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„Wir aber brauchen immer wiederkehrende Erneuerung, die Bereitschaft zur Erschütterung“

Neuerscheinungen über Gustav Landauer…

Infolge der seit 2008 im Verlag „Edition AV“ kontinuierlich erscheinenden „Ausgewählten Schriften“ Gustav Landauers, herausgegeben von dem Frankfurter Historiker Siegbert Wolf – bislang konnten zwölf Bände (samt Halbbänden) vorgelegt werden -, hat sich das Interesse an Leben und Werk des libertären Kulturphilosophen, Essayisten und Initiators zahlreicher anarchistischer Projekte offenkundig erhöht. Anzuzeigen ist die soeben vorgelegte Monographie Corinna Kaisers über das literarische Werk Landauers – wobei sie dessen Lyrik und Satiren ausspart. Ihr Ausgangspunkt ist das anhaltende sprachskeptische Denken Landauers, der nicht bei einer Ausformulierung seiner von Max Stirner und Fritz Mauthner beeinflussten Sprachbezweiflung stehen blieb, sondern die Entwicklung eines Instrumentariums anstrebte, „das dem Konflikt des Schreibens mit unzulänglicher Sprache gerecht zu werden sucht“ (S. 322).

Zuzustimmen ist der Autorin, dass Landauers intertextuelles und gattungsübergreifendes literarisches Oeuvre unstreitig zur künstlerischen Moderne der Jahrhundertwende zählt. Zugleich ist Landauers Sprachskepsis bzw. Sprachbezweiflung als eine (anti-)politische Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen stets eingebettet in sein libertär-politisches Handeln. Im Mai 1911 teilte er dazu seinem Freund Fritz Mauthner mit: „Gewiss ist Sprachkritik untrennbar zu dem gehörig, was ich meinen Anarchismus und Sozialismus nenne, und ich wüsste auch nicht, wie es anders sein kann.“ Daraus schlussfolgert Kaiser: „Eine mögliche Konsequenz aus der Erkenntnis des Zusammenhangs zwischen dem Zerbrechen der Sprache und jenem der Welt […] wäre es, durch das Reparieren der Sprache auch die Welt wiederherstellen zu wollen“ (S. 60). In der Tat ist Landauers Sprachskepsis, wenn auch nicht der allein entscheidende, so doch ein bedeutender Baustein seines (anti-)politischen, weder an politischen Machtkämpfen noch jeglicher Regierungsübernahme interessierten freiheitlichen Wirkens.

Des Weiteren weist Kaiser darauf hin, dass sich bei Landauer nicht nur hinsichtlich seiner „Schreibweisen“ eine „deutliche Entwicklung“ erkennen lässt, sondern dass ein „Wandel in seinem nicht nur sprachlichen Verhältnis zum Judentum“ festgestellt werden kann, der „bereits vor der Bekanntschaft mit Martin Bubers Arbeiten zum Hassidismus“ einsetzt (S. 322). So können schon seine ersten jugendlichen Schreibversuche auf „jüdische Traditionen zurückgeführt werden“ (S. 59).

Ebenfalls gelingt ihr der Nachweis einer engen Verbindung von Text und Musik in Landauers Literatur. Die Autorin spricht in diesem Zusammenhang von einer „Text-Musik-Intermedialität“ seit Beginn der 1890er Jahre in seinen Novellen und Melodramen (S. 61). Damit erfüllt sich für Landauer die Aufgabe jeglicher Literatur, nämlich mittels der „Formulierung von Sprachskepsis“ eine Möglichkeit der Überwindung seiner „persönlichen Sprachbezweiflung“ mit Hilfe der „experimentellen Anwendung eines alternativen Instrumentariums“ zu eröffnen (S. 324).

