücksichtigt werden. Dazu kommt, dass die Studierenden mich bis heute fragen: Wie viel muss man denn gelesen haben, um ein Verständnis für den Begriff Kultur entwickeln zu können?

Manche Lehrenden beantworten diese Fragen mit Literaturlisten (meist in großem Umfang). Ich habe schnell gemerkt, dass dies eher zu Frustration führt. Wenn das Lesen zur Aneignungspflicht wird – gerade im Feld der Kultur –, verliert es seinen Schlüsselcharakter. Eine genaue Kenntnis von Standpunkten, Methoden und Zugängen ist wichtig. Regelmäßig Inventur zu halten, ist unabdingbar für jede Kunst und jede Wissenschaft. Für das Ziel des Erkenntnisgewinns, vor allem bei Studierenden, kann es jedoch auch kontraproduktiv sein – wenn der große Überblick im Mittelpunkt der Bemühungen steht.

Peter Burke hat das sehr schön in seinem kleinen Büchlein mit dem Titel „Was ist Kulturgeschichte?“ gezeigt, ein Kompendium von Standpunkten, die Lust darauf machen, sich neu in die reiche Literatur der Kulturgeschichte zu vertiefen. Burke versucht, einen Leseweg aufzuzeichnen, der die Fülle kulturgeschichtlicher Positionen verdeutlicht. So beeindruckend der Pfad ist, so unbefriedigend ist er am Ende, da die beschriebenen Werke vor allem deutlich auf Leerstellen verweisen. Auf jeder Seite bleiben die Bücher präsent, die er nicht genannt hat, die aus dem Raster fallen müssen, was zu einem Gefühl der Enttäuschung führt. Und schlechterdings unmöglich ist es, gar die Fülle der Umgebungen zu verdeutlichen, in denen kulturelle Produktionen entstanden sind. Daher scheint es mir wichtig zu sein, immer wieder auch auf Einzelaspekte der Kulturgeschichte einzugehen, auf ihre Herzzentren, zu denen, zumindest in der westlichen Welt, die Geschichte des Lesens als ein Navigationsinstrument durch Kultur gehört.

Hier kann man studieren, dass gerade literarische Werke eine andere Geschichte über die Welt erzählen, in der wir leben, auch über die andere Art der Erkenntnis, die sich durch künstlerische Weltzugänge ergibt. Hier lässt sich auch verstehen, dass der Leser immer ein Einzelgänger ist, ein Exot mit sonderbaren Bildern im Kopf, die eine Schar harmloser Buchstaben durch eine verborgene Kraft auszulösen versteht.

Der tschechische Schriftsteller Milan Kundera hat in seinem Buch „Die Kunst des Romans“ zu Recht darauf hingewiesen, dass nicht nur die Geschichte der Philosophie und der Kunstgeschichte den Kulturbegriff (bzw. die Kulturbegriffe) der Neuzeit geprägt haben, sondern auch die Geschichte des Romans und der Literatur. Sie wählt jedoch einen anderen Zugang zur Kultur, einen, in dem sich in der Gestaltung von Geschichten und Einzelschicksalen das kulturelle Bewusstsein vieler Generationen widerspiegelt.

„Seit Beginn der Neuzeit ist der Roman dem Menschen ein ständiger, treuer Begleiter. Die Leidenschaft des Erkenntnisstrebens (die Husserl zufolge das eigentliche Wesen der europäischen Geistigkeit ausmacht) hat sich des Romans bemächtigt, damit er das konkrete Leben des Menschen erforscht und vor der ‚Seinsvergessenheit’ schützt; damit die ‚Lebenswelt‘ immer wieder ins Licht rückt.“

Die Literatur und das Lesen sind jene Bereiche der Kulturbildung, in denen sich das Assoziative, Irrationale und Einmalige der menschlichen Erfahrung auf besondere Weise entfalten können. Die Lebenswelt, die hier gemeint ist, umschließt nicht nur das eigene Leben, sondern auch die sinnliche Erfahrung, wie sich die Räume um uns verändern, wie wir uns in ihnen verändern.

