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Meine Heimat ist die ganze Welt

Der 1908 in Triest geborene italienische Schriftsteller Giorgio Voghera emigrierte 1938 nach Palästina, wo er bis 1948 blieb; anschliessend kehrte er nach Italien zurück. Er lebte in diesen schwierigen Jahren vor der Gründung Israels in zwei verschiedenen Kibbuzim und schrieb während dieser Zeit regelmässig Tagebuch. Seine widersprüchlichen, das junge Israel keineswegs idealisierenden Erfahrungen publizierte er erst knapp 20 Jahre später in einem Buch. Dieses ist vor zehn Jahren auch auf deutsch erschienen und ist nun wieder erhältlich…

Von Roland Kaufhold

Als Motiv für die späte Veröffentlichung seiner Erinnerungen formuliert Voghera: "Ich fürchtete, dass einige meiner Sätze von der antisemitischen und antizionistischen Propaganda, die immer noch überall auf der Welt so aktiv ist, aus ihrem Zusammenhang gerissen zitiert werden könnten. Denn ich bin, wenn auch auf meine Weise, Zionist." ( S.8 )

vogheraDer Buchtitel "Meine Heimat ist die ganze Welt" erscheint wie ein internationalistisches Credo des Autors, welches jedoch im Text selbst nur sehr begrenzt eine Entsprechung findet; der Untertitel "Überleben im Kibbuz" erinnert uns an die heute nur schwer vorstellbaren Härten, unter denen die vorwiegend zionistisch inspirierte Pioniergeneration dieses demokratische Land aufbaute.

Das Buch schildert in persönlicher Weise die Erfahrungen eines Intellektuellen, der die harte körperliche Arbeit nicht gewohnt ist und sich nur begrenzt der anfänglichen zionistischen Euphorie sowie den gemeinsamen Idealen anzuschliessen vermochte. Grundelement seines Tagebuchs ist seine Erschöpfung aufgrund der entbehrungsreichen körperlichen Arbeit, aber auch sein ungläubiges Staunen über die Vielfalt der Ethnien, die sich im damaligen Palästina zusammenfanden. Seine Beschreibungen kreisen um seine unmittelbaren täglichen Erfahrungen, seine Zurückhaltung gegenüber Frauen, die Bedeutung von vereinzelten Freundschaften für seinen Überlebenswillen, sein Interesse an Tieren und an der lebendigen Natur. Weiterhin differenziert dargebotene Begegnungen mit den Engländern sowie mit der arabischen Bevölkerung.

So schreibt er, vermutlich im Jahr 1938: "Für mich ist es jedenfalls eine angenehme Überraschung gewesen, am eigenen Leib erfahren zu haben, dass das arabische Volk im allgemeinen keine Feindschaft den Juden gegenüber zeigt. Die Beziehungen zwischen arabischen und jüdischen Nachbarn sind gewöhnlich sehr herzlich, ausser in den Perioden, in denen die Terroristen ihre von oben beeinflusste und organisierte Tätigkeit entfalten (…) Als ein grosser Teil der Männer der Siedlung von den Briten wegen eines illegalen Rundfunksenders verhaftet wurde, bewachten unsere arabischen Nachbarn für uns die Felder; als uns Schafe gestohlen wurden, halfen sie uns, sie zurückzuholen; und so weiter. Trotz allem darf man sich aber keine übertriebenen Illusionen machen, was die Zukunft betrifft. Wenn auch auf menschlicher Ebene keine ernsthaften Gründe für Auseinandersetzungen zwischen den beiden Völkern bestehen, die in diesem Land zusammenleben, gibt es doch einen Konflikt zwischen ihren politischen Ambitionen, der unversöhnlich werden und zu den schrecklichsten Konsequenzen führen kann." (S. 31)

Vogheras Erinnerungen sind in einer eher einfachen Sprache formuliert und vermögen einen wegen ihrer Unmittelbarkeit und autobiografischen Aufrichtigkeit zu berühren. In einem 50-seitigen Anhang aus dem Jahre, den Voghera als Reaktion auf vereinzelte Kritiken an seinem Buch verfasst hat, reflektiert er seine Erfahrungen mit dem Abstand von 25 Jahren aus einer stärker gesellschaftlichen und historischen Perspektive.

Das Buch ist vom Giessener Verlag Haland & Wirth (im Psychosozial-Verlag) nun wieder neu aufgelegt worden. Dieser Verlag hat zahlreiche Bücher, die der inzwischen aufgelöste Bleicher-Verlag in seiner "Israel-Reine" herausgegeben hatte, wieder neu aufgelegt. Nennen möchte ich das Buch "Das Apfelgehäuse" der aus Ungarn gebürtigen amerikanischen Psychoanalytikerin Anna Ornstein, "Der Geschmack von Honig" von Rivka Keren sowie "Evas Geschichte" von Eva Schloss.

Giorgio Voghera:
Meine Heimat ist die ganze Welt. Überleben im Kibbuz 1938-1948
Giessen (Haland & Wirth im Psychosozial-Verlag) 2003
254 S., Euro 20,00

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