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Interview mit Micha Brumlik: „Krise der Männlichkeit“

Herr Brumlik, stellen Sie sich vor, Sie werden abends in der U-Bahn von Jugendlichen angepöbelt und bedroht. Wie reagieren Sie?

Ich hätte Angst und ich würde mir drei Dinge überlegen: Ist es sinnvoll, die Jugendlichen anzusprechen? Versuche ich, die Polizei zu rufen? Oder ist es das Beste, so schnell wie möglich die Flucht zu ergreifen? Aber zum Glück kommen Vorfälle wie jüngst in der U-Bahn von München, wo zwei Jugendliche eine wehrlosen Mann halb tot prügelten, vergleichsweise selten vor. Gleichwohl sind öffentliche Orte wie U-Bahnen gerade in den frühen Morgen- und späten Abendstunden Stätten der Verunsicherung und der Angst.

Interview: Katja Irle, http://www.fr-online.de

Dennoch ist Ihr neustes Buch „Ab nach Sibirien?“ ein Plädoyer gegen einen härteren Jugendstrafvollzug. Warum?

Erstens sinkt durch einen härteren Strafvollzug weder die Rückfallquote, noch durchlaufen diese jungen Leute im Strafvollzug Prozesse der moralischen Besserung. Im Gegenteil: Sie lernen dort vor allem andere Kriminelle sowie deren Methoden kennen. Zweitens geht der Strafvollzug auf die Ursachen dieser brutalen Überfälle überhaupt nicht ein.

Was sind die Ursachen?

Der Kriminologe Christian Pfeiffer weist in seinem Beitrag nach, dass ungünstige Bildungschancen, Gewalt in der Familie und ein hoher Medienkonsum in bestimmten Migrantenmilieus die Gewaltbereitschaft erhöhen. Der Ruf nach Abschiebung solcher Täter ist pure Demagogie, denn ein Grossteil der gewaltbereiten Jugendlichen sind hier geboren und aufgewachsen. Sie sind natürlich von ihrer Familie, aber auch von unserer Gesellschaft geprägt.

Dennoch ertönt immer wieder der Ruf nach Abschiebung jugendlicher Migranten-Straftäter – zuletzt im hessischen Landtagswahlkampf.

Mich hat empört, dass ein eher rechts stehender aber doch kluger Politiker wie Roland Koch in seiner Angst, die Wahl zu verlieren, hemmungslos an die schlichtesten Instinkte der Menschen appelliert hat. Obwohl er ganz genau weiss, dass eine schlichte Hochsetzung der Strafen für Jugendliche überhaupt nichts ändern wird. Und es blieb ja nicht nur bei diesem Appell, sondern Koch hat das noch kräftig mit ausländerfeindlichen Anspielungen versehen.

In Ihrem Buch hat man hingegen den Eindruck, sie versuchten Gewalttäter in Schutz zu nehmen. Dort heisst es: „Von solchen Tätern Reue zu erwarten, ist naiv, die haben das nicht gelernt (…). Ist das nicht ein kompletter Freispruch von Eigenverantwortung und Schuld?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Unser Strafprozessrecht sieht ja auch die Schuldunfähigkeit vor. Die Münchner U-Bahn-Täter sind aber verurteilt, das heisst „schuldig“ gesprochen worden. Gleichzeitig haben Gutachter festgestellt, dass die Verfestigung der Persönlichkeitsstruktur eines der Täter kaum noch zu beheben ist. Soziologische Erklärungen können die Frage nach Schuld oder Unschuld nicht beantworten. Aber sie teilen uns mit, welche Umstände dazu führen können, dass Jugendliche mit einer höhern Wahrscheinlichkeit gewalttätig werden. Das muss uns doch vor allem im Interesse einer wirkungsvollen Prävention interessieren!

Für die jungen gewaltbereiten Männer geht es oft um „Ehre und Respekt“. Ihr Motto: Unterwirfst Du Dich nicht, mache ich Dich mit Gewalt gefügig. Wie geht eine Demokratie mit diesem Dogma von der Macht des Stärkeren um?

