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Wegweisende Forschungen über Remigranten nach NRW: Den Fluchtweg zurückgehen

In den Monaten und Jahren nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland kamen Frauen, Männer und Kinder aus dem Exil in ihre frühere Heimat zurück. Ihre Rückwege und ihre Versuche, nach den Brüchen durch Verfolgung, Flucht und Exil neue Existenzmöglichkeiten und soziale Verbindungen zu gewinnen, sind bislang kaum erforscht…

Von Roland Kaufhold

Die Leverkusener Historikerin Cordula Lissner hat in einem sechsjährigen Forschungsprozess, auf der Grundlage zahlreicher biographischer Interviews sowie umfangreicher Studien in Gedenkstätten und in Archiven, also in sehr mühsamer und zugleich fruchtbarer Weise, das Schicksale von 427 Personen, die zwischen 1945 und 1955 in nordrheinwestfälische Städte zurückkamen, erforscht. Ihre Studie wurde von der Universität Düsseldorf als Promotion angenommen. Schwerpunktmässig stellt die Autorin Personen aus dem gewerkschaftlichen und parteipolitischen Spektrum sowie überlebende Juden vor. Einen weiteren thematischen Schwerpunkt bilden Frauenberufsbiographien. Zugleich setzt sie hierbei einen Kontrapunkt — oder wenn man mag kann man auch formulieren: eine substantielle historische Ergänzung — zu der vorherrschenden Exil- und Remigrationsforschung. Diese kann, wie die Verfasserin schlüssig darlegt, vordringlich als Elitenforschung charakterisiert werden.

Cordula Lissner analysiert in einer lebendigen, gut verständlichen und doch zugleich fachspezifischen Sprache die Auseinandersetzungen und die Anpassungsleistungen, die diese Re-Integrationsprozesse begleiten. Die Öffentlichkeit der Nachkriegsperiode und die staatlichen Behörden standen diesen Remigranten keineswegs offen gegenüber sondern verhielten sich mehrheitlich abwehrend. Um so bemerkenswerter ist der, im Buch umfassend dokumentierte, Beitrag, den diese Remigranten „dennoch“ bei der Reorganisation der politischen Parteien sowie der Gewerkschaften in Nordrhein Westfalen bildeten.

Cordula Lissners Anteilnahme am Schicksal der von ihr Portraitierten wird durchgängig deutlich, was eine der Vorzüge ihrer historischen Studie ist. Der hohe Anteil der von ihr portraitierten „namenlosen“ Remigrantinnen und Remigranten zeigt Rückwege auf, die in einer auf Eliten beschränkten Remigrationsforschung bisher kaum Beachtung gefunden haben. Insofern ist ihre historische Studie zugleich eine „Forschungsgeschichte von unten“.

Den Fluchtweg zurückgehen

In einem ausführlichen Personenglossar werden am Buchende 161 Persönlichkeiten knapp, einfühlsam, nüchtern und doch zugleich mit spürbarer Anteilnahme portraitiert — was zu zahlreichen neuen Erkenntnissen über das Schicksal dieser, häufig jüdischen, Remigranten führt und zu einer vertiefenden Biographieforschung, z. B. im Schulunterricht oder aber in lokalgeschichtlichen Initiativen, einlädt.

Cordula Lissner: Den Fluchtweg zurückgehen. Remigration nach Nordrhein und Westfalen 1945 — 1955
395 Seiten, div. Abbildungen, Klartext-Verlag 2006, Euro 32,-
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