Aus der europäischen Landschaft ist seit den ersten großen Romanen der Neuzeit eine vollkommen andere geworden. „Bei Balzac, ein halbes Jahrhundert nach Diderot, ist der weite Horizont wie eine Landschaft hinter den modernen Gebäuden sozialer Institutionen – der Polizei, der Justiz, der Finanz- und Verbrecherwelt, der Armee, dem Staat – verschwunden. Balzacs Zeit kennt Cervantes’ und Diderots glückliche Muße nicht mehr. Sie ist in den Zug eingestiegen, den man Geschichte nennt. (…) Noch später, bei Emma Bovary, verengt sich der Horizont in einem Maße, dass er wie eine Umzäunung wirkt. (…) In der Langweile der Alltäglichkeit gewinnen Träume und Träumereien an Bedeutung. Die verlorene Unendlichkeit der Außenwelt wird durch die Unendlichkeit der Seele ersetzt.“

Und zieht man den Kreis nochmal enger, dann lohnt es sich, auf das persönliche Verhältnis zwischen dem Leser (mit seiner begrenzten Lebenszeit), seiner Aufnahmefähigkeit und der unendlichen Fülle des Lesenswerten und Lesensnotwendigen im jeweiligen Jetzt zu blicken: Die Augen auf den sehr privaten, daher wenig wissenschaftstauglichen Raum zu lenken, in dem wir uns bewusst werden, an welchen Orten und unter welchen Bedingungen wir unsere eigenen geistigen Entdeckungen und Wegfindungen erleben. Und auf die Kraft der Buchstaben, uns im Jetzt zu halten, ziellos zunächst, ohne Absichten und Ansprüche.

Daher möchte der vorliegende Essay einen Schritt beiseite gehen: nicht um die großen Fragen der Literaturgeschichte soll es gehen, nicht um Ein- und Überblicke, sondern um einen möglicherweise abseitigen, vielleicht aber auch sehr zentralen Aspekt kulturellen Lebens: um den Raum, in dem sich das Lesen vollzieht, den wechselnden Aufenthaltsort, den unruhigen Verlauf der Strecken, die wir mit Büchern gemeinsam zurücklegen, mit literarischen wie mit wissenschaftlichen. Und um die Augenblicke, in denen dieses Verhältnis sichtbar wird. Wenn es gelingt, soll der Leser entführt werden in einen der ruhigen Räume, wie er auf dem Foto aus der Jeschiwa in der Brunnenstraße zu sehen ist: in einen Raum, in dem für Momente zwischen Buchstaben und Menschen eine besondere Biographie entstehen kann.

Alberto Manguel hat in seinem großartigen Buch „Eine Geschichte des Lesens“ von den unzähligen Orten des Lesens erzählt, die in der Kulturgeschichte Ruhm und Bedeutung erlangt haben. Vom Bild des jungen, lässig in einer Schriftrolle lesenden Aristoteles, wie ihn Charles Degeorge gesehen hat, über die farbenfrohen Zeichnungen enthusiastischer Islamschüler, die in einer Medresse den Koran studieren, bis zum Gemälde des Streits Jesu mit den im Tempel über ihre Lehrtexte gebeugten jüdischen Schriftgelehrten aus der Schongauer Schule.

Er erzählt von Synagogen, Tempelhäusern, Zelten, Bibliotheken, Waldhainen und verschwiegenen Leseplätzen selbstgewählter Einsamkeit. Die Orte des Lesens werden zu Symbolen für den inneren Raum des Lesers, in dem sich die Zeichen versammeln und im Bewusstsein des Einzelnen zu jenem Palast der selbstgeschaffenen Bilder werden, der das Lesen so faszinierend macht.

Detailkundig und ausführlich erzählt Manguel die Geschichte von Lesern, die, ganz gleich ob sie auf eine Papyrusrolle blicken oder auf industriell gefertigte Buchseiten, angeschlossen sind an einem Strom von Assoziationen, mit denen sie sich in der Welt zurechtfinden können.

Bei Manguel erscheint das Lesen als der große kulturbildende Prozess, der Zeiten und Epochen miteinander verbindet.