Im Gegensatz zu einer an den Hochschulen anzutreffenden begrenzten Perspektive auf Gustav Landauers literarisches Werk, die sein libertär-(anti-)politisches Engagement zugleich ausblendet, hebt Kaiser dessen anarchistisch-kommunitären Motive hervor. Bereits mit der textkritischen Ausgabe von „Skepsis und Mystik“ (2011), „Literatur“ (2013, 2 Bände) und „Wortartist“ (2014) der „Ausgewählten Schriften“ Landauers konnte seine eigentliche gesellschaftspolitische Intention, die sich selbst in seinen literarischen bzw. literaturkritischen Texten widerspiegelt, herausgearbeitet werden: „Die Konsequenz der Dichtung ist Revolution, die Revolution, die Aufbau und Regeneration ist, – wer das nicht weiß, dem haben die Dichter nie wirklich gelebt“ (1916). Die Literatur gehörte für Landauer zu den stärksten Ausdrucksformen des Lebens. Sie greift wieder aufs Leben in seiner privaten und öffentlichen Sphäre zurück, um es zu wandeln und zu befreien. Aufgabe des Dichters sei es „ewige[r] Empörer“ zu sein: „Ich bin im Übrigen“, schrieb er als 21jähriger, „nicht mehr imstande, die Literatur zu betrachten, ohne das übrige Gesamtleben der Menschen, vor allem ohne das öffentliche Leben.“ Diese Haltung bewahrte er sich lebenslang.

Gustav Landauers Leben und Werk in einen größeren Zusammenhang einzuordnen unternimmt der von Paul Mendes-Flohr (Chicago/Jerusalem) und Anya Mali (Jerusalem) vorgelegte Band: „Gustav Landauer: Anarchist and Jew“, der die englischsprachigen Vorträge einer vor annähernd zwanzig Jahren abgehaltenen Tagung in Jerusalem versammelt. Einigen zum Teil inzwischen veröffentlichten Beiträgen sieht man deren Entstehung von vor zwei Jahrzehnten an – eine Aktualisierung anhand des heutigen Forschungsstandes wäre manchmal angeraten gewesen. Hervorzuheben sind insbesondere die Artikel von Paul R. Mendes-Flohr, anerkannter Landauer- und Buber-Spezialist, über „Messianic Radicals: Gustav Landauer and other German-Jewish Revolutionaries“ (S. 14ff.), von Ulrich Linse zu Landauers Beziehungen zur deutschen anarchistischen Bewegung im Kaiserreich (S. 45ff.), von Michael Löwy über die Freundschaft zwischen Landauer und Buber (S. 64ff.), von Martin Treml und von Yossef Schwartz über den Einfluss Landauers auf Gershom Scholem (S. 82ff. u. 172ff.), von Anthony David über „Gustav Landauers Tragic Theater“ (S. 92ff.) sowie von Corinna R. Kaiser über Landauers frühe Novelle „Geschwister“ (S. 132ff.).

Zu den zweifellos bemerkenswertesten Texten gehört derjenige des israelischen Pädagogen und Historikers Chaim Seeligmann (1912-2009) über Landauers Judentum (S. 205ff.). Der aus Gustav Landauers Geburtsort Karlsruhe stammende Seeligmann emigrierte Mitte der 1930er Jahre nach Palästina, lebte im Kibbuz Givat Brenner südlich von Tel Aviv und forschte viele Jahre lang am Dokumentations- und Forschungsinstitut Yad Tabenkin in Ramat Efal. Ergänzt wird der Sammelband durch den Landauer gedenkenden Beitrag „Der werdende Mensch und der werdende Jude“ des Pädagogen Ernst A. Simon (1899-1988), der erstmals 1922 in Martin Bubers Zeitschrift „Der Jude“ erschienen ist (S. 213ff.).

Zu begrüßen ist die Entscheidung der Herausgeber, zusätzlich die beeindruckenden Erinnerungen von Gustav Landauers und Hedwig Lachmanns jüngster Tochter Brigitte Hausberger (1906-1985), Mutter des unlängst verstorbenen US-amerikanischen Filmregisseurs Mike Nichols (1931-2014), aus dem Jahre 1976, über ihr Elternhaus und speziell über ihren Vater (S. 233ff.), mit aufzunehmen. Zu danken ist den Herausgebern Mali und Mendes-Flohr, dass nun endlich die Referate dieser Tagung in einer, wenn auch hochpreisigen, Ausgabe vorliegen. – (ws.)

Corinna Kaiser, Gustav Landauer als Schriftsteller. Sprache, Schweigen, Musik. Berlin u.a., Walter de Gruyter, 2014, 383 S., € 89,95.

Paul Mendes-Flohr/Anya Mali (Hrsg.), Gustav Landauer. Anarchist and Jew. Berlin u.a., Walter de Gruyter 2015, 240 S., € 89,95.