Frank Bajohr,
Unser Hotel ist judenfrei'. Bäder- Antisemitismus im 19. und 20.
Jahrhundert
Fischer Tb 2003
Euro 12,90
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Die "Hymne" gehörte zum Repertoire auf
Borkum. Täglich intonierte die Kapelle bei Kurkonzerten das
"Borkum-Lied", und die Gäste sangen die letzte Strophe: "Es herrscht im
grünen Inselland ein echt deutscher Sinn, drum alle, die uns
stammverwandt, zieh'n freudig zu dir hin. An Borkums Strand nur
Deutschtum gilt, nur deutsch ist das Panier. (...) Doch wer dir naht mit
platten Füßen, mit Nasen krumm und Haare kraus, der soll nicht deinen
Strand genießen, der muß hinaus! Der muß hinaus!".
Nicht nur Borkum, erklärt Frank Bajohr, auch
andere deutsche Seebänder und Kurorte bekundeten bereits während des
Kaiserreichs, dass "jüdische Gäste" unerwünscht seien. In seiner Studie
Unser Hotel ist judenfrei untersucht der
Lehrbeauftragte der Universität Hamburg den "Bäder-Antisemitismus im 19.
und 20 Jahrhundert". Vor allem basierend auf der deutsch-jüdischen
Presse reflektiert Bajohr das Phänomen, um die "Dimensionen alltäglicher
Judenfeindlichkeit" sowie die "Kontinuität und Diskontinuität" von
gesellschaftlichem Antisemitismus zu analysieren.
Mit dem Aufschwung des Tourismus, stellt
Bajohr fest, deklarierten sich Badeverwaltungen, Hotel- und
Pensionsbetreiber gerne als "'judenfrei', um antisemitisch gesonnene
Feriengäste aus der Mitte der deutschen Gesellschaft anzusprechen".
Gerade jene Bade- und Kurorte, die nicht das Flair alter Adelsbäder
besaßen, warben wie Hiddensee - "Kein Luxusbad, judenfrei" - oder
warnten wie Büsum: "Deutsches Bad".
Mit Erfolg: Das mittelständige Bürgertum
reiste gern zu den Erholungsgebieten mit "antisemitische[n]
Gemeinschaftsrituale[n]", wo "die symbolische Ausgrenzung der Juden
nicht nur sicht- sondern auch hörbar" vollzogen wurde. An den
"merkwürdigen Widerspruch" zwischen den extremistischen Mentalitäten der
Badegäste und der bürgerlichen Fassade erinnert sich Toni Cassirer,
Ehefrau des Philosophen Ernst Cassirer: "Die Männer waren die
zärtlichsten Väter und die ritterlichsten Beschützer ihrer Frauen; die
Frauen die (...) liebevollsten Mütter und Ehegattinnen - während sie
gleichzeitig den Kampf gegen die ,Andersartigen' mit skrupellosen
Mitteln und (...) Ausdrücken führten." Nur eines der Erlebnisse von
jüdischen Feriengästen, die Bajohr anführt. Weitere Berichte offenbaren,
dass die unerwünschten Gäste geschmäht, beleidigt und auch tätlich
angegriffen wurden. Zur Warnung mussten jüdische Vereinigungen lange
Listen "antisemitischer Badeorte und Hotels" veröffentlichen.
Der "Bäder-Antisemitismus" breitete sich ab
1870 in Deutschland aus, resümiert Bajohr, erlebte nach 1918 eine
Radikalisierung und ging nach 1933 in eine "organisierte Ausgrenzung"
über. Auch in anderen Ländern waren jüdische Urlauber von dem
"Sommerfrische- und Winter-Antisemitismus" betroffen. Das "Besondere des
deutschen Antisemitismus", bilanziert Bajohr, liege jedoch in der
"radikalen ideologischen Qualität".
Auf Borkum erklangen so dann auch weitere
Verse wie "Bewahrt deutsche Art und Sitte (...) Laß't keinen Jud' in
Eure Mitte". Die Gemeinde wehrte sich gegen jegliche Verbotsversuche.
Denn ein "wirtschaftlicher Schaden" sei zu befürchten, mahnte der
Bürgermeister, außerdem würde das "nationale Empfinden der Gäste" durch
die "provozierende Handlung Andersgesinnter verletzt".
Lesung: 03.06.03, 20 Uhr, Buchhandlung in
der Osterstraße (Osterstr. 171)
"Unser Hotel ist judenfrei":
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