Im 21. Jahrhundert wirkt diese Beschwörung fast wie ein Traum, dem man gern noch einmal glauben möchte, obgleich die Realitäten eher darauf hinweisen, dass das Lesen sich langsam auflöst in einem Meer von vielen anderen Möglichkeiten der Informations- und Identitätsgewinnung. Das Lesen im Zeitalter des digitalen Rauschs verändert seine Umgebung, wird zu einem flüchtigen Erlebnis, das gleichzeitig in seiner Flüchtigkeit neue Horizonte eröffnet.

Daher soll es im vorliegenden Essay nicht um eine Geschichte des Lesens gehen, sondern um eine Geschichte der Flüchtigkeit, des Augenblicks, in dem zwischen Leser, Aufenthaltsort und Gelesenem eine besondere Beziehung entsteht. Der kurzen Erregung, wenn uns eine Formulierung trifft, irgendwo im „Stimmengewirr, das aus der Weltmuschel dringt“ (Albrecht Goes), wenn ein Text sich öffnet, weil er dem Leser in einer besonderen Situation, an einem hervorgehobenen oder ganz gewöhnlichen Ort begegnet, soll die Aufmerksamkeit gelten. „Denn das Verlangen zu lesen ist wie alle anderen Sehnsüchte, die unsere unglückliche Seele aufwühlen, der Analyse fähig“, hatte Virginia Woolf geschrieben. Diese „Analyse“ soll im vorliegenden Fall den Orten und Bedingungen gelten, die uns Texte auf eine andere, jedes Mal neue Art und Weise erschließen helfen.

Ich denke bis heute, wenn ich an der Privatsynagoge Beth Zion in Berlin vorübergehe, an das Bild der lesenden Jungen auf der Fotografie. An das besondere Verhältnis zwischen dem Lesen und den Orten, an denen jemand liest. An das unscharfe, schwimmende Gelände des Denkens und Phantasierens. (Phantasieren verstanden als „Erwärmung des Vorhandenen“, wie es bei Ludwig Hohl heißt.)

Der vorliegende Essay wird nicht dazu beitragen, etwas an dieser Unschärfe zu ändern. Womöglich verstärkt er sie sogar noch. Er ist vielmehr dafür gedacht, demjenigen, der sich auf die Suche nach der Anziehungskraft des Begriffes Kultur macht, einen Blickwinkel zu eröffnen, der die individuelle Leseerfahrung als starkes und vertrauenswürdiges Reisegepäck des eigenen Interesses in den Mittelpunkt stellt.

LESEPROBE AUS:
Gernot Wolfram: Der leuchtende Augenblick, Hentrich & Hentrich Verlag Berlin, 2013, Bestellen?

1 comment to Der leuchtende Augenblick

  • mfb

    „Einst beherbergte das Haus die kleine jüdische Gemeinde Beth Zion, ein Versammlungsort und ein Lehrhaus für Juden aus Osteuropa. Jetzt befindet sich darin eine moderne Jeschiwa, eine orthodoxe Thoraschule. Das Gebäude ist für Unbefugte nicht mehr zu betreten. Tag und Nacht stehen Polizisten davor. Es ist, stadttopographisch gesehen, ein versiegelter Ort. Gleichzeitig bleibt es durch seine Geschichte weithin geöffnet.“

    1. Ich finde es beschämend – nein, ich fühle mich beschämt, dass es in Deutschland Orte gibt, für die gilt: „Tag und Nacht stehen Polizisten davor.“
    2. Nein – ein „versiegelter Ort“ bleibt auch durch seine Geschichte NICHT geöffnet.
    3. Grundsätzlich finde ich für Kultur- und religiöse Orte die Formulierung „für Unbefugte verboten“ völlig destruktiv. Ja – es gibt sicher in jeder Religion Orte, die den jeweiligen Priestern und/oder Gläubigen vorbehalten sein sollte/muss bzw. ist. Im Zusammenhang von kulturellen oder religiösen Räumen aber von „Unbefugten“ zu sprechen halte ich für schlimmstes „Amtsdeutsch“.