Das ist ein Debakel. Wir haben es hier mit der Krise einer ganz bestimmten Form von Männlichkeit zu tun. Und darauf haben wir noch keine pädagogischen Antworten. In den Schulen stellen wir fest, dass Mädchen in fast allen Bereichen besser abschneiden. Und wenn man mal von den neuen Vätern der Mittelschicht absieht, gibt es noch keine Modelle für eine neue Form von Männlichkeit – auch weil wir zu wenige männliche Vorbilder in den Grundschulen haben.

Das heisst: Wenn der türkische oder deutsche Macho auf den selbstbewussten Pädagogen trifft, wird er nicht gewalttätig?

Natürlich kann man das nicht mit Sicherheit sagen. Aber die Chancen stehen gut, dass positive, sagen wir altmodisch: ritterliche Vorbilder auch den Lebensweg von benachteiligten Kindern und Jugendlichen positiv beeinflussen – etwa dann, wenn sie verstehen, dass es auch eine Frage der Ehre ist, sich nicht an Schwächeren zu vergreifen.

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Siehe auch:

Micha Brumlik:
Abschiebung ist verantwortungslos
Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik hat sich gegen Forderungen gewandt, jugendliche Gewalttäter mit Migrationshintergrund einfach abzuschieben. Die meisten der Jugendlichen seien hier „unter miserablen Schulbedingungen sozialisiert worden“. Deshalb läge es auch in der Verantwortung der Deutschen, sich um die jungen Leute zu kümmern. Man müsse die Kultur der Gewalt unter Migranten an ihren Wurzeln packen…

Die 68er und die Erziehung:
Was ist davon geblieben?

In der allgegenwärtigen 68er-Retrospektive bleibt ein zentrales Anliegen der Bewegung erstaunlicherweise kaum erforscht, obwohl es vielleicht das wirkungsmächtigste und sichtbarste ist: Die Umwertung von Erziehung und Bildung"

2 comments to Interview mit Micha Brumlik: „Krise der Männlichkeit“

  • Ingo Rektus

    Brumlik macht mal wieder auf Islamversteher. Wäre ja auch schlimm, wenn einem Muslim ein Haar gekrümmt würde oder er gar nach Israel abgeschoben würde.
    Der Typ sollte sich keine Hoffnungen als Lieblingsdhimmy machen und sich lieber mal von Broder erklären lassen, wie der Hase läuft.

  • pfeiffers

    Kriminologe Pfeiffer fordert Abschaffung der Hauptschule

    Als Beitrag zur Verminderung der Jugendkriminalität hat der Kriminologe Christian Pfeiffer die Abschaffung der Hauptschule gefordert. Anlässlich einer Buchvorstellung in Frankfurt am Main verwies der Wissenschaftler und ehemalige niedersächsische Justizminister am Freitag in Frankfurt am Main vor allem auf die vergleichsweise hohe Straffälligkeit ausländischer Jugendlicher aus dieser Schulform.

    "Vergammelte Nachmittage und die Konzentration von sozialen Randgruppen in den Klassenzimmern sind entscheidende Faktoren für Delinquenz", sagte der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Pfeiffer kam zu dem Schluss: "Wir müssen die Hauptschule als Restschule abschaffen." Sie sei in den vergangenen Jahren zu einem Verstärker von Jugendgewalt geworden. In Städten mit einem hohen Anteil türkischer Gymnasial- und Realschüler sei die Jugendgewalt geringer als in Kommunen mit vielen Hauptschülern dieser Nationalität. Deshalb plädiere er für die Einführung eines zweigliedrigen, ganztägigen Schulsystems. So könnten die kulturellen, sozialen und sportlichen Kompetenzen der Jugendlichen besser gefördert und damit die Neigung zur Gewalt verringert werden, argumentierte Pfeiffer.

    Er äusserte sich bei der Vorstellung des vom Frankfurter Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik herausgegebenen Sammelbands "Ab nach Sibirien? Wie gefährlich ist unsere Jugend?". Darin hat Pfeiffer gemeinsam mit dem Soziologen Dirk Baier einen Aufsatz zu dem Thema veröffentlicht.

    (PR-inside.com 22.08.2008)