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Hitlers Kinder

Hans Kundnani publiziert eine Fundamentalkritik der deutschen 68er. Sie brachen nicht nur mit dem Tabu Nationalsozialismus…

Von Martin Jander
Eine leicht gekürzte Version erschien im Tagesspiegel vom 22.03.2010

Dieses Buch kommt ein wenig zu spät. Die Debatte über Leistungen und Irrtümer der 68er ist eigentlich schon vorbei. Die Thesen Kundnanis, eines freien Journalisten aus London, haben aber durchaus das Zeug, dem umstrittensten Buch von 2008, Götz Aly´s „Unser Kampf – 1968: ein irritierter Blick zurück“ den Rang abzulaufen.

Eigentlich wollte der Journalist, der u. a. für den „Observer“ in Berlin arbeitete, lediglich die sich verändernde deutsche Außenpolitik in der Zeit der rot-grünen Regierungskoalition analysieren. Gerhard Schröder (SPD) und Joschka Fischer (Bündnis 90/Die Grünen) überzeugten im Fall Jugoslawiens und Afghanistans ihre jeweiligen Parteien von der Notwendigkeit des Einsatzes der Bundeswehr zur Erreichung außenpolitischer Ziele.

Die beiden 68er, die in ihren divergierenden Laufbahnen nicht unbedingt als Pazifisten, wohl aber als Gegner des deutschen Militarismus von sich reden gemacht hatten, taten dies freilich vor einem ganz verschiedenen Hintergrund. Schröder sah die Bundesrepublik nach dem Ende des kalten Krieges als einen normalen Nationalstaat. Er predigte gar einen „Deutschen Weg“, ein Bündnis der Bundesrepublik mit Frankreich und Russland gegen die USA. Fischer hingegen formulierte als wesentlichen Bezugpunkt deutscher Politik „Nie wieder Auschwitz“ und sah das Land als Motor der europäischen Einigung, verlässlichen Bündnispartner des Westens, Israels und der USA.

Kundnani verfolgt diese eher links-nationalistische (Schröder) und die eher kosmopolitische (Fischer) Orientierung der beiden Politiker zurück zu ihren Wurzeln in den 60er Jahren. und ihren Ausläufern der 70er Jahre. Er malt dabei ein furioses Generationenportrait, das er durch ihre führenden Repräsentanten, Rudi Dutschke, Ulrike Meinhof, Horst Mahler, Otto Schily, Daniel Cohn Bendit u. v. a., aber auch durch ihre Ideengeber, Che Guevara, Frantz Fanon, Max Horkheimer, Herbert Marcuse u. a., zum Sprechen bringt.

Die erste zentrale These des Autors lautet, die deutschen 68er brachen nicht nur das beredte Schweigen über den Nationalsozialismus, sie begannen auch schon in den 60er Jahren die heute grassierenden Geschichtsbilder von den Deutschen als Opfern des Nationalsozialismus zu formulieren. Insbesondere die eher in der Tradition des Marxismus stehenden Sprecher der Studentenbewegung, z. B. Dutschke, Rabehl, Meinhof u. a. argumentierten so.

Die zweite Kernthese des Autors lautet, dass sich weite Teile der 68er im „Kampf gegen den Faschismus“ einer „projektiven Entlastung“ (Dan Diner) bedienten. Als tendenziell faschistische Staaten griffen viele damals sowohl die Bundesrepublik, als auch lateinamerikanische Diktaturen, die USA und Israel an. Sie setzten den Nationalsozialismus unausgesprochen mit diesen Gesellschaften gleich. Nur im „Kampf gegen den Faschismus“ schließlich war eine politische Strategie legitimierbar, die auf den Sturz der Demokratie zielte. Nur so war eine Politik zu rechtfertigen, die, wie z. B. bei Dieter Kunzelmann u. a., auch vor der Planung eines Anschlags auf das jüdische Gemeindezentrum in West-Berlin nicht zurückschreckte. In einem solcherart grundierten „Kampf gegen den Faschismus“ kehrten dann nicht ganz unerwartet jene Elemente zurück, die man angeblich bekämpfte, der Hass auf die Demokratie und der Antisemitismus.

Besonders lobenswert an dieser Arbeit ist, dass sie ernst nimmt, was viele Bücher zur den deutschen 68ern nur zurückhaltend aufnehmen. Hier rebellierten die Kinder und Enkel der Nazis. Das unterschied die deutschen 68er radikal von z. b. ihren Mitstreitern in Frankreich, den USA und Großbritannien. Hans Kundnani ist zu dieser Arbeit, wie er im Vorwort selbst erwähnt, durch die Arbeit von Andrei Markovits und Phillip Gorski „Grün schlägt Rot“, die 1997 erschien, angeregt worden. Sie bildet den Ausgangspunkt seines eigenen Buches.

Kundnani erwähnt das Buch der britischen Journalistin, Jillian Becker „Hitlers Kinder“, das bereits 1978 erschien und den Versuch eines ähnlichen Generationenportraits darstellt, nicht. Dennoch wird der Leser, der beide Bücher kennt, viele ähnliche Argumentationsfiguren finden. Jillian Becker legt in ihrer Arbeit dar, dass viele der 68er Biografien gut unter Rückgriff auf das Phänomen des „Leidensneids“ erklärt werden können. Jillian Becker formulierte ihre zentrale These so: „Es war ihr jugendlicher Ehrgeiz, die Helden zu spielen – jene Helden, die ihre Väter nicht gewesen waren. Hinzu kommt noch das Bedürfnis, sich mit den Opfern zu identifizieren, und in den späten 60er Jahren konnte man oft von Studenten hören: Wir sind die Juden von heute. Die Opfer von damals waren nun zu Helden und Märtyrern geworden; und die Kinder derjenigen, die sie zu Märtyren gemacht hatten, beneideten sie nun um ihr Leid. Dieser Leidensneid war nicht die Annahme der Schuld, sondern deren Zurückweisung.“

Hans Kundnani breitet die Lebensläufe der 68er breit aus, er unterschlägt keine ihrer häufig irren und wirren ideologischen Wendungen. Er zeichnet darüber hinaus die Kontexte sehr kenntnisreich nach. Man wird von dieser Zeitreise durch die Geschichte der Bundesrepublik, in der die intellektuelle Minderheit der 68er in den gesellschaftlichen Mainstream diffundierte, förmlich mitgerissen.

Hans Kundnani, Utopia or Auschwitz. Germany´s 1968 Generation and the Holocaust. London 2009, C. Hurst & Co. (Publishers) Ltd., ISBN 978-1-84904-021-1, 374 S., Bestellen?

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