
Imre Kertész:
Liquidation
Aus dem Ungarischen von Lazslo Kornitzer und Ingrid Krüger
rororo Tb. 2005
Euro 8,90
Bestellen?
|
Die
Erfahrung des Vernichtungslagers erzählen:
Am Leben bleiben
Von Jan Süselbeck
Jungle
World 3, 15. Januar 2004
Die Germanistin Irene
Heidelberger-Leonard bemerkte über Thomas Bernhards letzten Roman
»Auslöschung«, ein derartig betiteltes Werk habe sich »nichts weniger als
die Fallhöhe der historischen Auslöschung unseres Jahrhunderts zum Maßstab
genommen«. Sie bezeichnete den Roman jedoch als »gewollt zynisch,
bestenfalls aber geschmacklos« und warf Bernhard vor, hier würden »die
Ermordeten ein weiteres Mal ermordet. Liquidation allüberall.«
Es dürfte kein Zufall sein, dass Imre Kertész, der mit 16 Jahren nach
Auschwitz deportiert wurde, heute Thomas Bernhard ins Ungarische übersetzt
und seinen neuen Roman »Liquidation« genannt hat. Iris Radisch nannte
Kertészs Werk in der Zeit zwar nicht »zynisch«, wohl aber »dermaßen
zerbrochen und unansehnlich, dass man im ersten Augenblick vor seiner
rücksichtslosen Hässlichkeit, narrativen Unfreundlichkeit und Kälte
zurückschreckt«.
Doch Kertészs neuer Roman ist nicht etwa »hässlich«, sondern in seiner
verschachtelten Erzählstruktur nüchterner Ausdruck des literarischen
Versuchs einer komplexen Beantwortung der Frage, ob sich nach Auschwitz noch
leben lasse.
Der in der Handlung weitgehend abwesende, weil bereits tote Protagonist, der
im Winter 1944 in Auschwitz geborene und nach der Häftlingstätowierung auf
seinem Oberschenkel benannte B., verneint diese Frage. Er hat sich mit einer
Überdosis Morphium umgebracht, allerdings unter der paradoxen Prämisse, dass
»am Leben bleiben« die wahre Rebellion gegen das allgegenwärtige
Konzentrationslager sei, zu dem seine Existenz nach Auschwitz geworden ist:
»Sich selbst umzubringen ist gleichviel wie / das Leben fortsetzen / täglich
von neuem beginnen / täglich von neuem leben / täglich von neuem sterben.«
Das Paradox ist eine erzählerische Grundfigur dieses Romans, der bereits mit
den ersten Sätzen das zentrale Problem benennt, dem sich Kunst und Literatur
seit Auschwitz gegenüber sehen: dass es eine realistisch darstellbare
»Wirklichkeit« nach der Wahrheit gewordenen, millionenfachen industriellen
Vernichtung von Menschen gar nicht mehr geben kann. Dieses Verschwimmen der
»so genannten Wirklichkeit«, wie der Erzähler des Romans, ein mit dem
Nachlass B.s befasster Lektor namens Keserû (deutsch: bitter), sagt, erfasst
nicht nur die Wahrnehmung des Überlebenden, sondern alles, was nach
Auschwitz ist.
Kertészs Roman wirkt in vielerlei Hinsicht wie ein fernes Spiegelbild von
Bernhards Roman »Auslöschung«: Dessen ebenfalls bereits tote Hauptfigur, der
»Geistesmensch« Franz-Josef Murau, versucht in einer nachgelassenen
fragmentarischen Schrift vergeblich, seinen »Herkunftskomplex«, das von
seinen verstorbenen nationalsozialistisch eingestellten Eltern ererbte
Schloss Wolfsegg, als Nachfahre der Täter einfach »auszulöschen«. Doch das
Erbe der Schuld ist nicht zu tilgen. Auch der »Schriftgelehrte« B. bei
Kertész verfasst – seinerseits als Überlebender des Unbeschreiblichen – ein
»Manuskript«, das er allerdings post mortem von seiner Ex-Frau Judith
auslöschen, ins Feuer werfen lässt. Hier ist es das Erlittene, das die
gesamte Existenz des Protagonisten affiziert, jedoch gegenüber Dritten nicht
erzählbar ist, ohne der Verharmlosung anheim zu fallen.
B. – »illegal« geboren und »grundlos« am Leben geblieben – glaubt, sein
Überleben sei nur dadurch zu legitimieren, dass er »die Chiffre namens
Auschwitz entschlüsselte«. Dieses Unterfangen muss scheitern, ist doch auch
ihm als Opfer Auschwitz »ein anderer Planet, und wir, die Menschen, die den
Planeten Erde bewohnen, besitzen keine Schlüssel, um die aus dem Wort
Auschwitz bestehende Chiffre zu entschlüsseln«. Dennoch will B. seinen
Vorsatz, an den er »sein Leben gesetzt« hat, erfüllen. Er wählt die
gefährliche Methode, »die zerstörerischen Kräfte, den Überlebenszwang, die
Mechanismen der Anpassung an sich selber zu registrieren, so wie sich Ärzte
früher selbst Gift verabreichten, um dessen Wirkung am eigenen Leib zu
erproben«. Die letzte Konsequenz dieser Versuchsanordnung, die die
Erkenntnis mit einschließt, dass derjenige, der am Leben bleibe, immer der
Schuldige sei, ist eine in ihrer bitteren Kürze schon wieder komische
Abschiedsnotiz B.s: »Seid mir nicht böse! Gute Nacht!«
Zurückgelassen hat B. eine offenbar parallel zu seiner vernichteten
»Anklageschrift gegen das Leben« entstandene »Komödie in drei Akten« mit dem
Titel »Liquidation«, die Keserû an sich gebracht hat. Ist es eine Komödie,
ist es eine Tragödie? Die Antwort gibt Adornos viel zitiertes Diktum des
Lachens über die Lächerlichkeit des Lachens und über die Verzweiflung: »So
wenig Kunst mehr heiter ist, so wenig mehr ist sie, angesichts des
Jüngstvergangenen, ganz ernst.« Oder, in den Worten B.s: »Der Überlebende,
sagte er, sei nicht tragisch, sondern komisch, weil er kein Schicksal habe.«
Als selbst ernannter Nachlassverwalter liest Keserû das prophetische
Theaterstück immer wieder und zitiert Szenen daraus, die unheimlicherweise
nach dem Tod B.s tatsächlich geschehen sind. Figurieren doch in diesem Text
Keserû und alle wichtigen Bekannten des Verstorbenen, deren »wirkliche«
Dialoge B. vorwegnahm und aus dem Grab heraus zu verlachen scheint. Mit der
nicht unkomischen Folge, dass Keserû als »Wirklichkeit« gewordene
Komödienfigur zusehends selbst Probleme mit der Annahme jener »Wirklichkeit«
bekommt, in der er nun weiter existieren muss.
