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Deutsche(s) in Palästina und Israel

Das neue Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte beschäftigt sich mit Alltag, Kultur und Politik von Deutschem im vorstaatlichen Jischuw und Israel…

Deutsche(s) in Palästina und IsraelDie deutschen Juden, die nach Palästina vornehmlich in den 1930er Jahren einwanderten, die sog. Jeckes, waren in den vergangenen Jahren vermehrt Gegenstand historischer Forschung. Trotz ihrer zentralen Rolle in der Geschichte des Zionismus, begann die große Einwanderungswelle aus Mitteleuropa erst mit dem Aufstieg der Nazis. Für die Jeckes wurde daher der Ausspruch „Kommst Du aus Überzeugung oder aus Deutschland?“ geprägt.

Das neue Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, herausgegeben von José Brunner im Auftrag des Minerva Instituts für deutsche Geschichte der Universität Tel Aviv, zeigt viele neue Aspekte der deutschen Einwanderung jenseits der Anekdoten über die Jeckes auf und spannt gleichzeitig den Bogen zur Gegenwart und den deutsch-israelischen Beziehungen.

Im ersten Teil, der den Alltag der Einwanderer beleuchtet, ist vor allem der Beitrag von Viola Rautenberg-Alianov erwähnenswert, die anhand von Kochanleitungen das Dilemma deutsch-jüdischer Hausfrauen und ihrer Küche in den 30er Jahren schildert: „Schlagsahne oder Shemen-Öl?“ Die Küche sei entweder als Ort der Veränderung oder aber als Ort der Erinnerung konstruiert worden.

Im Zweiten Teil des Bandes geht es um Bücher, Bibliotheken und Archive, wobei unter anderem hebräische Übersetzungen deutscher Klassiker, aber auch Büchersammlungen deutscher Einwanderer und der Erwerb von Privatnachlässen durch die Jerusalemer Nationalbibliothek  Thema sind.

Der dritte Teil wendet sich der Politik zu und untersucht die deutsch-israelischen Beziehungen, auch aus Sicht des Sports und des Jugendaustausches. Im abschließenden Beitrag analysiert Moshe Zimmermann das Image der Deutschen in Israel seit der Wiedervereinigung und konstatiert eine assymmetrische Erscheinung: Während das Image der Deutschen in Israel konstant positiver geworden ist, wird Israel in der deutschen Öffentlichkeit Israel negativer als je zuvor gesehen.

Insgesamt ein sehr kurzweiliger Band, der nicht nur für das Fachpublikum empfehlenswert ist. Im Gegenteil, dem neuen Tel Aviver Jahrbuch sei eine breite Leserschaft gewünscht, denn Israel wird hier in ganz unbekannten Aspekten lebendig.

José Brunner (Hg.), Deutsche(s) in Palästina und Israel. Alltag, Kultur, Politik, Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, Bd. 41, Wallstein Verlag, Göttingen 2013, 307 S., Euro 36,00, Bestellen?

LESEPROBE
Deutsche(s) in Palästina und Israel: Editorial von José Brunner

Die geografische und kulturelle Polarität, die in dem Titel Deutscbe(s) in Palästina und Israel anklingt, ist einfach zu umreißen: Ganz offensichtlich geht es um die Präsenz von aus Mitteleuropa stammenden Menschen auf einem schmalen Streifen Land am östlichen Ufer des Mittelmeers, ihre Insti­tutionen, kulturellen Ausprägungen, Erinnerungen und Imaginationen. Wel­che Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit dieser gesellschaftlichen, materi­ellen und kulturellen Verpflanzung aus der Mitte Europas in die Levante entsprungen sind, lässt sich indes nicht in kurze Worte fassen.

So gilt es also, die Beweggründe und Kontexte zu analysieren, die ver­schiedene Gruppen von Deutschen nach Israel brachten und bringen. Frei­lich begann die Geschichte der deutschen Anwesenheit im Heiligen Land in der Moderne schon vor der Zeit, in welcher der vorliegende Band ansetzt. Es waren die Templer, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts als christlich-millenarische Siedler die erste moderne Einwanderergruppe aus Deutschland bildeten.1 Sie sorgten dafür, dass zur Jahrhundertwende hin die deutsche Prä­senz und die Aktivitäten deutscher Christen im Heiligen Land umfassender und tiefgreifender waren als die der anderen Großmächte.

Der Zeitraum, mit dem sich dieser Band befasst, beginnt mit der Einwan­derung eines prominenten deutschsprachigen zionistischen Pädagogen, der noch vor dem Ersten Weltkrieg nach Palästina gelangte. Zu dieser Zeit ent­schieden sich nur wenige ideologisch motivierte deutsche Juden für die Aus­wanderung nach Palästina. Erst mit dem Machtantritt Hitlers begannen jüdi­sche Einwanderer aus Deutschland, die »Jeckes«, die der nationalsozialistischen Verfolgung zu entgehen versuchten, in größeren Zahlen ins Land zu kom­men. Dabei half ihnen unter anderem auch das »Ha’avara-Abkommen«, das im August 1933 zwischen der deutschen Regierung und Repräsentanten des »Jischuw«, der vorstaatlichen jüdischen Gemeinschaft, geschlossen wurde, um Flüchtlingen aus Deutschland zu ermöglichen, wenigstens einen kleinen Teil ihres Besitzes nach Palästina zu retten.2 Diese Einwanderer waren Teil der sogenannten fünften »Alija« (Einwanderungswelle), nach 1945 sollten ihnen noch weitere deutschsprachige Holocaustüberlebende folgen.

