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Lauter krumme Dinger

Der dritte Band von Joann Sfars Klezmer Graphic Novel „Diebe, alles Diebe!“ ist erschienen…

Von Sonja Galler

Also, weiter geht’s. Der französische Zeichner Joann Sfar ist einer der produktivsten seiner Zunft: Nicht nur zahllose Comicprojekte entsprangen seiner Feder, 2010 hat er darüber hinaus mit „Gainsbourg“ sein vielbeachtetes Debüt als Filmregisseur und Drehbuchautor gegeben. Dicht gefolgt von der Verfilmung seiner fünfbändigen Albenreihe „Die Katze des Rabbiners“, die in diesem Frühjahr in die französischen Kinos kommt.

Neben all dem bleibt Sfar Zeit, die ungewöhnlichste Klezmer-Band aller Zeiten erneut in den zaristischen Osten unter Nikolaus II. zu schicken. Im jüngst auf Deutsch erschienen dritten Band der Graphic Novel „Klezmer“ sind sie alle wieder beisammen: Die aus der engen Welt der Yeshiva entflohenen Schüler Jaacov und Vincenzo (Banjo/Violine), die freiheitsliebende, wild verführerische Sängerin Chawa, der leicht erzürnbare Klarinettist Baron und an der Gitarre: der wagemutige Zigeuner Tchokola. Ihr Vagabunden-Dasein haben sie vorerst aufgegeben und Unterschlupf im Haus einer nach Palästina ausgewanderten alten Dame gefunden. Aus den mit allen sieben Wassern gewaschenen Musikern sind längst echte Freunde geworden, die mit ihren frechen Wortwechseln an manchem (jüdischen) Klischee rütteln. Selten eine Münze in der Tasche und heimatlos allesamt, verbindet sie vor allem die Musik. Doch das unbeschwert-anarchische Treiben in ihrer „autonomen Künstlerrepublik“ mitten in Odessa währt nur kurze Zeit. Durch Zufall gelangt die Truppe an eine Waffenkiste, wodurch allerlei Verwirrungen ausgelöst werden.

Mit der Wumme in der Hand

Wie schon in den Vorgänger-Bänden geht es auch in „Diebe, alles Diebe!“ um ostjüdische Musik und den richtigen Drive (und die Frage, ob Notenlesen dafür wirklich wichtig ist), um die aufkommende Feindlichkeit gegenüber Juden und Roma, die in einer der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts münden wird, wie um überquellenden, mitunter trickreichen Lebenswillen.    

„Diebe, alles Diebe!“ huldigt, mit der Wumme in der Hand, aber auch Odessa als einer Stadt, die für ihre Schurken und Ganoven einst ebenso berühmt war wie für ihre Dichter. Jaacov, dem es schon in den vorangehenden Bänden gewaltig in den Fingern zuckte, erhält nun endlich Gelegenheit, seine kriminelle Energie auszuleben. Beim nächtlichen Raubbesuch im örtlichen Instrumentenladen, begegnet ihm der legendäre Anarchist und Bandit Mischka Japontschik alias Benja Kirk aka. Jene historisch verbürgte Gestalt, der einst Isaak Babel ein literarisches Denkmal setzte.

Neben Musik, Gaunerei und erotischen Abenteuern, sind Sfars Zeichnungen die eigentlichen Protagonisten: Sfars kaum kaschierte Bleistiftvorzeichnungen, die überfließenden, satten Aquarellfarben neben dem leichthändig Dahingekritzeltem schaffen eine dichte Atmosphäre und ein Schweben der Figuren, wie sie nur selten im Comic zu finden sind. Weil Sfars Bänden auch Skizzenblätter, Reisenotizen und Kommentare zur Aquarellkunst beigefügt sind, hat der Leser mitunter das Gefühl, in der überreichen Arbeitsmappe eines Künstlers stöbern zu dürfen.

Eine jüdische Welt erfinden

Anstatt um historisch-pedantische Detailversessenheit, ist es Sfar auch in „Diebe, alles Diebe!“ darum zu tun, eine an Witz und Einfallsreichtum überbordende Welt zu erfinden. Ihm gelingt das Kunststück, untergegangene jüdische Lebenswelten jenseits folkloristischer Schnörkel zu neuem Schwung zu verhelfen, ohne dass deren schwankender Boden je aus dem Bewusstsein geraten würde: „Ich zeichne keine heile jiddische Welt, die hat es zwischen Lemburg und Odessa nie gegeben.“

Sfar, der selbst in Nizza geboren wurde, huldigt in seinen Comics der algerisch-ukrainischen Herkunft seiner Eltern: Schien in der Reihe „Die Katze des Rabbiners“ die jüdische Welt des Maghreb auf, reist Sfar mit der „Klezmer“-Reihe in die aschkenasische Welt seiner Familie mütterlicherseits. Wenn er seine Comics mit Randbemerkungen über die eigene Familiengeschichte spickt, verwebt er das Phantastische mit dem Biographischen, manchmal auch Politischem. Emotional nachvollziehbar ist, warum er seinem aktuellen Band neben Reiseskizzen aus Odessa, einen Exkurs zur Legitimität des Staates Israel anschließt. Dennoch steht dieser direkte Appell im Gegensatz zur Subtilität seiner Erzählweise. 

Der dritte Band der „Klezmer“-Reihe ist eine charmante, wenn auch weniger tiefgehende Episode als die vorangehenden Bände. Die Ahnung, dass es sich jedoch nur um ein kurzes Intermezzo der Unbeschwertheit handelt, scheint im Schlusssatz auf: „Ob sie in Odessa wohl glücklich werden? Ist es denn zu viel verlangt, dass man sie in Ruhe ihre Musik machen lässt? Sicher, das ist zu viel.“ 

Joann Sfar:
Klezmer 1: Die Eroberung des Ostens. 2007.
Klezmer 2: Alles Gute zum Geburtstag, Scylla. 2009.

Klezmer 3: Diebe, alles Diebe! 2010.
Alle Bände sind im Berliner Avant-Verlag erschienen.

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