Diese vertrackte Durchdringung von »Fiktion« und »Wirklichkeit« macht den
fast schon zu mathematischer Formelkürze verdichteten Roman Kertészs zu dem,
was man wohl, wäre nicht auch dieses Signet fragwürdig geworden, »große
Literatur« nennen müsste. Trotz seines tiefschwarzen Themas ist dieser Text
als humoristisches Planspiel lesbar.
Der Text entspringt der »Zeugensicherheit des allzeit ungerührten Blicks«,
den Keserû allein »wirklichen Schriftstellern« wie B. zuspricht, der – wie
Kertész – die Werke Thomas Bernhards und Peter Weiss’ übersetzt. Es ist ein
Blick, der »selbst noch Geschehnisse, die (solche Schriftsteller; J.S.)
emotional oder psychisch zutiefst beanspruchen, unparteiisch und
unbestechlich registriert, während ihre Alltagspersönlichkeit sich ganz und
gar in diesen Geschehnissen verliert«. Diese Poetologie weist zurück auf
Kertészs »Roman eines Schicksallosen« (1996). Kertészs philosophische
Grundthese taucht auch in »Liquidation« mehrfach auf: »Der Mensch der
Katastrophe habe kein Schicksal, keine Eigenheiten, keinen Charakter.«
Nicht nur zu Bernhards über 600seitiger »Auslöschung« legt Kertész in seinem
nur 142seitigen Kabinettstück allerlei intertextuelle Querverweise aus. Das
Buch ist auch als eine Krimigeschichte, als ein komplexes Elaborat lesbar,
das in vielen Motiven an Vladimir Nabokovs Meisterwerk »Fahles Feuer« von
1962 erinnert. Auch dort bringt der Erzähler ein rätselhaftes Manuskript an
sich, aus dem er dem Leser die Biografie des verstorbenen Freundes und
Dichters Shade zu erschließen versucht, tatsächlich aber – zusehends
abschweifend und darin Keserû ähnelnd – seine eigene Geschichte in den Fokus
rückt. B.s Auftrag, sein Hauptwerk nach seinem Tod zu verbrennen, gemahnt
zusätzlich an Franz Kafka, dessen Weisung Max Brod bekanntlich nicht
erfüllte. Das große gnostische Axiom B.s schließlich, wonach das
Lebensprinzip das Böse sei, erinnert als zentrales literarisches Motiv nicht
nur stark an Bernhard und Nabokov, sondern, last but not least, auch an das
Werk Arno Schmidts.
Mit anderen Worten: Kertész unterhält sich nebenbei mit der Weltliteratur.
In »Liquidation« wird die ursprünglich von Novalis stammende, aber nach dem
Holocaust nur noch unter verkehrten, negativen Vorzeichen lesbare Idee
wiederholt, dass unser Leben bestenfalls eine Karikatur der großen Romane
sei. »In mir schlummern Massen von Büchern«, sagt Keserû einmal, und die
Literatur bleibt das einzige, an das er noch glauben kann: »An nichts sonst,
einzig und allein an die Literatur. Die Menschen leben wie die Würmer, aber
sie schreiben wie die Götter.« Nur noch Bücher vermögen ihm das Chaos der
Welt, den großen Scherbenhaufen notdürftig zu ordnen. Die Literatur »ist der
Spinnenfaden, der unser aller Leben zusammenhält, der Logos«.
Doch natürlich muss auch dieses Pathos ins Leere laufen. Auch jene letzte,
von Keserû beschworene goldene Kette riss mit Auschwitz ab, was es dem von
ihm so bewunderten B. unmöglich macht, sein verlorenes Schicksal literarisch
zu beschreiben, und ihn zwingt, sein als belanglos erachtetes Manuskript
zuletzt vernichten zu lassen. B. verdankt sein Leben einem
unwahrscheinlichen Zufall, einer banalen Betriebspanne in einer den
Nachgeborenen unvorstellbar gewordenen Vernichtungsindustrie. Würde er seine
Überlebensgeschichte als »Sandkorn im Getriebe der Leichenhackmaschinerie«
aufschreiben, wäre sie Kitsch. Auch der Erzähler des Romas begreift dies
letztlich – und damit die Konsequenz, dass überhaupt keine Geschichte mehr
so erzählbar ist wie ehedem. Dass der Leser mit »Liquidation« trotzdem
wieder eine Geschichte in Händen hält, die an den Holocaust erinnert, ist
eben jenes Paradoxon, das den Roman zu »großer Literatur« macht.
hagalil.com
13-05-08 |