Die Lebenswelt der Jeckes, die in den dreißiger Jahren in Palästina eintra­fen, war von einer Reihe von Gegensätzen geprägt. Zwar waren sie größten­teils ihrem Selbstverständnis nach keine Zionisten, gleichwohl befanden auch sie sich auf der Suche nach einer neuen Heimat. Obgleich sie, relativ gesehen, spät zum Jischuw stießen, betrachteten sie sich als Elite. Sie wollten das Land mit aufbauen, konnten sich aber nicht mit den damals dominanten sozialis­tischen Idealen anfreunden und wollten mehrheitlich nicht als Pioniere in landwirtschaftlichen Kollektiven tätig sein. Zumeist bevorzugten sie das ka­pitalistische und bourgeoise Leben in den neu entstehenden Urbanen Zentren Tel Avivs, Haifas und Westjerusalems.

Nach dem Krieg gab es wohl kaum objektive Hindernisse, die einer voll­ständigen Integration der Jeckes in Palästina/Israel im Wege gestanden hät­ten. Einige von ihnen waren hochqualifiziert ausgebildet, was ihnen beruf­lichen Erfolg versprach. In jenen Sparten, in denen sie diese Ausbildung praktisch anwenden konnten, so in der Architektur, der Stadtplanung, der Medizin und im Rechtswesen, waren die Jeckes prägend. Auch in manchen handwerklichen Berufen werden in Israel bis heute deutsche Ausdrücke ver­wendet, über deren Ursprung sich die Israelis oft gar nicht bewusst sind. Doch ging es den Jeckes nie ausschließlich um Fachwissen und Karriere, son­dern immer auch um das Bewahren der Werte ihrer deutschen Bildung, ihres Gedankenguts und ihrer kulturellen Ideale, durch die sie sich von der damals noch primär osteuropäisch geprägten jüdischen Umwelt des Landes abzuset­zen suchten.

Sobald man sich etwas weiter in diese Thematik vertieft, stellt man fest, dass es falsch wäre, die Jeckes, die in den dreißiger Jahren nach Palästina kamen, ausschließlich auf einen säkular-liberalen Mittelschichtsstatus zu reduzieren. Nimmt man die deutsch-jüdischen Einwanderer jener Periode genauer unter die Lupe, so erweisen sie sich als eine sehr vielfältige Gruppie­rung, zu der durchaus auch bedeutende Persönlichkeiten des religiösen Le­bens zählten, denn es fanden auch deutsche Synagogengemeinden in »Erez Israel« Zuflucht. So kommt man zum Schluss, dass die Jeckes nicht nur eine, sondern eine Vielzahl Strategien der Abgrenzung und Integration innerhalb des Jischuw entwickelten. Auch die Art und Weise, in der sie neue und alte Heimat definierten, war komplex und unterschiedlich.

Zudem waren nicht nur die Jeckes der aus Polen und Russland stammen­den politischen Elite des Jischuw gegenüber ambivalent, gemischte Gefühle gab es auf beiden Seiten. Die aus Osteuropa stammende Führung des Jischuw war sich des mangelnden Zionismus und der städtischen Orientierung der Jeckes bewusst und empfand die deutsche Kultur als fremd: In den dreißiger Jahren identifizierte man sie mit den Verfolgern und in der Nachkriegszeit mit der Vernichtung. Die Sehnsucht der Jeckes nach Deutschland und die Bewunderung, die die deutsche Kultur bei ihnen auch nach dem Holocaust genoss, waren kaum nachvollziehbar. Eineinhalb Jahre nach der Staatsgrün­dung, im November 1949, entschied die israelische Zensurbehörde, öffent­liche Kulturveranstaltungen in deutscher Sprache zu verbieten. Jahrzehnte­lang war es verpönt, in der israelischen Öffentlichkeit deutsch zu sprechen. Dennoch gab es im Jischuw und später in Israel eine Vielzahl deutschsprachi­ger Publikationen. (…)

Auszug aus: Deutsche(s) in Palästina und Israel. Alltag, Kultur, Politik
Hg. von José Brunner, Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte (Hg. im Auftrag des Minerva Instituts für deutsche Geschichte der Universität Tel Aviv von José Brunner), Bd. 41
© Wallstein Verlag, Göttingen 2013.

  1. Alex Carmel, Die Siedlungen der württembergischen Templer in Palästina (1868-1918) (= Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg: Reihe B, Forschungen; Bd. 77), Stuttgart 2000. []
  2. Vgl. Avraham Barkai, German Interests in the Haavara-Transfer Agreement 1933-1939, in: Leo Baeck Institute Yearbook 35 (1990), 245-266. []

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